Der -$EV-Push
Einleitung
In diesem Artikel
- Warum du manchmal vom ICM abweichen solltest
- Welche Faktoren deine Pushingrange beeinflussen
- Wie du gegen -$EV-Pushes deiner Gegner spielst
„Es war zwar nur 64o, aber in der Situation musste ich einfach pushen“, „Die Hand ist natürlich nicht in der Nashrange, aber einen besseren Spot bekomme ich meist nicht mehr“, „Da ich gleich im BB bin, reicht mir hier auch 52s“. Diese und ähnliche Sätze begegnen dir mit Sicherheit regelmäßig im Handbewertungsforum und hinter solchen Aussagen verbirgt sich das Konzept des -$EV-Pushs.
Zu Beginn schüttelt es einen oft, wenn man sieht, mit welchen Händen man seine ganzen Chips in die Mitte stellen soll, doch für einen erfolgreichen SnG-Spieler ist es unvermeidbar, sich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. In diesem Artikel lernst du, was ein -$EV-Push ist, warum du -$EV-Pushes machst und welche Faktoren sich wie auf deine Pushingrange auswirken.
Zum Schluss bekommst du noch einige Anregungen zur Reaktion auf -$EV-Pushes und -$EV-Calls.
Was ist ein -$EV-Push?
Wie es der Name schon verrät, ist ein -$EV Push ein Push, bei dem du mit einer Hand All-In gehst, bei der zum Beispiel der SnG-Wizard einen Fold empfehlen würde.
Wenn du also deinen $EV vor der Hand mit dem Independent Chip Model (ICM) berechnest und mit dem, den du im Mittel nach dieser Hand hast, vergleichst, so ist deine Equity gesunken.
Wieso gehst du mit Absicht -$EV-Situationen ein?
Auf den ersten Blick scheint es also nicht sonderlich ratsam zu sein, einen -$EV-Push zu machen. Es gibt aber einen Grund, wieso du dich nicht immer blind auf den $EV, den dir das ICM für eine Aktion gibt, verlassen kannst. Dieser ist, dass es sich eben nur um ein Modell handelt.
Bekanntlich berechnet dieses Modell den Anteil jedes Spielers am Preispool wie bei einer zufälligen Verlosung und zwar nur auf Basis der Stackgrößen. Faktoren wie Blindgröße, Spielstärke und sämtliche Komponenten des Future Games finden keine Berücksichtigung.
Daher kann es vorkommen, dass das ICM deinen tatsächlichen Erwartungswert unter- oder überschätzt. Es ist also an dir, die Situation detailliert zu analysieren und zu entscheiden, ob der richtige Zeitpunkt für einen laut ICM -$EV-Push gekommen ist. Dies ist absolut nicht leicht und die folgende Diskussion der einzelnen Faktoren wird dir aufzeigen, auf was du alles achten solltest.
Wann machst du einen -$EV-Push?
Die folgenden Faktoren solltest du stets berücksichtigen und gegeneinander abwägen, wenn du überlegst, ob ein -$EV-Push angebracht ist.
- Dein Stack
- Deine Hand
- Deine Position
- Die gegnerischen Stacks
- Reads auf die Gegner
- Anzahl der Gegner
- Die Blindstruktur
- Das Future Game
Dein Stack
Die größte Stärke in deinem Spiel im Vergleich zu eher schlechteren Spielern ist wohl die Tatsache, dass du das Konzept des loosen und direkten Pushens in dein Spiel integrierst. Dadurch gewinnst du sehr viele Chips ohne einen Showdown und spielst somit nicht einfach nur ein Glücksspiel.
Dafür ist es unerlässlich, dass du mit deinem Stack ein gewisses Maß an Foldequity (FE) generieren kannst. Hast du zum Beispiel nur noch 3 BB und gehst All-In, so bekommt der Spieler im Big Blind stets Odds von 2:4,5 bzw. 1:2,25 und kann somit kaum noch eine Hand gegen dich folden.
Daher solltest du stets so gut wie möglich vermeiden, deinen Stack auf unter 4BB schrumpfen zu lassen. Folglich ist ein -$EV-Push meist bei einer Stacksize von ca. 3,5-6 BB angebracht, da du dann durch Blinds und Antes Gefahr läufst, deine FE zu verlieren.
Full Tilt Poker $12 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t200 (6 handed)
Stacks
Hero (t2030)
MP (t1437)
CO (t2553)
Button (t3140)
SB (t1500)
BB (t2840)
Du wirst nach den Blinds noch 1730 Chips haben und somit in einer ähnlichen Position sein, wie du es jetzt bist. Dein Stack zwingt dich also überhaupt nicht, von den Nashranges abzuweichen.
Full Tilt Poker $12 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t300 (6 handed)
Stacks
Hero (t2030)
MP (t1437)
CO (t2553)
Button (t3140)
SB (t1500)
BB (t2840)
Nach dem Zahlen der Blinds beträgt dein Stack nun 1580 Chips, also gut 5BB. Mit diesem Stack hast du meist gegen jeden Spieler ordentlich FE, da in dieser Phase des SnGs 5BB in der Regel für alle Spieler einen empfindlichen Teil ihres Stacks darstellen. Du bist also nicht unmittelbar genötigt, hier zu pushen.
Auf der anderen Seite ist dein Stack nach dem nächsten Zahlen der Blinds oder nach der nächsten Blinderhöhung keine 4 BB mehr wert, so dass die Situation bei weitem nicht mehr so entspannt wie im ersten Beispiel ist. Auch hier solltest du schon die eine oder andere Hand mehr pushen, als es die Nashrange erlaubt.
Full Tilt Poker $12 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t400 (6 handed)
Stacks
Hero (t2030)
MP (t1437)
CO (t2553)
Button (t3140)
SB (t1500)
BB (t2840)
Solltest du in diesem Fall ohne eine Hand zu spielen durch die Blinds gehen, so fiele dein Stack auf 1430 Chips. Dies entspräche etwa 3,5 BB, so dass bei einem Push deinerseits der jeweilige BB Odds von 2,5:5 also genau von 1:2 bekäme.
Wenn er es sich vom Stack her leisten kann und ein gutes Spielverständnis hat, wird er dich also sehr loose callen. Diese Situation ist absolut nicht erstrebenswert, so dass es hier oft das kleinere Übel sein kann, UTG eine Hand zu pushen, die noch nicht in der Nashrange auftaucht und es zum Teil tatsächlich ratsam ist, drastisch von der Nashrange abzuweichen.
Deine Hand
Dieser Punkt ist nicht spezifisch für -$EV-Pushes, soll aber der Vollständigkeit halber auch erwähnt werden. Natürlich bist du stets bemüht, eine Hand zu halten, die im Falle eines Calls noch eine halbwegs gute Equity besitzt. Dabei spielen besonders Equityüberlegungen gegen die Callingranges eine wichtige Rolle.
Party Poker $11 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t400 (4 handed)
Stacks
Hero (t2132)
BU (t7937)
SB (t4855)
BB (t5076)
Laut Nash darfst du hier folgende Range pushen: 22+ A2s+ A4o+ K8s+ KTo+ Q9s+ QJo J9s+ T9s 98s (25,8%) Dies ist natürlich viel zu tight. Wie in Beispiel 3 erläutert, wirst du im Falle eines Folds in eine sehr unangenehme Situation manövriert und solltest dich mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass dir dies widerfährt. Allerdings hilfst du dir auch nicht, wenn du hier einfach blind any two reinstellst.
Gegen eine Callingrange von zum Beispiel 20% hast du mit 32o knapp 30% Equity, mit 76s allerdings immerhin gut 36,5%. Beträgt die Callingrange mehr als 50%, so verschieben sich die Equities auf über 30,5% und über 39%. Du siehst also, dass es noch einen gehörigen Unterschied gibt, obwohl beide Hände nicht in der Nashrange sind.
Die logische Konsequenz ist, dass du auch im Falle eines -$EV-Pushes noch in Ranges denken solltest und nicht nur die Extrema "stur nach Nash spielen" und "verzweifelt alles reinhämmern" kennen. Im Verlaufe eines Turniers verändert sich dies graduell und abermals ist es an dir, ein gutes Gespür für diese Veränderungen zu entwickeln.
Deine Position
Hier ist vor allem entscheidend, wann du wieder den BB zahlen musst. Wenn du einmal im Nash-Trainer die Equity des BB vor und nach einer Hand vergleichst, so wirst du feststellen, dass er stets an Equity verliert.
Zum Beispiel bei fünf Spielern mit jeweils 4000 Chips ist es vorprogrammiert, dass der BB im Durchschnitt 1% seines Anteils am Preispool verlieren wird, was du dir auch noch einmal mit dem Nash-Trainer vergegenwärtigen solltest. Um diesem Equityverlust vorzubeugen, nimmst du gern zuvor noch einmal die Blinds mit. Dies führt dazu, dass gerade UTG eine beliebte Position für einen -$EV-Push ist.
Andererseits hast du bei einem Push aus UTG die maximal mögliche Anzahl an Spielern hinter dir und läufst somit große Gefahr, in eine gute Hand zu laufen. Hinzu kommt, dass gute Spieler mit der Zeit erkennen werden, dass du UTG -$EV-Pushes machst und ihre Callingrange anpassen.
Dadurch bedingt ist es nicht ratsam, die -$EV-Pushes ausschließlich aus UTG zu machen, sondern schon im gesamten Orbit, bevor dich die Blinds empfindlich treffen werden, nach einer guten Situation Ausschau zu halten. Es ist dann stets an dir, abzuschätzen, ob du in den verbleibenden Händen bis zum Zahlen des BB noch eine bessere Situation vorfinden wirst oder nicht.
Die gegnerischen Stacks
Hier sollte dein erster Blick dem Stack des BB gelten, denn er ist der Spieler mit den besten Odds, da er schon am meisten bezahlt hat. Du musst dir überlegen, wie sehr du ihn mit deinem Stack unter Druck setzen kannst. Ist er sehr short, so muss er einfach sein Glück im Showdown suchen. Ist er deep, so machen ihm deine 5BB nicht viel aus und er wird dich ebenfalls recht loose callen.
Optimal ist also ein Stack in der Größenordnung deines eigenen, da du ihn dann empfindlich verletzen kannst, wenn du gegen ihn gewinnst. Der zweite Blick sollte dann alle anderen Stacks erfassen und jeweils überlegen, ob einer der Gegner einen guten Grund hat, deinen Push eher loose zu callen.
Dies tun meist Shortstacks, die bei den guten Odds auch marginale Hände nicht mehr folden können oder Bigstacks, die einfach Flops sehen wollen und sich mit dem Foldbutton noch nicht gut angefreundet haben. Der Optimalfall ist auch hier, dass alle ähnlich viele Chips haben wie du.
Party Poker $11 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t400 (4 handed)
Stacks
Hero (t1986)
BU (t10214)
SB (t4930)
BB (t2870)
Hier darfst du laut Nash 19,8% pushen.
Party Poker $11 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t400 (4 handed)
Stacks
Hero (t1986)
BU (t10214)
SB (t2870)
BB (t4930)
Nun sollst du 22,5% pushen.
Man sollte also meinen, dass du in der zweiten Situation sogar ein ganzes Stück looser sein solltest, dies ist jedoch nicht zu empfehlen. Der Grund liegt beim BB. Dieser bekommt in beiden Fällen dieselben Odds, da dein Stack unverändert ist.
Jedoch pushst du in Beispiel 5 in deinen nächsten Konkurrenten und bist nach einem erfolgreichen Push gleichauf mit ihm. Ferner wird es sich der Spieler mit den 3000 Chips in Beispiel 5 zweimal überlegen, ob er hier gegen dich All-In kommen möchte, da er im Falle einer Niederlage so gut wie immer der Bubbleboy sein wird.
Reads auf die Gegner
Natürlich sagen dir die Stacks allein noch nicht, wie viel FE du gegen einen gewissen Gegner hast. Es ist immer und in jeder Situation richtig und wichtig, Reads auf deine Gegner zu sammeln. Wenn du überlegst, einen -$EV-Push zu machen, solltest du dir folgende Fragen stellen:
- Habe ich ihn schon zu loose callen gesehen?
- Hat er einmal bei einem klaren Call lange überlegt? (Achtung, dies könnte auch durch Multitabling bedingt sein)
- Hat er schon Oddscalls ausgelassen?
- Wie sehr respektiert er Pushes von Shortstacks?
All dies sind Faktoren, die in knappen Situationen den entscheidenden Ausschlag geben können, welche Aktion die bessere ist. Du kannst also nicht aufmerksam genug auch die Hände beobachten, an denen du nicht beteiligt bist.
Party Poker $11 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t400 (5 handed)
Stacks
UTG (t5310)
Hero (t2010)
BU (t4740)
SB (t3925)
BB (t4015)
Preflop: UTG folds.
Auf den jetzigen UTG hast du den Read, dass er keine Ahnung von guten Odds hat und generell eher tight callt.
In diesem Fall ist es klar, dass du in dieser Hand nicht verzweifelt loose pushen musst, da in der nächsten Hand ein sehr guter Spot kommt, in dem du sicher first in kommst und dann in den tight callenden Spieler reinpushen kannst.
Du bist also nicht gezwungen, einen großen -$EV in Kauf zu nehmen.
Party Poker $11 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t400 (5 handed)
Stacks
UTG (t5310)
Hero (t2010)
BU (t4740)
SB (t3925)
BB (t4015)
Preflop: UTG folds.
Dies ist eine identische Situation, aber nun hast du den Read, dass UTG sehr spielfreudig ist und seinen Fold in dieser Hand kannst du dir nur durch einen Missclick oder die plötzliche Landung eines Ufos auf seinem Schreibtisch erklären.
Nun ist Vorsicht angebracht. Du sitzt zwar noch nicht UTG, aber da du nicht damit rechnen kannst, gegen ihn viel FE zu haben, ist die nächste Hand nicht für einen -$EV-Push prädestiniert. Da du aber in der übernächsten Hand schon im BB sitzt, ist dies hier die letzte gute Gelegenheit, einen ordentlichen -$EV-Push anzubringen.
Die Anzahl der Gegner
Wie immer gilt auch hier der Grundsatz, dass du umso tighter pushen solltest, je mehr Leute noch hinter dir sitzen. Ein voller Tisch hat also einerseits die Nachteile, dass du nicht mehr so viele Hände pushen kannst und der Weg ins Geld noch weit ist, andererseits den Vorteil, dass du seltener in den Blinds sitzt und somit einfach noch mehr Chancen hast, gute Hände zu finden.
Auf das -$EV-Pushen wirkt sich das so aus, dass du bei vielen Spielern mit einem Stack von ca. 5BB schon den ganzen Orbit schauen solltest, ob du eine gute Gelegenheit zum Pushen findest, da du in den UTG-Positionen trotz deines Stacks nicht besonders loose pushen kannst.
Falls du einfach keine Chance bekommst, solltest du UTG dann nicht panisch mit jeder beliebigen Hand pushen. Schon wenn die Gegner dich nur mit 10% ihrer Hände callen, so bekommst du bei acht Spielern hinter dir schon zu 57% einen Call.
Die Blindstruktur
Bezüglich der Blindstruktur solltest du dir immer zwei Fragen stellen: „Wann werden die Blinds wieder erhöht?“ und „Um wieviel werden die Blinds erhöht?“.
Je kürzer die Zeit bis zur nächsten Erhöhung und je heftiger die Erhöhung, desto mehr musst du bereit sein, ein Risiko einzugehen, da deine Equity bei Passivität und hohen Blinds schnell schwindet.
Besonders wichtig sind diese Gedanken, wenn du durch die nächste Erhöhung deine FE verlieren würdest. Dann solltest du unbedingt versuchen, durch einen loosen Push noch an Chips zu kommen.
Party Poker, $11 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t200 (5 handed)
Stacks
Hero (t1200)
CO (t4810)
BU (t3444)
SB (t7636)
BB (t2910)
In der nächsten Hand steigen die Blinds. Da du dich auf Party Poker befindest, lautet die nächste Blindstufe 200/400. Im BB musst du also schon ein Drittel deines Stacks in die Mitte schieben, bevor du auch nur eine Karte in der Hand hast. Dies klingt wirklich nicht nach einem fairen Deal und du solltest dagegen vorgehen, indem du sehr loose die Chance suchst, wenigstens noch ein paar Chips vor dem Zahlen des BB zu ergattern.
Was sehr loose bedeutet, hängt immer von sehr vielen Faktoren ab und muss von Fall zu Fall entschieden werden. Gerade dieser Blindanstieg und die folgenden Blindlevel, bei denen in der Regel alle Spieler recht short sind, ist ein wichtiger Faktor, wenn nicht der wichtigste für das Spiel auf Party Poker. Daher solltest du dich, wenn du auf dieser Seite regelmäßig spielst, sehr intensiv mit der hier dargestellten Thematik auseinandersetzen.
Full Tilt Poker, $12 No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t200 (5 handed)
Stacks
Hero (t1200)
CO (t3466)
BU (t2142)
SB (t4040)
BB (t2652)
Die Blinds werden in diesem Fall nur auf 120/240 erhöht, sodass du immer noch 5BB zur Verfügung hast und auch nach dem Zahlen der Blinds mit 3,5BB zumindest in geeigneten Spots noch gut in der Lage sein solltest, FE zu generieren. Auch hier solltest du mit Sicherheit einige Hände mehr pushen, als es dir Nash empfiehlt, aber bei weitem nicht so viel wie in Beispiel 9.
Das Future Game
Dieser Punkt ist enorm wichtig und erfordert intensives Eindenken in die Situation. Auf Grund der nahezu beliebig großen Komplexität ist es hier lediglich möglich, Denkanstöße zu geben. Du solltest die Chance nutzen, über diese Punkte gut nachzudenken und stets die aktive Diskussion mit Lernpartnern, Videoproduzenten oder Handbewertern zu diesem Thema nutzen.
Ein essentieller Punkt sind die Stacks und die Spieler direkt hinter dir. Wenn du meinst, gegen diese im Blindbattle oder vom Button auch mit einem 3BB Stack noch FE zu haben, musst du mit 4,5BB UTG nicht verzweifelt loose pushen.
Weißt du hingegen, dass dich der Spieler hinter dir sowieso immer callt, wenn du aus später Position pushst, kommst du nicht um einen Showdown herum und kannst dann in früheren Situationen etwas looser dein Glück versuchen. Ein weiterer Faktor ist der Spieler rechts von dir. Wird er dir Walks geben? Je höher die Wahrscheinlichkeit dafür ist, desto geringer wird die Notwendigkeit für einen loosen Push aus UTG.
Ähnliches gilt natürlich für alle anderen Spieler am Tisch. Je öfter sie zu dir folden und auf deine Pushes folden, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass du noch profitable Pushes finden wirst und somit sinkt die Notwendigkeit für wirklich loose Pushes.
Gerade in Bubblesituationen ist es enorm wichtig, wer der BB ist. Bist du gemeinsam mit einem anderen Spieler der Shortstack, so solltest du gegen seinen BB sehr viel pushen, da dir dieser Push für das Future Game einen doppelten Vorteil bringt: Du hast mehr und er gleichzeitig weniger Chips.
Als Shortstack an der Bubble solltest du dich auch immer fragen, wie oft zwei deiner Gegner gegeneinander All-In gehen werden, bevor du bustest. Oft bekämpfen sich zwei Spieler in fast jeder Hand, sodass die Wahrscheinlichkeit, durch Warten in the Money zu kommen, ziemlich hoch ist. In einer solchen Situation solltest du nicht zu loose pushen.
Ein weiterer Ansatz an der Bubble ist ein -$EV-Push, um den Chiplead zu übernehmen. Dies solltest du aber nur an Tischen machen, an denen du den Gegnern zutraust, dass sie sich der tighten Callingranges an der Bubble bewusst sind und du dir auch wirklich den verlorenen $EV durch zukünftige Pushes wieder erwirtschaften kannst. Auf den niedrigen Limits solltest du dies also lediglich im Hinterkopf haben und nur in sehr sorgfältig ausgewählten Situationen anwenden.
Im Blindbattle spielt das Future Game auch eine bedeutende Rolle. Bist du im SB und hast eine Hand, mit der der Push gegen eine realistische Callingrange leicht -$EV ist, kann es trotzdem ratsam sein, diesen zu machen.
Hat zum Beispiel dein linker Nachbar leicht mehr Chips als du und sind die Blinds schon recht hoch, so entscheidet sich in dieser Hand, wer sich vom anderen absetzen kann. Gehen die Chips zu dir, so kannst du in den künftigen Runden schön loose in ihn pushen und hast den -$EV schnell wieder ausgeglichen. Foldest du hingegen, so sinkt deine FE gegen ihn und du musst in kommenden Runden eher tight gegen ihn sein und läufst so durch einen ausgelassenen Push Gefahr, den Anschluss an ihn zu verlieren.
Der Einfachheit halber wollen wir von Tischen ausgehen, bei denen in den Händen, in denen Hero nicht im SB sitzt, keine Chips hin und her wandern. Dies erspart mühsame Fallunterscheidungen.
No-Limit Hold'em Tourney, Big Blind is t400 (5 handed)
Stacks
UTG (t4000)
CO (t4000)
BU (t4000)
Hero (t4000)
BB (t4000)
Die Nashrange im SB beträgt dann 73,8%, leider hält Hero jedoch keine Hand aus dieser Range.
Hero foldet. In der nächsten Runde findet er im SB also wieder die identische Situation vor.
Hero pusht dennoch. Damit macht er zwar im Vakuum betrachtet etwas Verlust, dafür kann er aber im nächsten Orbit schon 76,8% profitabel pushen. Würde er den Walk verteilen, so wären es nur noch 69,8%. Es kann also vorkommen, dass man sich mit einem marginalen -$EV-Spot in zukünftigen Orbits an die 10% größere Pushingrange erkauft, was wiederum einige Chips wert ist.
Alle Fälle haben gemeinsam, dass du es bist, der stets entscheiden muss, ob der -$EV in den zukünftigen Spots wieder reingeholt werden kann oder nicht.
Wie spielst du gegen -$EV-Pushes?
Je besser deine Gegner werden, desto öfter werden auch sie das Konzept des -$EV-Pushes kennen und du musst überlegen, wie du dich dagegen verhältst.
Zunächst einmal solltest du auch hier sehr aufmerksam sein, wer wirklich -$EV-Pushes macht und dies auf jeden Fall in deinen Notes vermerken. Bei weitem nicht jeder Push aus UTG für ca. 5BB ist ein -$EV-Push. Ohne Reads solltest du auf niedrigen Limits zunächst immer davon ausgehen, dass der Gegner tatsächlich eine Hand hält.
Hast du nun den Read, dass ein Gegner -$EV-Pushes macht, so musst du ihn auf eine Range setzen. Dazu solltest du noch unterscheiden, ob er nur knappe -$EV-Pushes macht oder tatsächlich wahllos seine Chips in die Mitte stellt. Dem entsprechend erweitert sich dann deine Callingrange.
Für diese Rangeänderungen kannst du mit dem SnG Wizard oder dem PokerStrategy Equilator ein gutes Gefühl entwickeln.
Die Tatsache, dass ein Gegner -$EV-Pushes macht, lässt darauf schließen, dass er das Konzept des loosen Pushens und tighten Callens verstanden hat. Gegen einen solchen Gegner kannst du oft etwas looser stealen, da er seine Chips lieber als erster in die Mitte schiebt und ungern Pushes callt. Dies ist nur ein allgemeiner Read und er muss natürlich von Spieler zu Spieler verifiziert werden.
Solltest du auch -$EV-Calls machen?
Es kann durchaus Situationen geben, in denen ein -$EV-Call sinnvoll ist. Der Grund ist derselbe wie für das Pushen: Das ICM ist nur ein Modell und dein tatsächlicher $EV kann sich gerade bei hohen Blinds von dem, den dir das ICM zuweist, unterscheiden. Allerdings kommt dies deutlich seltener vor und du solltest lieber einen -$EV-Call zu wenig als einen zu viel machen.
Der fundamentale Unterschied zum Pushen liegt darin, dass du bei einem Call zwangsläufig All-In bist und den Showdown gewinnen musst, um davon zu profitieren. Nicht umsonst betrachtest du vor dem Pushen alle obigen Faktoren und suchst dir nur die Situationen aus, bei denen sehr viel für einen Push spricht. Du suchst FE an allen Ecken und Enden und nutzt diese aus. Beim Call hast du keine FE mehr.
Die Notwendigkeit für einen -$EV-Call ergibt sich meist wenn du schon sehr short bist und bei weiterem passiven Spiel deine FE verlieren würdest oder diese schon verloren hast. Und wenn du erst einmal sehr short bist, dann bist du oft auch nach dem Aufdoppeln noch stark unter Druck. Auch an der Bubble kann es durchaus sinnvoll sein.
Dies scheint zunächst absurd, da du ja weißt, dass die Callingranges dort sehr tight sind. Drehen wir aber die Situation mit dem Blindbattle um. Du sitzt also im BB und der SB ist ein guter Regular und pusht. Hat er danach mehr Chips als du, so wirst du an dieser Bubble nichts mehr zu Lachen haben, da er dir jeden einzelnen BB wegnehmen wird und auch sonst sehr oft pushen wird und dich damit zur Passivität verdammt.
Aus dieser Situation gibt es neben dem Hoffen auf Kartenglück zwei Auswege: Entweder du legst einmal einen loosen Call hin, der dich im Falle eines Sieges wieder zum Chipleader werden lässt und dir somit die Möglichkeit gibt, den verlorenen $EV wieder auszugleichen (ein weiterer Vorteil wäre, dass dein Gegner eventuell in Zukunft etwas weniger gegen dich pusht, was gerade bei Gegnern, mit denen du sehr oft spielst, Gold wert sein kann) oder du machst UTG -$EV-Pushes.
Denn dann sitzt besagter Regular im BB und wird dich nur tight callen, da er in einer sehr komfortablen Situation ist. Weiterhin ist das die einzige Situation, in der du vor ihm agieren kannst und gegen einen aggressiven Spieler somit deine einzige Chance, selber der Aggressor zu sein.
Diese Überlegungen sollen dich, wenn du noch auf niedrigeren Limits unterwegs bist, zum Nachdenken anregen. Dein Spiel sollten sie allerdings noch nicht zu sehr beeinflussen, da du nur selten mit wirklich guten Spielern in einer Bubblesituation sein wirst und dich meist einfach auf die dummen Fehler deiner Gegner verlassen kannst.
Zusammenfassung
Du hast nun gelernt, was ein -$EV-Push ist und warum du von Zeit zu Zeit einen solchen machen solltest. Weiterhin weißt du nun, auf welche Faktoren du dich konzentrieren solltest, wenn du vor einer knappen Entscheidung stehst.
Vielen der besprochenen Punkte gemeinsam ist das Suchen nach Foldequity. Wenn du schon keine gute Hand mehr bekommst, dann willst du wenigstens die bestmöglichen Chancen haben, den Pot ohne Showdown zu gewinnen. Du solltest daher im Optimalfall nicht in zu viele Shortys oder Bigstacks pushen und besonders die Spieler unter Druck setzen, denen dein Stack noch schaden kann.
Weiterhin solltest du stets gut überlegen, wie der Push deine Gesamtsituation im Turnier verändert und natürlich Reads über Reads sammeln, denn jede zusätzliche Information macht es dir leichter, die optimalen Spielzüge zu wählen.
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