Aktualisiert am 12 März 26 von

Odds in SNGs

Einleitung

In diesem Artikel

  • Warum Potodds täuschen können
  • Wie du gegen eine Range spielst
  • Was du bei einem Oddscall beachten solltest

Wie du vielleicht schon weißt, sind Chips in SNGs unterschiedlich viel wert.
Laut ICM ist es sogar so, dass jeder Chip, den du gewinnst, weniger wert ist, als ein Chip, den du verlierst.

Daraus resultiert, dass sich deine benötigte Equity bei gleichen Potodds und gleichen Ranges deiner Gegner in verschiedenen Situationen deutlich unterscheiden wird.

Das Problem mit den Potodds

Viele Spieler machen grobe Fehler in SNGs, weil sie die Potodds zu sehr in ihre Entscheidung einbeziehen. Dieses Vorgehen ist in der frühen Phase von MTTs oder im Cashgame vollkommen nachvollziehbar.

Die größten Fehler werden gemacht, wenn der Big Blind sich nach einem All-in eines Gegners vor dem Flop entscheiden muss, ob er mitgeht oder aussteigt.
Eine weitverbreitete Theorie besagt, dass du in so einer Situation immer callen solltest, wenn die Potodds 2 zu 1 oder besser sind.

Die Argumentation ist dabei folgende:
Du bekommst Potodds von 2 zu 1, d.h. du musst nur in etwas mehr als einem von drei Fällen gewinnen, damit der Call profitabel ist. Aber selbst 32o besitzt gegen AKo eine Equity von 34%, also solltest du mit allen Händen callen. Ein solcher Fall wird im weiteren Oddscall genannt.

Diese Argumentation ist jedoch schon im Cashgame falsch. Du spielst gegen Ranges und nicht gegen bestimmte Hände. Selbst wenn der Gegner jede Hand spielt, besitzt 32o gegen diese Range nur 32% Equity. Deshalb solltest du 32o folden.

Das Spielen gegen eine Range

Aber was solltest du nun callen, wenn du wüsstest, dass dein Gegner 100% der Hände spielt? Mit Hilfe des Equilators kannst du dir alle Hände anzeigen lassen, die gegen eine zufällige Hand eine Mindestequity von 34% besitzen.

Als Ergebnis erhältst du alle Hände bis auf 42o und 32o, das sind 98,2%.
Genauso kannst du vorgehen, wenn du deinem Gegner eine andere Range gibst.

34% EQUITY VS. RANGE

Basierend auf der potentiellen Range deines Gegners, kannst du nun ermitteln, welche Hände deine Mindestanforderung von 34% Equity erfüllen. Deine Callingrange sähe dann so aus:

  • 100% - 98.2%: alle Hände außer 42o, 32o
  • 90% - 96.4%: alle Hände außer 72o, 52o, 42o, 32o
  • 80% - 91%: alle Hände außer 83o-, 73o-, 63o-, 53o, 43o-, 32o
  • 70% - 87,3%: alle Hände außer 94o-, 84o-, 73o-, 63o-, 52o-, 43o-, 32o
  • 60% - 82,5%: alle Hände außer 72s, T4o-, 94o-, 84o-, 74o-, 63o-, 53o-, 43o, 32o
  • 50% - 78%: alle Hände außer 72s, J4o-, T5o-, 95o-, 84o-, 74o-, 63o-, 53o-, 32o-
  • 40% - 71%: alle Hände außer 72s, 32s, Q4o-, J6o-, T5o-, 95o-, 85o-, 74o-, 640-, 53o-, 43o-, 32o-
  • 30% - 63.5%: alle Hände außer 92s, 83s, 72s, 62s, 42s, 32s, K4o-, Q7o-, J6o-, T6o-, 95o-, 85o-, 74o-, 64o-, 53o-, 43o-, 32o
  • 20% - 52.4%: 22+, A2s+, K2s+, Q2s+, J3s+, T4s+, 95s+, 85s+, 74s+, 64s+, 53s+, A2o+, K9o+, Q8o+, J8o+, T7o+, 97o+, 86o+, 76o
  • 10% - 22.5%: 22+, A8s+, K6s+, Q8s+, J8s+, T8s+, 97s+, 87s, ATo+, KTo+, QTo+, JTo

Die Besonderheiten im SNG

Collin Moshman schreibt in seinem Buch "Sit'n Go Strategy" folgendes:
"If you are getting better than 2 to 1 on a preflop all-in call, and your call closes the action, calling is nearly always correct".
Kurz darauf ergänzt er noch, dass du, falls dein Stack nach einem Verlust der Hand crippled ist, doch folden solltest.

Diese Aussage ist leider viel zu allgemein und nur in wenigen Fällen richtig.
Betrachte dazu die zwei folgenden Situationen.

BEISPIEL 1

Du befindest dich an der Bubble eines SNGs.
(Mit SNG wird in diesem Artikel ein 10max SNG mit der normalen Auszahlungsstruktur 50/30/20 bezeichnet.)

Hero hält 43o im BB.
Blinds 150/300

CO 2830
BU 5065
SB 825
Hero 6280

2 folds, Sb bets 825, Hero ?

Hero muss 525 Chips zahlen, um 1125 Chips zu gewinnen. Er bekommt also Odds von 2.15 zu 1, muss also in ~32% der Fälle gewinnen, um breakeven zu spielen.

Was sind aber nun die wahren Odds?
Hierzu berechnest du mit Hilfe des ICMs deine Equity nach einem Fold, Call&Win und Call&Lose.

  • Equity(Hero wins) = 37,75%
  • Equity(Hero folds) = 33,97%
  • Equity(Hero loses) = 32,11%

Für einen Call mit $EV = 0 muss folgendes gelten:

 


Equity(Hero| Hero calls) = Equity(Hero| Hero folds)
I * (EQ(Hero wins)) + (1 - I) * EQ(Hero loses) = EQ(Hero folds)
I = EQ(Hero folds) - EQ(Hero loses)/(EQ(Hero wins) - EQ(Hero loses))
I = 0.3397 - 0.3211/ 0.3775 - 0.3211
I = 0.0186/ 0.0564
I ~ 33%

Dabei ist I die benötigte Gewinnwahrscheinlichkeit.
Über I kannst du nun deine echten Odds berechnen.
Falls deine Gewinnwahrscheinlichkeit X/Y ist, erhältst du die Oddsdarstellung Y-X zu X bzw. (Y-X)/X zu 1.

Im obigen Fall ist das (3-1)/1 zu 1, also 2:1

Im weiteren Verlauf werden die Odds, die dir die Chips liefern als cOdds und die Odds, die du laut ICM besitzt als $Odds bezeichnet.
In diesem Beispiel gilt also:
Die cOdds sind 2.15:1 , aber die $Odds sind nur 2:1.

Du benötigst also laut ICM 1% mehr Equity, als es dir die Chips diktieren würden.
Da du mit 43o gegen seine Randomhand eine Equity von 35% hast, solltest du callen.
In diesem Beispiel ist der Unterschied also eher marginal.

BEISPIEL 2

Du bist 5handed in einem SNG.

Hero hält J7o im BB.
Blinds sind 200/400

UTG 1365
CO 2620
BU 4125
SB 3240
Hero 3650

UTG bets 1365,3 folds, Hero ?

Hero bekommt cOdds von ungefähr 2:1, benötigt also wieder 33% Equity.
Über die gleiche Rechnung wie im ersten Beispiel berechnest du, dass du 37% Equity benötigst, was $Odds von 1.7:1 entspricht.

Wenn du annimmst, dass du gegen eine zufällige Hand spielst, solltest du den Chips nach mit allen Händen außer 32o callen aber nach $Odds zusätzlich 82o,73o-,63o-,53o-, und 43o- folden.
Das entspricht einer Callingrange von 91% statt einer Callingrange von 99%.

Gegen tightere Ranges wie etwa 50% solltest du deutlich mehr folden.
Hier reduziert sich deine Callingrange von 83% (nach cEV) auf 56%(nach $EV).
Du solltest also jede dritte Hand aus deiner Range folden, mit der du laut cEV breakeven spielst.
Mit J7o solltest du also gegen eine 100% Range callen, aber gegen eine 50% Range folden.

Du kannst also festhalten, dass es auch bei Oddscalls unerläßlich ist, den Gegner auf eine Range zu setzen.

Deine Equity bei einem Oddscall

Wie kannst du wissen, wieviel Equity du bei einem Oddscall benötigst?

Dazu musst du deine Situation genauer analysieren, indem du dir etwa folgende Fragen stellst:

  • 1. An welcher Position im Chipcount stehst du nach einem Fold?
  • 2. Wie ändert sich deine Position, wenn du die Hand spielst?
  • 2.1 Ändert sich etwas an deiner Position, wenn du die Hand verlierst? Wenn ja, wieviele Plätze verlierst du?
  • 2.2. Ändert sich etwas an deiner Position, wenn du die Hand gewinnst? Wenn ja, um wieviele Plätze steigst du auf?
  • 3. Wie ändert sich die Position deines Gegners, wenn du die Hand spielst?
  • 3.1 Ändert sich etwas an seiner Position, wenn er die Hand gewinnt? Wenn ja, wieviele Plätze macht er gut?
  • 3.2 Wie ändert sich seine Position, wenn du foldest?

Beantworte nun einmal die Fragen für beide Beispiele und vergleiche die Ergebnisse.

Beispiel 1:

  • 1. Du bleibst Chipleader.
  • 2.1 Nein, auch hier bleibst du Chipleader.
  • 2.2 Nicht wirklich, obwohl mehr Chips sicher gut sind.
  • 3.1 Er bleibt der Smallstack.
  • 3.2 So bleibt sein Stack sogar noch kleiner.

Oder in einer grafischen Darstellung:

tabelle_1

Beispiel 2:

  • 1. Du bleibst Zweiter in Chips, der Chipleader setzt sich aber etwas ab.
  • 2.1. Ja, du hast nur noch ~2200 Chips und bist Smallstack. Aber gegen UTG, CO und SB besitzt du noch eine Menge Foldequity.
  • 2.2 Ja, du bist Chipleader mit 3 BB Vorsprung und befindest dich an der Bubble. (Das könnte sogar ein guter Grund für einen -EV Call sein, aber
    das soll hier außer Acht bleiben.)
  • 3.1 Nun ist er einer von vier Smallstacks, die zu diesem Zeitpunkt anfangen müssen, um Platz 2 und Platz 3 zu kämpfen.
  • 3.2 Er bleibt Smallstack, kommt dem CO aber näher.

Oder in einer grafischen Darstellung:

Erst danach solltest du dir darüber Gedanken machen, wie deine Hand gegen die geschätzte Range des Gegners spielt.

Durch die Beispiele kannst du eine wichtige Tatsache festhalten: Selbst bei scheinbar klaren Oddscalls solltest du in den meisten Fällen die schlechtesten Hände folden.
Vor allem wenn du dir über die Range des Gegners nicht sicher bist.

In Fällen, in denen du nicht dein Turnierleben in Gefahr bringen willst, reicht es in den meisten Fällen nur Calls mit Händen zu machen, die ca. 2% - 3% mehr Equity gegen die Range des Gegners haben, als es dir die cOdds vorschreiben würden.

Wieviel Equity du benötigst, wenn du deinen Stack durch einen Call cripplen bzw. busten würdest, kannst du an folgendem Beispiel sehen.

BEISPIEL 3

Du bist 6 handed in einem SNG.

Hero hält Q2o im BB.
Blinds sind 200/400

UTG 2590
UTG+1 2175
CO 1085
BU 3420
SB 4360
Hero 1370

4 folds, SB bets 1370, Hero?

tabelle_3

Deine cOdds sind 1770:970 oder 1.8:1. Du müsstest also mindestens in 35% der Fälle gewinnen, um breakeven zu sein.
Deine $Odds ergeben sich als 1.4:1. Du benötigst also etwa 6% mehr Equity gegen seine Range.

Wenn du nun annimmst, dass der SB dich mit 60% allin setzt, könntest du mit 22+, A2s+, K2s+, Q2s+, J7s+, T8s+, 98s, A2o+, K2o+, Q6o+, J8o+, T9o
callen. Da Q2o nur 38% Equity gegen diese Range besitzt, solltest du laut ICM folden.
Der Fold ist aber alles andere als klar und man kann argumentieren, dass du in der nächsten Hand den SB zahlen müsstest, der dich zusätzliche Equity kostet und das ICM die Equity von sehr kleinen Stacks stark überschätzt.

Falls du deinen Stack durch einen Call cripplest oder womöglich nach einem Verlust der Hand ausscheidest, solltest du für einen Call 5%-6% mehr Equity besitzen, als es dir die cOdds vorschreiben.

Aber das ICM ist nicht perfekt. In manchen Fällen solltest du durchaus scheinbare -$EV Calls machen.

Etwa wenn du mit 5-6 BB im Big Blind sitzt, ein looser Gegner aus einer Stealposition pusht, nach deinem Fold die Blinds steigen und du so
einen Großteil deiner Foldequity verlierst.

Zusammenfassung

Die dir gebotenen Odds sind in einem SNG meistens deine realen Odds. Aber auch wenn deine Odds sehr gut sind, solltest du nicht vergessen, dass es auch hier eine Frage der Ranges bleibt.

Erst wenn du Odds von 3:1 oder besser auf deinen Call bekommst, kannst du in den meisten Fällen callen, ohne dir davor Gedanken über die Range deines Gegners zu machen.

Durch die wandernden und regelmäßig zu zahlenden Blinds kommt es aber auch immer wieder zu Situationen, in denen du von den Empfehlungen des ICM abweichen solltest. Deine gewöhnliche Strategie sollte aber dem ICM folgen.