Spielanalyse (3)
Einleitung
In diesem Artikel
- Die praktische Anwendung der Spielanalyse
- Welche Gefahren in den verschiedenen Spielarten lauern
- Wie du mit einer Analyse die optimale Line findest
Im dritten Teil der Serie zur Spielanalyse werden wir uns nach den technischen und mathematischen Hintergründen mit den großen Zusammenhängen und der praktischen Anwendung beschäftigen.
Anhand von Beispielen wirst du sehen, wie sich diverse Entscheidungen und Annahmen in der Analyse einer Hand auswirken, was es zu beachten gibt und wie du für die gegebene Situation den bestmöglichen Weg finden kannst.
Verschiedene Spielarten – verschiedene Gefahren
Die Detailanalyse funktioniert an sich für jede Spielart gleich. Die folgenden Schritte werden bei jeder Setzrunde durchgeführt.
- Bestimmung der Ausgangssituation (eigene Karten, Board, Pot, Einsätze, Anzahl Gegner)
- Bestimmung der benötigten Equity
- Bestimmung der gegnerischen Range(s)
- Berechnung der tatsächlichen Equity
Trotzdem gibt es je nach Spielart unterschiedliche Dinge zu beachten. Du solltest also immer aktiv mitdenken und dich nicht nur auf die errechneten Zahlen verlassen. Hier ein paar Beispiele zu diversen Spielarten:
Bei der Shortstackstrategie ergeben sich eventuell problematische Situationen aus dem ziemlich kleinen Stack. Hier ein Beispiel zum besseren Verständnis:
0,05/0,10 No-Limit Hold'em (9 handed)
Preflop: Hero is BU with
2 folds, MP1 calls $0.10, 2 folds, CO calls $0.10, Hero raises $0.60, SB folds, BB calls $0.50, MP1 calls $0.50, CO calls $0.50
Flop: ($2.45) (4 players)
BB bet $2.45, 2 fold, Hero...
Wenn wir uns diese Situation ansehen und die entsprechenden Werte in die Formel eintragen, ergibt sich folgendes Bild:
Benötigte Equity = 2,45 / (4,80+2,45) * 100 = 33%
Problem hier: Du hast keine $2.45 mehr. Dein möglicher Verlust und damit das Risiko an dieser Stelle beträgt somit $1.40. Da du effektiv nie um mehr spielen kannst, als du selbst hast, darfst du auch den gegnerischen Einsatz nicht so hinnehmen. Dadurch, dass du selbst nur $1.40 halten kannst, kann der zu gewinnende Betrag nur maximal $3.75 (Potgröße $2.45 + unser Maximalwert $1.40) sein.
Mit diesen Werten ändert sich aber auch das Ergebnis der Formel:
Benötigte Equity = 1.40 / (3.75 + 1.40) * 100 = 27%
Wir können hier im Vergleich zum eingegangenen Risiko mehr gewinnen und benötigen deshalb eine kleinere Mindest-Equity.
0,05/0,10 No-Limit Hold'em (9 handed)
Stacks & Stats
MP3: $10
Stats: 17/7/3.0 (VPIP/PFR/AF)
Preflop: Hero is BB with
4 folds, MP3 raises $0.40, 3 folds, Hero calls $0.30
Flop: ($0.85) (2 players)
MP3 bets $0.85, Hero...
Deine benötigte Equity wäre in diesem Fall etwa 33%. Je nachdem, wie du die Range für MP3 festlegst, kommst du auf eine Equity zwischen 20 und 30%.
In solchen Fällen lohnt sich unter Umständen ein Blick auf die Implied Pot Odds. Wirst du, wenn du im weiteren Handverlauf z.B. das Set triffst, dem Gegner noch genügend Geld aus der Tasche ziehen können?
Mit den Implied Pot Odds verhält es sich ähnlich wie mit der Rangebestimmung. Du bist auf dich allein gestellt und musst versuchen, eine möglichst der Realität entsprechende Annahme zu treffen. Auch hier gibt es wieder keine klar definierten Regeln.
Du solltest auf jeden Fall im Hinterkopf behalten, dass mit Implied Pot Odds nur sehr sparsam gearbeitet werden sollte. Sie können knappe Entscheidungen beeinflussen, allerdings sowohl positiv als auch negativ.
Bei der Midstackstrategie werden die beiden gerade erwähnten Gefahren deutlicher. Es kann durchaus vorkommen, dass du mit einem Einsatz konfrontiert wirst, der größer als dein Reststack ist. Auf der anderen Seite kann es natürlich auch sein, dass du dir Implied Pot Odds anrechnen kannst, wenn du einen gegnerischen Einsatz noch mitgehst. Durch die mittlere Stackgröße hast du meistens zumindest am Flop noch ein brauchbares Polster, um in der Folge durch geschickte Einsätze Geld zu verdienen.
Beim Fixed Limit stehst du vor einer komplett anderen Situation. Aufgrund der Spielregeln sind die Pot Odds und damit auch die benötigte Equity meistens sehr gut. Dein Hauptproblem hier: Du musst die gegnerische Range sehr genau treffen. Schon kleine Fehlannahmen können sich dramatisch auswirken.
Versuche hier also, dich so gut wie möglich in den Gegner hineinzuversetzen. Mit welchen Händen legt er diese Spielweise an den Tag? Spielt er so nur Monster oder auch ab und an mal einen Bluff? Wenn ja, macht er das oft genug, um es überhaupt in Betracht zu ziehen oder kann diese Variante ignoriert werden?
Du siehst also, mitdenken ist gefragt, einfach drauflosrechnen kann furchtbar schief gehen.
Die optimale Line bestimmen
Wenn du die Analyseartikel bis hierhin aufmerksam gelesen und verstanden hast, weißt du bereits, dass ein wichtiger Punkt der Tätigkeit die Bestimmung des optimalen Verhaltens sein sollte.
Klar kannst Du dich auch rein auf die Bestätigung deiner Aktionen konzentrieren, aber ab und zu lohnt es sich, auch ein paar Ecken weiter zu denken, um in zukünftigen ähnlichen Situationen vielleicht bessere Entscheidungen zu treffen.
Auch hier spielen die Konzepte der Equity und der benötigten Equity die entscheidende Rolle. Vereinfacht ausgedrückt solltest du folgendes Ziel verfolgen:
- Trage soviel zum Pot bei, wie es deiner Equity gegen die gegnerische(n) Range(s) entspricht.
Was bedeutet dieser Satz nun? Hier ein kleines Beispiel:
0,05/0,10 No-Limit Hold'em (9 handed)
Stacks & Stats
MP2 17/5/4.0 (VPIP/PFR/AF)
BU 20/4/2.0 (VPIP/PFR/AF)
Preflop: Hero is BB with
3 folds, MP2 calls $0.10, 2 folds, BU calls $0.10, SB folds, Hero checks
Flop: ($0.35) (3 players)
Hero checks, MP2 bets $0.20, BU calls $0.20, Hero...
Der erste Schritt besteht darin, die benötigte Equity zu berechnen.
Risiko: $0.20
Möglicher Gewinn: $0.75
Benötigte Equity = 0.20/(0.75+0.20) * 100 = 21%
Weiter geht es mit der Equityberechnung. Hier werden zuerst die gegnerischen Ranges bestimmt.
Anhand der Stats kannst du schon relativ gut feststellen, mit welchen Ranges die Gegenspieler am Flop stehen könnten.
Da MP2 bei den Postflop-Werten einen relativ hohen AF hat, sollte dich dieser Einsatz auch noch nicht allzu sehr beunruhigen. Es kann sich genauso gut um ein Ablenkungsmanöver handeln, um BU und dich aus der Hand zu drängen.
BU ist den Einsatz mitgegangen, wird also nicht unbedingt den größten Schrott halten. Eine wirklich starke Hand hätte sich aber vermutlich auch etwas deutlicher mit einer Erhöhung gemeldet.
Gehen wir von einer mehr oder weniger Standard-Range aus, könnte sich folgendes Bild ergeben:
Deine benötigte Equity ist derzeit kleiner als die tatsächlich errechnete, deshalb kannst du den Einsatz auf jeden Fall mitgehen. Aber hier wollen wir uns auch noch den Alternativen widmen.
Fold:
Die Hand einfach so aufzugeben kommt nicht in Frage, dafür ist deine Equity einfach zu gut. Wenn du jedoch Anhaltspunkte hättest, dass MP2 hier über eine relativ starke Hand verfügt und du die Range entsprechend anpasst, kann es natürlich auch vorkommen, dass du besser aufgeben solltest.
Nach den oben durchgeführten Annahmen und der Berechnung sollte aber Aufgeben keine annehmbare Alternative sein.
Raise:
Kannst du hier selber erhöhen? Theoretisch ja, der entsprechende Button ist vorhanden und du kannst auch jederzeit einen Betrag eingeben. Ob es sinnvoll ist oder nicht, steht auf einem anderen Blatt.
Zur Berechnung der Situation bei einer Erhöhung musst du die Werte etwas abändern. Zuerst einmal gilt es zu bestimmen, wie groß die Erhöhung ausfallen wird. Nimm dazu an, dass du mit dem Gedanken spielst, auf $0.80 zu erhöhen. Daraus ergeben sich folgende Werte:
Risiko: $0.80
Möglicher Gewinn: $0.70
Benötigte Equity = 0.80/(0.70+0.80) * 100 = 53%
Der Wert sieht auf den ersten Blick erschreckend hoch aus. Deine Equity wird nur in den seltensten Ausnahmefällen die benötigte Grenze erreichen. Aber das muss sie auch gar nicht. Hier schlägt als wichtiges Merkmal die Foldequity voll zu.
Im Grunde genommen spielst du ja nicht gegen die gesamte gegnerische Range. Auf deine Erhöhung hin werden die Gegenspieler sich wahrscheinlich von einigen Händen trennen. Genau das wird mit der Foldequity ausgedrückt.
Schau dir die Range von MP2 an:
Diese Range entspricht etwa 17% aller möglichen Starthandkombinationen.
Welche enthaltenen Hände wären für einen halbwegs vernünftigen Spieler weiterhin spielbar, welche sind nichts mehr wert und werden aufgegeben?
Wenn du ausgehst, dass MP2 ein vernünftiger Spieler ist, kannst du die Range stark einschränken, indem du nur die Treffer (Top Paar + Top Kicker) und mögliche starke Draws (OESD/Flushdraw) behältst.
Diese Range entspricht nur noch etwa 4% aller möglichen Starthandkombinationen. Das heißt im Umkehrschluss, dass MP2 hier etwa drei Viertel seiner möglichen Range aufgeben würde.
Gegen die verbleibenden Hände hast du zusätzlich noch eine Equity von um die 40%. Zusammengerechnet sollte es also kein Problem sein, hier zu erhöhen. Voraussetzung ist natürlich, dass die Annahmen der Ranges richtig sind und sich die Gegner auch von Händen trennen können.
Leider hast du auch noch einen zweiten Gegenspieler. Die Berechnung gegen MP2 allein ist deshalb zwar nett, aber mehr oder weniger wertlos.
Wenn du nun BU ähnlich einschätzt und davon ausgehst, dass auch dieser Spieler nur mit guten Händen weiterspielen wird, kommst du auf eine Equity von knapp 21,5%. Da sich aber beide Spieler relativ oft aus der Hand verabschieden werden, wäre die Variante selbst zu erhöhen wahrscheinlich nicht verkehrt.
Eigener Einsatz direkt am Flop:
Ein weiterer denkbarer Weg wäre, direkt am Flop einen Einsatz zu platzieren. Auch hier gilt dasselbe wie für die Erhöhung:
Das Risiko und der mögliche Gewinn werden entsprechend in die Formel eingesetzt und die benötigte Equity berechnet. Auch hier gilt wieder, dass die Foldequity ausreichend berücksichtigt werden muss. Du gewinnst ja auch hier nicht unbedingt nur mit der besseren Hand, sondern kannst das Geld auch durch die Aufgabe der Gegenspieler einstreichen.
Zusammenfassung
Du hast nun gelernt, welche Gefahren bei den unterschiedlichen Spielarten lauern können. Behältst du diese im Hinterkopf, kannst du Fehlinterpretationen verhindern und genauere Analysen durchführen.
Weiterhin hast du erfahren, wie du bei der Analyse die möglichst optimale Line feststellen kannst. Dadurch wirst du auch während der Sessions in ähnlichen Situationen ein Gefühl für die Gesamtsituation entwickeln und möglicherweise „richtigere“ Entscheidungen treffen.
Sollten trotz allem noch Unklarheiten bestehen, so steht dir jederzeit die komplette Palette an Lernmaterialien bei PokerStrategy.com zur Verfügung.
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