Typische Anfängerfehler #1
Einleitung
Diese Woche gibt es nicht wie sonst analysierte Hände, sondern eine Kolumne speziell für Bronzeuser, die bisher noch wenig Erfahrung haben und deswegen noch sehr eklatante Fehler begehen. Anhand von Händen aus dem untersten Beispielhandforum und Situationen, die mir schon öfter dort über den Weg gelaufen sind, habe ich vier spezielle Situationen rausgesucht und werde jede Hand ausreichend analysieren und speziell auf die begangenen Fehler eingehen. Viele Anfänger wissen die Stärke Ihrer Hand noch nicht einzuschätzen. Mit dieser Kolumne möchte ich Abhilfe schaffen und hoffe, dass die Fehler in Zukunft vermieden werden.
Hand 1
Weglegen von Überpaaren am Flop nach einer Donk
Wie liest man eine Beispielhand?
0.25/0.50 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is BU with 9
MP2 folds, MP3 calls, CO calls, Hero raises, 2 folds, MP3 calls, CO calls.
Flop: (7.50 SB) 6


MP3 checks, CO bets, Hero folds.
Final Pot: 4.25 BB
Wir sitzen mit 99 in später Position und zwei Spieler sind vor uns eingestiegen. Die Hand ist natürlich stark genug, da wir eine überdurchschnittliche Gewinnerwartung haben. Wir haben am Flop, zu den dort liegenden Karten, ein Überpaar. Der Spieler in mittlerer Position schiebt und der Spieler in später Position setzt auf einmal. Hero begeht nun den groben Fehler und schmeisst seine Hand weg. Richtig wäre es hier am Flop, eine Erhöhung zu platzieren. Wir haben immerhin ein Paar, was über allen Karten des Flops liegt. Es ist natürlich nicht auszuschließen, dass der Aggressor uns bereits geschlagen hat, aber wieso ist es hier ein grober Fehler, bereits am Flop aufzugeben?
Grundsätzlich ist es, wenn man die Stärke seiner eigenen Hand beurteilen möchte, wichtig zu wissen, mit welchen Händen der Spieler, der gesetzt hat, am Flop einen Einsatz bringt. Wir sehen unser Überpaar also nicht isoliert, sondern überlegen uns, mit welchen Händen unser Gegner setzen könnte und das erlaubt es uns, den Wert unserer eigenen Hand besser einschätzen.
Ein höheres Paar als 99?
Das ist eher unwahrscheinlich da er vor dem Flop mit einem Pocket Paar > 99 erhöht hätte.
Ein Drilling (Set)?
Ein Drilling ist auch eher unwahrscheinlich. Es ist für ihn nicht sinnvoll, mit einer so starken Hand am Flop zu setzen. Den Einsatz in den Aggressor macht man normalerweise nämlich mit einer verwundbaren gemachten Hand, wie ein Paar A6 in diesem Falle. Mit einem Set hätte der Spieler geschoben und uns setzen lassen. Da er in mittlerer Position sitzt, hat er die Chance, dass der Spieler in mittlerer Position einen Einsatz mitgeht und könnte somit mindestens einen Einsatz von beiden Spielern entlocken und hätte somit maximal Geld aus seiner Hand extrahiert. Mit einem Set würde er also nicht protecten wollen und andere ausknocken, sondern den Weg des meisten Profits wählen.
2-Paar mit 65 z.B.?
Hier gilt das gleiche wie für ein Drilling.
Eine Straßen- oder Flush-Chance?
Ein unfertige Hand ist hier sehr wahrscheinlich. Die Gemeinschaftskarten bieten sehr viele unfertige Hände und er wird hier oft auf eine unfertige Hand am Flop setzen. Er möchte uns mit dem Einsatz unter Druck setzen (da noch ein Spieler hinter uns entscheidet und erhöhen könnte, müssen wir manchmal schon direkt am Flop aufgeben) und uns direkt am Flop zum aussteigen bringen.
Ein Paar?
Der Gegner kann hier auch sehr gut auf ein Paar für protection am Flop setzen. Seine Hand ist so verwundbar, dass er den Weg der größten Protection wählt. Der Einsatz setzt uns am meisten unter Druck und er möchte von unserer Seite auch keine Freecard riskieren und deswegen mit Händen wie z.B. A2/A5/A6 gleich am Flop den Pot holen oder wenigstens am Turn 1 gegen 1 sein. Umso kleiner unser Paar ist und umso mehr Überkarten für uns bedrohlich sind am Turn, umso wichtiger ist es, seine Hand gleich am Flop zu schützen.
Wir ziehen also das Fazit, dass wir gegen fast alle Hände die er potentiell donken könnte, noch vorne liegen und deswegen unsere Hand durch einen Raise beschützen müssen um nicht nur MP3 auszuknocken, sondern auch um das meiste Geld von schlechteren Händen zu erhalten.
Fold ist hier also ein grober Fehler und wir müssen am Flop raisen!
Hand 2
Weglegen von Überpaar am Turn nach einer Erhöhung
Wie liest man eine Beispielhand?
0.25/0.50 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is SB with A
MP2 folds, MP3 raises, 2 folds, Hero 3-bets, BB folds, MP3 calls.
Flop: (7.00 SB) Q


Hero bets, MP3 calls.
Turn: (4.50 BB) 7
Hero bets, MP3 raises, Hero folds.
Final Pot: 7.50 BB
Wir sind mit AA im Small Blind und ein Spieler in mittlerer Position erhöht, nachdem keiner vorher eingestiegen ist. Wir haben durch unsere Erhöhung vor dem Flop die Initiative erlangt und treffen auf einen Q78 2-farbigen Flop. Wir machen unseren Einsatz und der Gegner geht bloß mit. Hero setzt am Turn erneut und bekommt eine Erhöhung. Hero begeht nun den großen Fehler und legt ein Überpaar in einem 1-gegen-1 Duell weg.
Der Gegner ist unbekannt und gegen einen unbekannten ist es generell falsch und sehr kostspielig, ein Überpaar nach einer Erhöhung am Turn wegzulegen.
Unsere Hand ist hier stark genug, um am Turn eine weitere Erhöhung zu platzieren!
Der Gegner kann am Flop mit sehr vielen unfertigen Händen mitgegangen sein, die er am Turn nun erhöht, um bessere Hände wie z.B. eine 8 oder ein kleines Paar wie 66 zum aussteigen zu bringen. Am Turn ist auch wieder eine Straßen- und Flush-Chance möglich. Alternativ kann der Gegner hier seine Dame erhöhen, da er meint, oft vorne zu sein. Da der Gegner vor dem Flop nur mitgegangen ist, ist QQ unwahrscheinlich und wir liegen praktisch nur gegen 88 und gegen x7 hinten. Diese Hände stellen aber einen so kleinen Anteil seiner potentiellen Hände dar, dass wir am Turn in den meisten Fällen gegen eine einfache Dame oder eine unfertige Hand noch vorne liegen. Selbst gegen Q8 liegen wir vorne. Dadurch dass die 7 sich gepaired hat, haben wir das bessere 2-Paar und würden die Hand gegen Q8 somit gewinnen.
Eine Regel, die ihr euch merken solltet:
Umso mehr unfertige Hände am Turn möglich sind, umso öfter liegen wir mit einer gemachten Hand nach einer Erhöhung noch vorne.
Die richtige Aktion ist hier also den Turn nochmal zu erhöhen gegen einen unbekannten Gegner. Aussteigen ist hier ein sehr teurer Fehler und sollte nicht zu oft wiederholt werden.
Hand 3
Erhöhen mit Ass Hoch nach einer Donk am Flop
Wie liest man eine Beispielhand?
0.25/0.50 Fixed-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is BU with A
3 folds, Hero raises, SB folds, BB calls.
Flop: (4.40 SB) 5


BB bets, Hero raises, BB 3-bets, Hero calls.
Turn: (5.20 BB) K
BB bets, Hero folds.
Final Pot: 6.20 BB
Wir erhöhen A6o aus später Position und der Big Blind geht mit. Wir treffen am Flop einen Gutshot + 2 Überkarten und der BB donkt (er macht also einen Einsatz, ohne die Initiative zu haben) überraschenderweise in uns rein. Dies ist eine sehr bezeichnende Hand für den meist gemachten Fehler von Anfängern. Viele Spieler erhöhen, wenn sie Position haben, jedes Ass Hoch, nachdem wir durch eine Erhöhung vor dem Flop die Initiative am Flop haben und der Gegner setzt. Gerade in dieser Hand ist die Erhöhung am Flop völlig unangebracht. Ich möchte euch erklären wieso:
Um nun zu verstehen, warum die Erhöhung hier eine Verschwendung ist, müssen wir uns erstmal über die Absicht einer Erhöhung klar werden.
Was ist also die Absicht einer Erhöhung?
Wir erhöhen in Pötten gegen viele Gegner gemachte Hände zum Schutz, mit denen wir glauben, noch vorne zu liegen. Wir haben z.B. eine angreifbare gemachte Hand wie Top-Paar und indem wir den Gegnern die nächste Straße teurer machen durch eine Erhöhung und sie deswegen öfter aussteigen müssen, erhöhen wir unsere Chancen, dass unsere Hand bis zum Showdown noch die beste ist und wir den Pot gewinnen.
Wir erhöhen im 1-gegen-1 mit der Intention, dass schlechtere Hände uns ausbezahlen oder dass bessere Hände aussteigen. Wenn dieses Kriterium nicht erfüllt ist, ist eine Erhöhung die falsche Entscheidung.
Bevor wir erhöhen, müssen wir also immer das genannten Kriterium überprüfen, um eine adäquate Entscheidung treffen zu können. Auf diese angewendet, ist dieses Kriterium nicht erfüllt und wir können deswegen nur mitgehen.
Wir haben hier nur Ass Hoch und liegen gegen kein anderes A Hoch vorne. Mit der Erhöhung bringen wir nur Hände wie K Hoch zum aussteigen und bessere Hände wie z.B. ein niedriges Paar mit der 2 wird der Gegner bei diesen ungefährlichen Gemeinschaftskarten auch nicht weglegen am Flop. Wir haben außerdem einen Gutshot zu unseren Überkarten und müssten eine weitere Erhöhung am Flop mitgehen und uns den Turn ansehen. Wir zahlen also oft 2 SB umsonst am Flop, wenn wir in dieser Situation erhöhen. Die richtige Entscheidung wäre hier ein schlichtes mitgehen und am Turn auszusteigen, falls wir nicht die 6, das A oder unsere Straße treffen.
Hand 4
Starke gemachte Hände ohne Position
Wie liest man eine Beispielhand?
0.10/0.20 Fixed-Limit Hold'em (10 handed)
Preflop: Hero is BB with T
UTG calls, UTG+1 calls, UTG+2 folds, MP1 calls, 4 folds, SB calls, Hero checks.
Flop: (5.00 SB) A


SB checks, Hero bets, UTG raises, 3 folds, Hero calls.
Turn: (4.50 BB) K
Hero checks, UTG bets, Hero calls.
River: (6.50 BB) 6
Hero checks, UTG bets, Hero folds.
Final Pot: 7.50 BB
Wir haben ATo in der Big Blind und 3 Spieler sind in die Hand eingestiegen. SB zahlt die halbe Small Bet und wir entscheiden uns, nur zu schieben. ATo ohne Position ist gegen vier Gegner, die bisher schon in der Hand sind, zu schwach für eine Erhöhung. Wir treffen Top-Paar am Flop und setzen richtigerweise auf unsere Hand. Unsere Hand ist angreifbar und wir wollen keine Freecard verteilen und wir beschützen unsere Hand am besten, wenn wir die Gegner direkt mit einem Einsatz am Flop konfrontieren. Wir bekommen von einem Spieler in früher Position eine Erhöhung und alle verbleibenden Spieler steigen aus. Hier sehen wir auch wieder einen recht klassischen Anfängerfehler, der aufgrund falscher Bewertung der eigenen Handstärke verursacht wird.
Standardmäßig spielen wir mit verhältnismäßig starken gemachten Händen ohne Position eine weitere Erhöhung und setzen am Turn. Viele Anfänger sehen sich nach einer Erhöhung schon hinten und steigen sofort auf die passive Spielweise um. Die richtige Spielweise wäre also erneut zu erhöhen und am Turn zu setzen. Unsere Beikarte ist insofern wirklich nicht schlecht, da ein besseres Ass vor dem Flop erhöht worden wäre und wir deswegen gegen die meisten Asse vorne liegen. Die Gemeinschaftskarten bieten außerdem viele unfertige Hände. Straßen- und Flush-Chancen sind möglich.
Die zwei Hauptargumente, die hier für eine weitere Erhöhung sprechen, sind folgende:
- Wir verpassen 1 SB gegen schlechtere gemachte Hände.
- Wir verlieren 1,5BB gegen unfertige Hände, falls der Gegner für eine Freecard erhöht hat und sich diese am Turn nimmt.
Mit starken gemachten Händen, wie unserem Top-Paar bitte ohne Position den Flop erhöhen und am Turn setzen, anstatt sich zu früh hinten zu sehen und gleich auf die passive Spielweise umzuschalten.