Woche 36 (BSS): 4-Bets gegen Raise und Reraise I
Einleitung
Wer kennt die Situation nicht? Ein Spieler eröffnet das Spiel mit einem Raise und ein weiterer Spieler erhöht erneut. Dieser Artikel soll klären, wann und was wir in dieser Situation mit Händen wie QQ, AK aber auch TT und JJ tun sollten.
Diese Woche werden wir uns spezifisch mit QQ befassen. Diese Spots können uns sehr viel Geld kosten, wenn wir falsche Entscheidungen treffen, sind allerdings auch sehr profitabel, wenn wir die richtige Entscheidung im richtigen Moment fällen.
Fangen wir mit einer Beispielhand an, die die generelle Problematik erläutern soll.
Beispielhand
2.00/4.00 No-Limit Hold'em (5 handed)
Preflop: Hero is BB with Q

3 folds, BU raises to $14.00, SB raises to $50.00, Hero ???
Unsere beiden Gegner sind gute TAGs mit Stats von 22/18. Wir haben alle $400 in unserem Stack.
Diese Situation kommt auf den höheren Limits relativ oft vor. Die Spieler openraisen sehr loose und werden demzufolge sehr loose ge-3-bettet, weil sich der 3-Better erhofft, den Pot oft vor dem Flop einzusacken, da der Raiser selten eine gute Hand halten wird. Auf den Low-Limits könnte man hier mit QQ womöglich einen Fold finden – auf den höheren Limits verliert man dadurch aber deutlich Value.
Von vorne herein ausschließen möchte ich einen Call. Man sollte eigentlich nie nur callen, wenn vor einem geraist und gereraist wurde. Erstens ist unsere Handrange damit ziemlich klar festgelegt auf TT-QQ bzw. AK und zweitens kann der BU sehr profitabel über unseren Coldcall mit Händen wie AQ, AJ (die eine akzeptable Equity gegen unsere Handrange haben), etc shoven da wir meistens folden werden, der SB nicht zwangsweise eine Hand haben muss und bereits sehr viel Dead Money im Pot ist.
Die Entscheidung liegt also zwischen 4-Bet oder Fold. Nun kommt ein bisschen Mathematik ins Spiel. Zuerst müssen wir die Handranges der Gegner festlegen.
Der BU könnte folgende Handrange haben: 22+,A2s+,K7s+,Q9s+,J8s+,T8s+,97s+,86s+,75s+,64s+,54s,A2o+,K8o+,Q9o+,J9o+,T8o+,98o,87o
Mit dieser Range raist er 40% seiner Hände vom Button, was durchaus möglich ist. Die Range könnte sogar noch looser sein. Gegen diese Openraisingrange haben wir mit QQ eine Equity von fast 74%.
Die Range des SB ist nun allerdings deutlich tighter. Je nach Spieler variiert sie sehr stark, da nur wenige Spieler ihren Small Blind loose verteidigen. Angenommen der SB ist ein guter Spieler, der sich über die Breite der Openraisingrange vom Button bewusst ist, so kann man von folgender Range ausgehen:
22+,ATs+,KJs+,QJs,J9s+,T9s,98s,87s,76s,ATo+,KJo+
Die Range kann wie gesagt je nach Spieler deutlich looser bzw. deutlich tighter sein. Auch das Image des Button und des SB sowie die History spielen hier eine nicht zu vernachlässigende Rolle.
Gegen diese 3-betting Range haben wir mit QQ immer noch eine Equity von 70%.
Selbst wenn wir die Range, mit der der SB seinen Blind defendet, etwas verkleinern auf:
55+,AJs+,KQs,JTs,T9s,AJo+,KQo
haben wir noch 67% Equity.
Würden wir QQ hier also folden, begehen wir einen riesigen Fehler, da wir gegen die Ranges der Gegner einen sehr großen Vorsprung haben.
4-Betten wir also QQ, müssen unsere Gegner einen Großteil ihrer Hände folden und da sie so loose openraisen und defenden ist die 4-Bet an sich definitiv +EV, weil unsere Gegner eben sehr oft folden müssen, da sie keine spielbare Hand haben.
Wir sollten also die Hand definitiv spielen und da wir einen Call bereits ausgeschlossen haben, bleibt nur eine 4-Bet. Diese sollte um die $150 groß sein. Warum ein direkter Push suboptimal ist, wird nächste Woche erläutert.
Wir 4-betten also und die Hand geht wie folgt weiter:
2.00/4.00 No-Limit Hold'em (6 handed)
Preflop: Hero is BB with Q

3 folds, BU raises to $14.00, SB raises to $50.00, Hero raises to $149.00, BU folds, SB raises to $400.00 (All-In), Hero ???
Am liebsten hätten wir den Pot natürlich direkt Preflop gewonnen. Wir müssen nun die Entscheidung treffen, ob wir den Push callen oder ob wir folden. Wir berechnen also den Erwartungswert eines Calls vom Push und nicht den EV der eigentlichen 4-Bet (den haben wir bereits als positiv eingestuft auf Grund der loosen Ranges der Gegner). Man sollte diese Entscheidung vorzugsweise schon treffen, bevor man 4-bettet. Wenn wir nämlich 4-betten und auf einen Push folden, können wir auch mit 72o 4-betten, da unsere Gegner eine 4-bet so gut wie nie callen werden. Sie werden entweder pushen oder folden. 4-Bet/folden wir QQ hier, macht es keinen Unterschied ob wir 72o oder QQ halten.
Zuerst sollten wir (wie immer!) unsere Pot Odds betrachten, da sich daraus die nötige Equity für einen Call berechnen lässt.
Im Pot sind genau $564 und wir müssen noch $251 zahlen. Wir haben also Pot Odds von 1 zu 2.25, benötigen demzufolge eine Equity von mindestens 30,7% gegen seine Pushingrange.
Die große Frage ist nun: Was ist seine Pushringrange?
Angenommen der SB pusht nur KK aufwärts, so müssen wir folden, da wir gerade mal 18% Equity haben. Der Gegner wird aber nicht nur KK+ pushen. Seine Pushingrange ist deutlich looser, da er möglicherweise vermutet, dass wir unsere 4-Bet als Bluff angesetzt haben (dieses Thema wird nächste Woche behandelt) oder dass wir evtl. auch mit JJ und TT 4-betten. Sobald er etwas mehr pusht als nur AA oder KK, haben wir bereits einen immensen Profit. Wenn seine Pushingrange JJ+ beträgt, haben wir bereits 40% Equity. Kommen nun noch die 16 Kombinationen von Aks bzw. Ako hinzu, was de facto heißt, dass er viel öfter AK als AA oder KK halten wird, da es für AA bzw. KK nur je 6 Kombinationen gibt, sollten wir bereits $-Zeichen in unseren Augen haben.
Nun flippen wir obwohl wir nur 30% benötigen würden. Selbst wenn wir JJ wieder aus seiner Pushingrange entfernen, haben wir 40% Equity und machen einen Profit, wenn wir callen. Wir sollten hier also NIE unsere Damen wegschmeißen.
Eine realistische, immer noch sehr tighte, Pushingrange wäre meiner Meinung nach:
QQ+,AKs,Ako
Wenn er nun noch manchmal JJ oder TT bzw. AQ pusht, sind wir schon Favorit gegen seine Range.
Halten wir anstatt QQ in genau dem selben Spot JJ ändert sich nicht viel. Die eigentliche 4-Bet wird auf Grund der loosen Ranges immer noch einen positiven Erwartungswert haben und gegen eine Pushingrange von
QQ+,AKs,Ako
Haben wir immer noch 36% Equity.
Mit TT haben wir nahezu die selbe Equity, wenn es um das callen des Pushs geht. Ja, selbst mit 22 könnten wir 4-betten und einen Push callen (auch wenn es nun richtig knapp ist!). Problem bei der Sache ist nur, dass der Gegner, wenn er sieht, dass wir 22 in dieser Situation 4-betten, nächstes Mal deutlich looser pushen wird (z.B. 99+,AK) und wir dann nicht mehr die nötige Equity für einen Call haben. Womöglich ist seine Pushingrange hier auch schon deutlich looser als QQ+,AK, so dass ich nicht denke, dass 4-Bet/Call mit kleinen Pocketpairs hier profitabel ist (immer vorausgesetzt, dass wir kein looses Image haben und wir quasi „unknown“ sind für unseren Gegner).
Fazit
Eine 4-Bet und ein Call eines Pushs zeigen hier einen immensen Profit, obwohl bereits zwei Gegner viel Action gegeben haben und durchaus auch manchmal AA oder KK halten werden. Außerdem wird einer der Gegner nur relativ selten pushen und in den restlichen Fällen, in denen beide folden, gewinnen wir eine schöne Summe Dead Money. Nächste Woche werden wir uns mit einer ähnlichen Situation auseinandersetzen.