Woche 36 (SSS): Reagieren auf Reraises hinter mir
Einleitung
Nicht selten passiert es, dass wir nach einem Raise von uns vor dem
Flop gereraist werden. Bisher haben wir uns dann hauptsächlich an das
Stack:Raise-Verhältnis gehalten und dementsprechend unsere Hand gepusht
oder gefoldet.
Nicht selten hat man aber bereits im Vorfeld des Allin Calls/ Pushs das
Gefühl gegen diesen Gegner weit hinten zu sein. Dennoch callt man das
Allin, da es einem die Strategie so vorgibt.
Je weiter wir jedoch in der SSS vorstoßen desto wichtiger wird es nach
Equity zu spielen. Das bedeutet einfach, dass wir dem Gegner eine Range
geben und dann entsprechend schauen, ob wir gegen diese Range mehr Geld
zurückbekommen als wir in den Pot stecken. Wir schauen also ob unsere
Equity ausreicht.
Beispiel 1
Ein sehr einfaches Beispiel:
Hero: UTG2 20 BB JJ
Villian: BU 21 BB ???
BU ist SSS´ler und weiß, wie er equitymäßig zu spielen hat. Er ist also eigentlich kein wirklicher Villian hier.
Da wir First-in sind, erhöhen wir unsere Hand standesgemäß auf 4 BB. Alle bis auf den BU folden, der uns Allin setzt.
Jetzt stellt sich die Frage: callen oder folden?
Nach Strategie haben wir hier einen einfachen Call, da unser Stack:Raise-Verhältnis 1:4 ist.
Aber wie sieht es nach der Equity aus?
Ein guter SSS´ler wird unseren UTG-Raise nur mit AA oder KK reraisen.
Ohne Deadmoney im Pot wird er sogar QQ folden, da er nur 47% Equity
gegen unsere UTG Range hat.
Jetzt wo wir die Range von Villian kenenn (AA, KK) können wir mit Hilfe
von Pokerstove oder Equilator berechnen, wieviel Equity wir gegen diese
Range haben:
equity win tie pots won pots tied
Hand 0: 81.342% 81.13% 00.21% 100023372 259758.00 { KK+ }
Hand 1: 18.658% 18.45% 00.21% 22743000 259758.00 { JJ }
Wir haben hier also nur 18,45 % Equity. Damit gehören uns vom Pot genau 18,45 %.
Jetzt berechnen wir genau wieviel wir noch bezahlen müssen und berechnen auch wieviel wir longterm zurückbekommen:
Bezahlen müssen wir noch 16 BB und der Pot wird am Ende ohne
Rakebereinigung 41,5 BB groß sein, da die beiden Blinds noch dazu
kommen.
Jetzt berechnen wir unseren Anteil:
41,5 x 0,1845 ~ 7,68 BB.
Somit müssen wir 16 BB nachlegen aber erhalten nur 7,68 BB longterm zurück. Also ganz klar ein Verlustgeschäft.
Übrigens: selbst wenn Villian fehlerhafterweise mit QQ reraisen würde,
wäre es ein klarer Fold, da unsere Equity nicht steigt, sondern noch
weiter sinkt (wenn auch nur ganz leicht, da QQ mehr
Straßenmöglichkeiten hat als AA oder KK).
Dieses Beispiel war, wie gesagt, sehr einfach und sollte jedem SSS´ler unbedingt bekannt sein.
Jetzt haben wir gesehen, wie wir ohne große Probleme selber berechnen können, ob ein Call/ Allin profitabel ist oder nicht.
Kommen wir zu einem weiteren Problem:
Nicht immer werden wir von einem SSS´ler gereraist, aber dennoch müssen wir einschätzen, ob wir callen oder nicht.
Wir haben von dem Gegner bereits aussagekräftige Stats und können sozusagen perfekt gegen seine Range spielen.
Außerdem wissen wir, dass er seine Range nicht den Gegnern anpasst. Er
raist also normal seine Hände und reraist auch alle Gegner entsprechend
der Position und seiner Hand gleich. Er hat also eine feste
Reraiserange. Dieser Typ Gegner ist nicht selten, wird aber gegen uns
viel Geld verlieren, da wir zwar perfekt gegen ihn spielen können, aber
er nicht gegen uns, da er seine Range ja nicht anpasst.
Beispiel 2
Ich unterteile dieses Beispiel in verschiedene Situationen. Hero wird diverse Positionen haben.
In allen Fällen haben wir aber 20BB Stack und die selbe Hand: JJ
Hero:
a.) UTG
b.) MP
c.) Co
d.) SB
Jeweils First-in.
Villian (jeweils im BB über 20 BB-Stack):
VPIP: 20
PFR: 10
Fold BB to Steal: 80
Um genau zu berechnen gegen welche Range wir stehen, müssen wir wissen, welche Hände Villian reraist:
gegen ein UTG Raise: AA-QQ, AK,
gegen ein MP Raise: AA-TT, AK-AQ
gegen ein CO Raise: AA-99, AK-AQ, AJs
gegen ein SB Steal: AA-33, AK-A4, A2s+, KT+, K9s
Diese Range sollte in etwa mit den PFR Werten übereinstimmen. Einen UTG
Raiser wird mehr respektiert als ein SB Raiser. Wie genau ich auf die
einzelnen Ranges in Abhängigkeit zur Positionen komme erkläre ich
später.
Wie reagiere ich jetzt aber auf den Reraise von Villian? Auch hier ist die Lösung wieder sehr leicht:
Wir nehmen seine Range und berechnen, wie oben, die Equity gegen die jeweilige Range des Gegners:
UTG: 36 %
MP: 46 %
CO: 50 %
SB: 66 %
Wie man leicht erkennen kann besteht die Frage des Calls nur in UTG.
Bei allen anderen Positionen bekommen wir aufgrund unseres kleinen
Stacks mehr wieder als wir noch callen müssen.
Für UTG gilt hier:
40,5 BB (Rake exklusive) * 0,36 = 14,94 BB Wir bezahlen also wieder 16
BB und bekommen aber nur 14,94 BB wieder. Somit haben wir hier einen
Fold.
Auch dieses Beispiel zeigt noch einmal wie ich berechne, ob ich callen
kann oder nicht. Unbedingt beachtet werden muss, dass wir nur soviel
Geld zurückbekommen müssen wie wir in den Pot nachschieben müssen. Die
erste Erhöhung von uns ist bereits im Pot und gehört uns sozusagen nicht
mehr. Dies ist ein sehr häufiger Fehler bei der Berechnung.
Wie gehen wir jetzt aber vor, wenn wir zwar Stats haben, aber keine genaue Range, was auch dem Standardfall entsprechen dürfte?
Hier müssen wir die Range anhand der Stats versuchen abzuschätzen. Hat
ein Gegner einen PFR von 10, so wird er auf ein UTG Raise nicht mit 10%
der Hände reraisen, da er weiß, dass wir in UTG tighter raisen. Ein
guter Wert zum Abschätzen ist hier etwa ¼ des PFR. Er wird uns also im
Schnitt mit ¼ der Hände aus seiner PFR Range reraisen.
Sind wir in MP und raisen, so wird uns der Gegner schon looser
reraisen, da wir nicht mehr eine solch starke Hand zum raisen brauchen.
Je nach Gegner liegt der Wert zwischen 1/4 und ½.
Raisen wir aus late Position, so haben wir einen anderen Wert als den
PFR, der uns die Range des Gegners gibt: Den Fold to Stealwert. Sitzt
unser Gegner im BB bzw. SB (für den der Fold SB to steal Wert gilt) so
können wir diesen Wert heranziehen(100 – Fold to steal = Range). Auch
hier ist zu sagen, dass der Wert variiert. Openraisen wir im CO so wird
der Gegner etwas tighter als der Fold to Stealwert sein, während er im
SB looser sein wird.
Sitzt der Gegner am BU und wir openraisen aus dem CO, so kann man den
PFR schon fast als Range nehmen. Eventuell sollte man noch einen
kleinen Teil abziehen.
Es gibt aber weitere Zusammenhänge die man versuchen sollte durch
eigene Erfahrung und Analyse mit Pokertracker herauszufinden. So ist
ein Gegner, der einen geringen PFR hat (z.B. 5) und einen niedrigen Fold
to Steal Wert, gegen Raises aus UTG und MP eher tighter als der normale
Gegner. Ein Gegner, dessen Fold-to-steal Wert so hoch ist wie der PFR niedrig (z.B. 80% und 20%), ist
eher Positionsunabhängig, er raist also seine Hände gleich, egal ob man
aus UTG raist oder SB. Natürlich eine gefundene Fishmahlzeit.
Wichtig ist, dass die genannten Punkte keine Regel sind. Es handelt sich
dabei nur um grobe Durchschnittswerte und keine festen Regeln. Dennoch
kommen diese Werte longterm im Schnitt so hin.
Fazit
Mit diesen Beispielen wollte ich euch zeigen, wie ihr selber mit Hilfe
vom Equilator ermitteln könnt, ob ihr profitabel auf ein Reraise
callen könnt oder nicht. Wichtig ist, dass man seine eigenen Rechnungen
macht, da man nur so im Spiel auch sicher sein wird. Solche
Standardbeispiele wie Hand 1 sollte man natürlich kennen.
Außerdem habe ich euch versucht zu zeigen, wie ihr die Raisingrange
abschätzen könnt, wenn ihr zwar Stats habt, aber eine genaue Range nicht
besitzt. Hier ist der PFR und der Fold to Steal Wert wichtig. Auch hier
kann man seine eigenen Rechnungen machen und sollte dies auch tun, da
man nur so beim Spiel mit der Equity sicher wird.