Wie man die Varianz zu schätzen lernt
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Wie man die Varianz zu schätzen lernt
von Jonathan "Faarcyde” Faarup
Im Jahr 2010 hatte ich bereits fünf Jahre lang Poker gespielt. Ich dachte, ich hätte schon alles gesehen, entweder aus eigener Erfahrung oder den Erzählungen anderer. Dann erlebte ich eine sechsmonatige Breakeven/Downswing-Phase, die die härteste meiner ganzen Karriere war. Alles, was schiefgehen konnte, ging schief, was ich aber in den ersten drei Monaten noch gut ertragen konnte. Mit der Zeit wurde ich jedoch psychologisch immer instabiler, traf schlechtere Entscheidungen und verschlimmerte damit sehr wahrscheinlich meinen Downswing ganz erheblich.
Einer der Gründe dafür war die unbestreitbare Tatsache, dass Pokerspieler besser spielen, wenn es sie gute Ergebnisse erzielen und schlechter, wenn die Resultate nicht stimmen. Ich war keine Ausnahme. Diese Beobachtung scheint auch für viele andere Bereiche des Lebens zu gelten - so ist es beim Basketball einfacher, einen Dreier zu versenken, wenn man vorher bereits von der Dreipunktlinie getroffen hat. Und es fällt einem leichter, ein Mädchen nach einem Date zu fragen, wenn die letzte Person, die man fragte, "Ja" gesagt hat. Die Bedeutung des Selbstvertrauens wird meistens unterschätzt.
Wenn man aber nur Selbstvertrauen hat, solange man gewinnt, verliert man während eines Downswings eine wichtige Fähigkeit. Lange Phasen des "Versagens" zu überstehen und dabei sein Selbstvertrauen zu behalten stellt sicher, dass diese Phasen so kurz wie möglich bleiben.
Pech, Varianz oder ... ?
Etwas, das ich nicht mehr tue, ist "Pech" dafür verantwortlich zu machen. Schlechte Ergebnisse auf die Varianz zu schieben ist eine schlechte Angewohnheit. Nur durch objektive Analyse (Kontrolle der Hand Histories, Durchführen von Berechnungen, Gespräche mit Kollegen und Freunden, Posten von Händen im Forum) können wir herausfinden, ob unser Spiel noch höchsten Ansprüchen genügt. Wenn sich herausstellt, dass wir viele Cooler kassieren, nur in die Top Ranges der Gegner laufen oder ständig schlechte Hände ausgeteilt bekommen... ok. Wenn nicht, können wir unsere Herangehenweise ändern und nötige Korrekturen vornehmen.

Eins der Dinge, die ich in den vergangenen Monaten gelernt habe, ist der richtige Umgang mit der Tatsache, dass der Faktor Glück immer eine Rolle spielen wird. Als ich dies akzeptiert hatte, konnte ich viel leichter damit umgehen. Warum? Weil es einfach absurd und irrational ist, sich über etwas aufzuregen, von dem man weiß, dass es passieren wird. Stelle dir vor, du wachst morgens auf und stellst fest, dass die Sonne aufgegangen ist. Das ist seit deiner Geburt an jedem einzelnen Tag passiert. Regst du dich je auf, wenn die Sonne aufgeht? Warum sollte das bei der Varianz anders sein?
Sie starrt uns in jeder Sekunde, die wir spielen, ins Gesicht und trotzdem werfen wir unsere Computermäuse durch den Raum, zertrümmern Keyboards, fluchen und schwören uns selber "Das wars. Ich werde nie wieder Poker spielen." Jemand hat einmal gesagt, dass Wahnsinn bedeutet, immer wieder das gleiche zu tun und dabei verschiedene Ergebnisse zu erwarten. Wenn wir Poker professionell oder als profitables Hobby betreiben wollen, dann müssen wir unsere Art und Weise zu denken verändern.
Faulheit verstärkt Faulheit
Was sich für mich in all den Jahren bewährt hat ist, sich selbst einen Zeitplan aufzustellen und sich auch daran zu halten, anstatt immer dann zu spielen, wenn man Lust dazu hat (mehr dazu später). Solch eine Struktur erlaubt es uns, langfristige Ziele zu definieren und auf sie hinzuarbeiten. Viele von euch werden jetzt wahrscheinlich sagen: "Ich bin Poker Pro geworden, damit ich gewisse Freiheiten habe." Das gehört tatsächlich zu den äußerst positiven Eigenschaften des Lebens als Poker Pro. Dennoch ergibt sich daraus ein grundlegendes Problem: Trägheit. Diese Trägheit wird oft definiert als "die Eigenschaft jedes Körpers, sich nicht zu bewegen bzw. in seiner momentanen Bewegung zu bleiben, solange keine Kräfte auf ihn wirken." Faulheit sorgt für mehr Faulheit und der Weg, dies zu umgehen, liegt in der Schaffung eines festen Ablaufs. Menschen sind Gewohnheitstiere und wenn wir es schaffen, uns gute Spielgewohnheiten zuzulegen, dann tätigen wir eine hochprofitable Investition in uns selbst.

Um mit diesem Problemgeflecht zurecht zu kommen, geht das Buch auf die Themen Irrationalität, Tilt und als wichtigstes Thema (jedenfalls für den Autor) Akzeptanz ein. Ich habe mit Jared persönlich zusammengearbeitet und so richtig ein Licht aufgegangen ist mir, als ich realisierte, dass jedem Aspekt eine Grundursache zugrunde liegt. Unser persönliches Maß an Akzeptanz oder deren Fehlen basiert auf Irrationalität - in diesem Fall der irrationalen Vorstellung, dass unsere
Pokerleben besser wären, wenn es die Varianz nicht gäbe.
Je mehr Skill du hast...
Wenn es die Varianz nicht gäbe, gäbe es auch Poker nicht. Die Varianz lässt andere Spieler glauben, sie seien besser als sie es tatsächlich sind. Eine Profi-Fussballmannschaft kann 100 Mal gegen eine Schülermannschaft antreten und wird 100 Mal gewinnen. Ein professioneller Pokerspieler kann 100 Mal gegen einen Fisch spielen und nur 60 Mal gewinnen. Die anderen 40 Mal sind die Varianzopfer, die wir den Pokergöttern bringen müssen.
Sollten wir das also einfach akzeptieren und weitermachen? Unseren Kopf einfach in den Sand stecken? Nein. Wenn überhaupt, dann sollten wir motiviert sein. Varianz ist ein Grund, an seinem Spiel zu arbeiten und der Lernkurve der anderen immer ein Stück voraus zu sein. Das liegt daran, dass es eine grundlegende mathematische Wahrheit ist, die besonders für Poker gilt, dass man umso weniger Varianz ertragen muss, je besser man selber spielt. Je besser man im Vergleich zu seinen Gegnern ist, desto weniger wird einen die Varianz nach einer Session noch beschäftigen. Das ist die reflexive Natur dieses verrückten Spiels, das wir alle so lieben.
Weitere Tips für den Umgang mit Varianz/Schwankungen:
- Beschäftige dich mit den Ergebnissen anderer guter Spieler, um eine Vorstellung von eventuell auftretenden Breakeven/Downswing-Phasen zu bekommen. Versuche ganz ehrlich zu analysieren, ob du negative Varianz erleidest oder dein Spiel nicht mehr auf dem neusten Stand ist.
- Spiele nie, wenn du extrem müde, genervt oder verärgert bist. Selbst sein C-Game zu spielen erfordert einen klaren Kopf.
- Nimm dir alle paar Stunden eine Pause, um Energie zu tanken. Denke darüber nach, was dir in der Schule am meisten geholfen hat. War es das stundenlange Lernen in der Nacht vor einem Test oder je eine halbe Stunde pro Tag in der Woche davor? Sehr oft nehmen sich Profis (darunter auch ich) eine längere Auszeit, um "einen klaren Kopf" zu bekommen oder einfach "wieder aufzutanken", was aber nur ein Vorwand ist, um das Problem durch Nicht-Spielen zu umgehen.
- Bleibe auch abseits der Tische aktiv. Ausgeglichenheit und Maßhalten sind der Schlüssel zum Erfolg. Wenn dur vorher nie Sport gemacht hast, gehe zwei Mal pro Woche spazieren und steigere dich immer weiter. Wenn du dich vorher nie gesund ernährt hast, koche dir ein Mal pro Woche etwas, danach zwei Mal pro Woche usw.
- Führe genau Buch, markiere dir Hände und stelle einen Plan für deine Spielzeiten auf. Wenn du Poker wie einen Job ansiehst, stehen die Chancen konstant gute Ergbnisse zu erzielen, bestens - sowohl finanziall als auch in anderer Hinsicht.
