Herzlich willkommen im FL Handbewertungsforum! Ich hoffe, du postest noch viele Hände.
Es ist üblich, die Ergebnisse wegzulassen, damit das Spiel unvoreingenommen analysiert werden kann. Du musstest deine Entscheidungen treffen, ohne die Hand des Gegners gekannt zu haben und genau unter dieser Bedingung kann man auch nur die Qualität deiner Entscheidungen sinnvoll analysieren. Hinterher ist man immer schlauer, aber beim nächsten mal hat der Gegner eine andere Hand und du kennst sie wieder nicht.
Ausserdem ist das, was der Gegner am Ende zeigt, immer nur ein kleiner Teil der Wahrheit. Er hätte uns in der Regel auch noch ganz andere Hände zeigen können. Wir treffen unsere Entscheidungen auf Grund dessen, was er uns zeigen kann und nicht auf Grund des kleinen Ausschnitts, den er uns dann tatsächlich gezeigt hat. Das ist ein sehr wichtiges Konzept. Wir rechtfertigen unsere Entscheidungen über die Vorschau auf die zu erwartenden künftigen Ereignisse und nicht in der Rückschau, ob es funktioniert hat.
Am Flop spielt der Gegner eine Standardlinie zu zweit am Flop: er checkraist dich. Nach dem Artikel Postflop: Standardspielzüge gegen einen Gegner ist das der Standardspielzug mit einer guten made Hand oder einem guten Draw. Welche Hände sind das auf diesem Board und wie stark ist deine Hand im Vergleich dazu?
Preflop kam es zu einer 3-bet, die der Gegner nicht gecappt hat. So lange wir nichts genaues über die Spielweise des Gegners wissen, nehmen wir an, dass er ungefähr so wie im Chart spielt. Das heisst, er raist ca. 66+, A8s+, KTs+, QTs+, JTs, ATo+, KJo+, aber da er nicht gecappt hat, ziehen wir JJ+, AQ+ wieder ab. Wenn er über dich nachdenkt, dann wird er wissen, dass deine 3-bet Hände mit hohen Karten sind, die das Board so gut wie nie getroffen haben (im Chart kommt die 3-bet von ca. 77+, ATs+, KQs, AJo+. Das bedeutet, jedes Paar ist für ihn gut. Paare trifft er mit den Pockets und A8s. Als Draws hat er die Flush Draws. Eine 6 für einen oesd ist nur selten in seiner Range. 66 kommt in Frage, das ist gleichzeitig ein Pocket. A6s könnte er auch noch haben, wenn er etwas looser als der Chart raist. Andere 6en eher nicht.
Da seine Pockets nicht höher sein sollten als deins, denn er hat nicht gecappt, bist du gegen seine Pockets fast immer vorne, ausser in den wenigen Fällen, wo seine Pockets ein Set haben. Gegen A8s und eventuell A7s bist du auch vorne und gegen die Draws bist du erst recht vorne. Du bist auf dem Flop also Favorit.
Im Equilab:
Board: 7♦5♦8♥
Equity Win Tie
MP2 42.54% 41.62% 0.91% { TT-99, 66, 8d8s, 8d8c, 8s8c, 7h7s, 7h7c, 7s7c, KdQd, AdJd, KdJd, QdJd, AdTd, KdTd, QdTd, JdTd, Ad9d, Ad8d, As8s, Ac8c }
MP3 57.46% 56.55% 0.91% { JhJc }
Da du Position hast, ist es dein Standardspiel, den Raise nur zu callen, um auf eine günstige Turnkarte (kein Karo, kein Ass) selbst zu raisen. In der Regel erwarten wir von einem Gegner, der am Flop checkraist, dass er auf dem Turn bettet. Ausserdem kannst du so die Turnkarte abwarten, die viel verändern kann. Dein Vorteil vergrössert sich auf dem Turn ziemlich, wenn eine neutrale Karte kommt. Seine Draws haben dann nur noch eine Karte, um sich noch zu verbessern. Z. B.
Board: 7♦5♦8♥ 2♣
Equity Win Tie
MP2 31.44% 31.44% 0.00% { TT-99, 66, 8d8s, 8d8c, 8s8c, 7h7s, 7h7c, 7s7c, KdQd, AdJd, KdJd, QdJd, AdTd, KdTd, QdTd, JdTd, Ad9d, Ad8d, As8s, Ac8c }
MP3 68.56% 68.56% 0.00% { JhJc }
Auf dem Turn kommt aber eine ungünstige Karte, die seinen Draws weiterhilft. Du bist jetzt kein Favorit mehr, aber immer noch gegen einige Hände vorne. Viele seiner Paare vom Flop schlägst du immer noch.
Board: 7♦5♦8♥ K♦
Equity Win Tie
MP2 51.79% 51.79% 0.00% { TT-99, 66, 8d8s, 8d8c, 8s8c, 7h7s, 7h7c, 7s7c, KdQd, AdJd, KdJd, QdJd, AdTd, KdTd, QdTd, JdTd, Ad9d, Ad8d, As8s, Ac8c }
MP3 48.21% 48.21% 0.00% { JhJc }
Es ist also gut, hier auf den Raise zu verzichten und nur zu callen. Die Idee ist, ihn schlechtere Hände weiter betten zu lassen und die Verluste gegen die besseren Hände zu minimieren.
Auf dem River verbessern sich die Straight Draws mit der 6, aber es gibt immer noch etliche schlechtere Hände, die der Gegner halten kann. TT-99, A8s zum Beispiel. Das reicht für einen Call aus, da der Pot gross ist.
Board: 7♦5♦8♥ K♦ 4♠
Equity Win Tie
MP2 57.58% 57.58% 0.00% { TT-99, 66, 8d8s, 8d8c, 8s8c, 7h7s, 7h7c, 7s7c, KdQd, AdJd, KdJd, QdJd, AdTd, KdTd, QdTd, JdTd, Ad9d, Ad8d, As8s, Ac8c }
MP3 42.42% 42.42% 0.00% { JhJc }
Das gegnerische Spiel ist unter den richtigen Annahmen über dich vertretbar. Sein Verzicht auf den preflop Cap in Verbindung mit dem Checkraise am Flop mit Overcards ist ein sehr fortgeschrittenes Konzept. Ich bin mir jedoch ziemlich sicher, dass der Gegner dieses Konzept nicht im Sinn hatte, denn das Limit dafür ist viel zu niedrig. Es ist wahrscheinlich, dass er die dahinter stehenden Ideen nicht kennt. Sinnvoll ist es auch nicht, denn seine typischen Gegner sind nicht gut genug, als dass die dahinter stehenden Ideen greifen. Er selbst ist wahrscheinlich auch nicht gut genug, um die Konsequenzen seines Tuns einzuschätzen und gegen die Alternativen zu evaluieren.
Immerhin, man kann sich notieren: der Gegner ist in der Lage, heads up nach einer 3-bet auf einen Cap mit einer Premiumhand zu verzichten. Wenn er das regelmässig macht, dann wird seine Callingrange auf die 3-bet stärker, weil sie auch Premiumhände enthält. Wenn du dann Gegenwehr bekommst, dann musst du auch mit den Premiumhänden rechnen.