Das wird jetzt etwas ausführlich, aber ich wurde darum gebeten.
Die Rechnung für den Calldown geht zunächst mal davon aus, dass der Gegner alle Hände bis zum Showdown durchbettet (Betting-Roboter). Dafür ist die Rechnung einfach:
Equity > Kosten des Calldowns / Pot am Showdown = 2 BB / (5,5 + 2*2) BB = 21%
Das können wir jedoch verfeinern, weil der Gegner kein Roboter ist. Der Gegner wird wahrscheinlich nicht mit allen Händen auf dem River betten. Je nachdem, ob seine Range am River valuelastiger oder blufflastiger wird, verändert sich die benötigte Equity für den Calldown. Ist sie z. B. komplett valuelastig, dann spielen wir call Turn, fold River und brauchen dafür viel weniger Equity, nämlich
Kosten = 1
Pot, den wir gewinnen können: 7,5 (bettet der Gegner den River, wird der Pot grösser, aber da wir folden, können wir ihn nicht gewinnen)
-> EQ > 1/7,5 = 13,3%
Stellen wir Mutmassungen an, was der Gegner am River bettet, und was nicht:
Wir nehmen an, dass der Gegner am Turn seine komplette Range bettet. Das ist plausibel, denn mit seinen schwächeren Händen bringt er vielleicht ein Ass oder einen besseren K bei dir zum folden, ausserdem hat er er eine recht starke Range gegen dich, wenn du preflop deine stärksten Hände cappst (ich weiss nicht, ob du das tust und ob der Gegner darauf schon einen Read haben könnte). Du hast mit einer 8 einen klaren Equityvorteil, der zum Raise ausreichen würde (A8s: 69% gegen seine Range). Da deine Valuerange aber recht schmal ist (Pockets, A9, suited 9/8 = 14% deiner Range) und Draws eher noch mehr ausmachen (Flush Draw, oesd, Gutshot + Overs = 18%) wird deine Callingrange vor allem aus marginalen Showdownhänden bestehen, die keine ausreichende Equity für einen Raise haben. Raist du einen Teil deiner Draws nicht, macht das seinen Showdownhänden in der Call-Linie nicht viel aus. Ausserdem könntest du deine Callingrange noch stärken, in dem du deine kleinen Pockets callst, damit du am River Showdownvalue gegen seine Asse hast. Die kleinen Pockets hätten ausserdem am Turn keine 60% gegen die gegnerischen Range. Du hättest mit den kleinen Pockets auf viele Karten keine Valuebet am River mehr, so dass Calldown statt raise Turn auch eine gute Alternative für diese Hände ist. Da der Gegner 6 Outs gegen sie vielleicht auch nicht so oft wegwirft, weil deine Raisingrange recht drawlastig sein könnte, bringt dir ein Raise mit Pockets nicht viel Gewinn.
Du callst potenziell also ziemlich viel, ca 45% deiner Range oder mehr. Deine Callingrange ist sehr A high lastig. Welche Hände kann der Gegner dann am River valuebetten? Alles ab AQ+. Das sind knapp 90 Kombos. Das gilt auch dann, wenn du die kleinen Pockets am Turn callst, da AJ-AT mehr Hände sind als 77-66. Dazu kann und sollte er Bluffs mischen. KQ, KJs, QJs sind mehr als 10 Kombos, er hat also genug Bluffs, die du auch schlägst. Fold River ist daher für dich unattraktiv. Sollte am River eine Karte von K-T fallen, wird er wahrscheinlich seine unimproved Asse nicht mehr betten, weil deren Equity dafür zu schlecht wird. Diese Karten treffen deine Range ganz gut und auf K und Q wirst du sowieso nichts schlechteres mehr callen.
Tendenziell wird die Range des Gegners am River valuelastiger, wenn er nahe der Quote der Pot Odds blufft. Am Turn liegst du gegen knapp 25% seiner Range noch vorne.
Equilator (ab und zu kann man ihn noch gebrauchen!):
wer hat am Turn momentan die beste Hand - Analyse
Equity Gewonnen UnentschiedenVerloren Hand
Spieler 1: 24.783 % 20.870 % 7.826 % 71.304 % AhTc
Spieler 2: 75.217 % 71.304 % 7.826 % 20.870 % 66+, A8s+, KJs+, QJs, ATo+, KQo
Die Pot Odds für einen Call am River werden bei 8,5:1 liegen, das heisst deine Equity wird gegen eine Bet am River wahrscheinlich unter 20% fallen, falls du nichts triffst. Du kannst auf manche Karten smart folden. K-Q sind sehr schlechte Karten für deine Equity.
Du kannst natürlich auch deine Outs treffen. Dann hast du einen Equityvorteil, die Frage ist aber, wie viel du dafür bekommst. Auf diesem Limit halte ich es für absolut möglich, dass der Gegner auf ein Ass am River mit seinen Assen und Monstern einen Checkraise versucht, weil er ja weiss, dass dein Call sehr viele Asse enthält. Kommt eine T, hat er zumindest eine unangenehme Situation.
Falls du triffst und der Gegner eine Bet in den River investiert, hast du wahrscheinlich nicht mehr als 50% Equity.
Wie kriegt man das alles in eine EV-Rechnung? Wir berechnen den EV Street für Street. Der Pot geht erst am River in den EV ein, denn erst da kommt es zum Showdown.
EV Turn:
Wir haben leider das Problem, dass wir nicht immer den Showdown sehen (z. B. nicht auf K, Q, falls der Gegner bettet). Wir können daher einen Teil unserer Equity nicht realisieren. Schlimmstenfalls entspricht das der Häufigkeit, dass K oder Q am River fallen. Wir machen also eine worst case Rechnung für den Turn. Genaugenommen steigert sich dadurch unsere Equity etwas für den Rest der Fälle. Leider kenne ich kein Tool, dass das ausrechnet. Wir folden jedenfalls nicht viel Equity.
EV(Turn) = 40/46 * Equity * 2 - 1 = 87% * 26% * 2 - 1 = -0,548
EV River:
Hier gibt es eine ganze Menge, was passieren kann. Wir machen eine Fallunterscheidung und zählen am Schluss alles zusammen. Wir unterscheiden nach Karten, die fallen können und nach Aktionen des Gegners. Die möglichen Flushes lasse ich immer unter den Tisch fallen, um es nicht total ausufern zu lassen.
1. Fall: Ass auf dem River
Wahrscheinlichkeit: 3/46 = 6,5%
Wahrscheinlichkeit, dass Gegner bettet: wir wissen nicht, ob der Gegner mit seinen guten Händen checkraist. Wir nehmen willkürlich an, er tut es in 50% der Fälle. Top Paar und besser machen 41% der gegnerischen Range aus. Dazu kommen noch ein paar Bluffs. Davon hat er jede Menge in seiner Range, aber er wird es vermutlich nicht übertreiben. Wenn er in 25% aller Fälle bettet, dann besteht seine Betting-Range zu 75% aus Assen und besser und zu 25% aus schlechteren Händen. Deine Equity dagegen wäre nur 30% (du splittest gegen AT).
EV(River, A, bet) = 3/46 * 25% * (30% * 9,5 - 1) = 0,060
Er checkt dann logischerweise den Rest. Hast du eine Valuebet? Du hast nur dann Bluffs in deiner Range, wenn du am Turn die kleinen Pockets oder Draws gecallt hast. Aus der Sicht des Gegners ist das möglich. Seine Bluffcatcher sind die Pockets. KK-TT = 21 Kombos, vielleicht auch 77, weitere 6 Kombos. Schlechtere Asse hat er nicht, da sich an kleineren Asse nur A) und A8 in seiner Range befinden, die 2-Pairs haben. Bessere Hände in seiner Checkraiserange sind AA, 99, 88, AJ+, A9s, A8s = 34 Kombos. Er checkt davon allerdings nur die Hälfte, die andere Hälfte bettet er. Also checkt er etwas mehr schlechtere Hände als er bessere Hände checkraist. Wenn du hier sicher bet/fold spielen könntest, hättest du eine dünne Valuebet. Kannst du das? Ich bin nicht sicher.
Im Zweifel hast du keine Valuebet. Entfernen wir die Bettingrange aus der Range, hast du gegen seine Checkrange eine Equity von 74%.
Board: 9♠4♥8♦ 2♠ A♦
Equity Win Tie
MP3 73.97% 69.86% 4.11% { AhTc }
SB 26.03% 21.92% 4.11% { KK-QQ, TT, 77-66, AQs-ATs, KJs+, QJs, AQo-ATo, KQo }
EV(River, A, check) = 3/46* 75% * 74% * 7,5 = 0,271
EV(River, A) = EV(River, A, bet) + EV(River, A, check) = 0,060 + 0,271 = 0,331
Zu prüfen wäre, wie sich der EV am River ändert, wenn er nicht checkraist, sondern seine Valuehände alle bettet. Wenn du deine Valuehände nicht betten kannst auf seinen Check, dann hat er nichts vom Checkraise. Er schützt damit zwar seine schlechteren Hände vor einer Bet, bekommt aber zu wenig von seinen guten Händen. Ausserdem besteht immer die Möglichkeit, dass du bet/fold spielst. Das kann man abdecken, in dem man die Villain 100% valuebet Linie betrachtet.
Es ändern sich die Equity für den gegnerischen Check und die Verteilung der Ranges. Bettet er seine Valuehände zu 100%, bettet er 41% seiner Range für Value und ein paar Bluffs. Er bettet dann ca. 50% seiner Range (die gleiche Menge, die er sonst bettet und checkraist). Deine Equity gegen diese Range ist dann 25%. Deine Equity gegen den Rest ist 100%.
EV2(River, A) = 3/46 * (50% * (25% * 9,5 - 1) + 50% * 7,5) = 0,289
Diese Linie ist für den Gegner also doch ein gutes Stück besser.
2. Fall: T am River
Wahrscheinlichkeit: 3/46
Es ist schwer zu sagen, was der Gegner hier mit seinen unverbesserten Assen macht. Er hat ja noch einiges an Equity gegen deine Range, aber keinen Vorteil mehr. Ich könnte mir vorstellen, dass er AK gegen den negativen Freeroll bettet. Vielleicht aber auch nicht. Er hat mit 77 und 66 noch Hände ähnlicher Stärke. Wenn er zuviel gegen den negativen Freeroll bettet, wird er anfällig für Bluffraises. Es gibt andererseits sehr wenige Hände, die du für Value raisen könntest. AT z. B. nicht, weil dich fast nur bessere Hände callen. Wenn er nicht mehr Hände gegen den negativen Freeroll bettet, als er Valuehände bettet, die die T schlagen, dann sind Raises für dich mit der T nicht profitabel. Er schlägt die T mit 88+, QJs. Das sind 32 Kombos. AK sind 12 Kombos, A9s+A8s sind 4 Kombos, 77 und 66 sind 6 Kombos. Gegen deine T ist er also im grünen Bereich, was den Anteil seiner Valuehände betrifft. Deine Raisingrange würde dann vor allem aus Bluffs bestehen. Was für ihn bedeutet, er spielt 66+, A9s, A8s, AK für Value/Bluffinduce als bet/call bzw. seine Monster als bet/3-bet.
Er wird wahrscheinlich keine guten Hände für Value checkraisen. AJ ist wohl cf, mit AQ hat er die Auswahl zwischen mehreren schwierigen Lines. Im Zweifel cc, denn irgendetwas sollte er ja auch callen, wenn er checkt. Checkraise bietet sich für ihn mit keiner Hand an, daher kann er seine cf nicht mit cr balancen.
Dir bleibt nichts anderes übrig, als auf eine Bet nur zu callen. Sollte der Gegner checken, bettest du und bekommst manchmal noch Value.
66+, AT, A9s, A8s, 77, 66, AK, QJs sind 66/110 = 60% der gegnerischen Range. AQ sind 12/110 ~ 11% seiner Range und der Rest addiert sich auf 29%. Gegen die 29% bist du vorne, gewinnst aber nichts mehr auf dem River. Gegen AQ bist du auch vorne und gewinnst noch 1 Bet. Gegen die 51% hast du 47% Equity und es geht noch eine Bet in den Pot.
Also ist
EV(River, T) = 3/46* (60% * (47% * 9,5 -1) + 11% * 8,5 + 29% * 7,5) = 0,338
Hier sind wir an sich schon fertig für diese Hand. EV(Turn) + EV(River, A) + EV(River, T) > 0, also lohnt sich der Call am Turn. Was immer der EV für alle anderen Karten auf dem River ist, negativ wird er nicht sein, da wir immer folden könnten. Ein möglicher Flush am River beeinflusst die Rechnung noch etwas zu unseren Ungunsten, aber das wird nicht ausreichen, um die Rechnung zu kippen.
Viel schwieriger ist es jedoch auszurechnen, welche Equity man am Turn braucht, um zu callen, wenn man manchmal den River foldet. Das hängt vom unverbesserten Showdownvalue ab, von der Qualität der Outs und von der gegnerischen Linie. Der Positionsvorteil wirkt sich deutlich aus, wie wir hier gesehen haben. Er beeinflusst die gegnerische Linie so, dass er mit seinen besseren Händen nicht immer Value aus unserer Hand ziehen kann.
Du hast hier immerhin ein Sicherheitspolster von 5% Equity am Turn. Das wird in den meisten Fällen ausreichend sein, es sein denn, du musst auf viele Karten am River folden.
Ich habe übrigens vor, noch dieses Jahr ein Theoriecoaching zum selektiven Calldown zu machen. Das sind Calldowns, bei denen man auf schlechte Karten foldet. Meine Coachings sind zwar ab Silber, aber vielleicht wird's auch für fortgeschrittenere Spieler noch interessant. Ich muss allerdings sehen, dass nicht zuviel Mathematik reinkommt, denn das ist dann für ein Coaching zu schlecht verdaulich.