Das Handy klingelt: ich soll aufstehen. Ich drücke wie blöd auf dem Handy rum und die Snooze-Funktion lässt mich noch etwas weiterschlafen, dann quäle ich mich aus dem Bett. Es ist mittlerweile 11:47 und wie jeden Tag weiß ich nicht recht wo ich anfangen soll. Weil ich das sowieso muss, gehe ich erst mal einkaufen. Ich verlasse das Haus und sehe mich um. Ich sehe die üblichen Gespenster, ich ignoriere sie wie immer. Ich stehe an der Kasse und bin getarnt als einer von ihnen. Ich sehe ihre Augen. Ihre Augen machen mich traurig.
Auf dem Weg zurück hauen mich Bettler an. Ich kenne sie schon, denn es sind seit zwei Jahren dieselben. Ich gebe nie etwas. Solange ihr System funktioniert, werden sie es nicht ändern. Als ich zuhause bin packe ich die paar Sachen aus und brauche dafür eine halbe Stunde. Was ich zwischendurch gemacht habe, habe ich schon wieder vergessen.
Dann muss ich zur Uni, zum sinnlosesten Seminar der Welt. Ich sitze da und höre den anderen zu. Die anderen ekeln mich an. Meine Sitznachbarin spricht mich an und ich antworte freundlich. Ich freue mich, dass sie mich angesprochen hat. Als das Seminar endlich vorbei ist überlege ich, ob ich mich von ihr verabschieden soll. Ich entscheide mich dagegen und gehe.
Am Abend ruft mich ein Kumpel an und wir sprechen uns ab, wann wir zum Sport gehen. Dort angekommen halten wir ein bisschen Smalltalk, im Rahmen meiner Möglichkeiten. Kreuzheben, Klimmzüge und Dips, letztere jeweils mit Zusatzgewicht. Beim Training sehe ich meist aus wie ein Penner, zumindest verglichen mit den ganzen Stylern, die dort sonst rumtanzen. Sie sind sehr von sich überzeugt, das merkt man. Das bin ich aber auch. Außerdem stemme ich eh mehr Gewicht. Mir ist es dort zu voll. Ich sehne mich nach dem Alleinsein. Auf dem Rückweg will ich noch was essen und frage meinen Kumpel, ob er dabei ist, denn ich will nicht allein sein. Heute kann er nicht, er will mit seiner Freundin essen, bei sich zuhause.
Ich sitze in einem Laden in der Innenstadt und beobachte die Straße, während ich esse. Familien und Paare, die Sorte Hampelmänner mit Kapuzenpullovern, die man nur in Gruppen von mindestens vier Leuten sieht, kleine Teenieschlampen, die sich um nichts sorgen außer ihren Whatsappverlauf, Rentner, die sich fragen, wie es so weit kommen konnte. Für mich sind sie alle gleich. Ich kenne sie alle, sie sind nicht wie ich. Ich bin allein, weil ich nicht sein will wie sie. Sie sind zufrieden, weil sie sich erlauben, so zu sein, wie sie sind.
Ich laufe los und werde einer von ihnen. Ich setze mich ans Wasser, auf die Mauer. Ich mag das leichte Rauschen, ich mag die Lichter der Stadt. Die kleinen Fische, die sich den Wellen überlassen, tanzen und spielen, doch wer kennt die Seele des Meeres, hundert Fuß unten? Wer kennt seine Tiefe? Ich hatte mir vorgenommen, dort nachzudenken, weil ich etwas ändern muss. Ich sitze da und die Gedanken schweifen. Zum ersten Mal fühle ich mich wohl, irgendwie angekommen. Nach zwanzig Minuten habe ich das Gefühl, ich muss weiter, deshalb gehe ich. Ich komme nach Hause. Da sind Stimmen, die mich rufen.