Hi Jaques,
ich war auch in Wiesbaden und hab meinen Table als Platz 4 verlassen. Die Blindstruktur war in der Tat mörderisch aber das Spiel lief trotzdem ganz anders ab als ich das mit meinen (zwar noch geringen aber vorhandenen) Live-Poker Erfahrungen erwartet hätte. Da sieht man wieder das sich 90% der Spieler einfach garnicht mit der Struktur vorab auseinandergesetzt hatten. Trotzdem hatte ich Glück und saß an einem Tisch mit 'normalen' Leuten. Wenn ich so in die Runde geschaut habe waren da die tollsten Typen vertreten. Ich werde wohl nie begreifen wieso es Menschen gibt die meinen das sie dieses Spiel mit ihren Klamotten, ihren Sprüchen oder ihrem ach so toll geprobten 'böse-Blick' Pokerface entscheiden könnten. Letztlich sagt es aber meistens viel über ihren Skill aus ♦
Ich habe eigentlich damit gerechnet das es ein übles Gehacke aus prefop-Action bis zum Abwinken werden würde. KJo All-Ins oder QTs Calls auf soche All-ins. Ax-Raiser und small-Pocket Akrobaten. Aber davon war erstmal überhaupt nichts zu sehen. Wo es mir doch so gut gepasst hätte: Dealerauslosung brachte mir den Button als Startplatz und meine erste Hand war A A!!! Was kann man mehr erwarten? Und was verdiene ich damit? 200 Punkte, nämlich die Blinds... (alle schmeissen weg und ich raise 3BB auf die Blinds, die ebenfalls raus sind).
Als die Blinds dann bei 400/800 ankamen, da wurde dann plötzlich K7o All-In geraist und von Q4o gecallt. Versteh einer die Welt...
Es ist wirklich erstaunlich was man aus den Leuten auch ohne große Erfahrung rauslesen kann wenn man sich nur wenige Hände intensiv betrachtet, so kam ich nach der ersten Viertelstunde und einigen interessanten Reads auf meine Mitspieler zu der Überzeugung das an diesem Tisch keiner wirklich gut spielen konnte. Hier mal ein Kurzabriss meiner Gegner:
Ich sitze auf Seat 5. Hinter mir ein ehrgeiziger, unerschrockener smarter Jüngling mit dem unbedingten Willen zum Sieg. Der, wenn sein PreFlop-Raise gecallt wird (was zunehmend häufiger geschah) gerne mal überhastet All-In vorschlag (zur Not auch nur aufs MidPair oder ganz ohne Treffer). Was ihn 2 mal fast gekillt hätte, wären nicht noch die richtigen Karten auf Turn und River gekommen. Durch einen (wie ich finde schlechten aber) beherzten CALL eines 3 Mann-Kollektiv Allins mit KQs schaffte er es dann sogar zum Chipleader. (Was nicht an seiner starken Hand, sondern an den ziemlich schlechten Händen seiner Gegner lag).
Auf dem Sitz dahinter ein schüchternes, junges Mädel, deren Angst vor aggressiven Actionen auf die Stirn tätowiert schien. Ihren wilden/überzogenen PreFlop-Raises folgte auf dem Flop meist ein Fold, was vermuten lässt das hier kleine Pockets einfach deutlich überbettet, und dann am Flop verfehlt wurden. Ein forscher Bet vertrieb sie jedenfalls aus jeder Hand, einen River hat sie am Ende nur einmal gesehen, als sie sich entschied mit A4o das 3er All-in mitzuspielen.
Als nächstes der einzige Spieler den ich nicht einschätzen konnte. Was vermutlich daran lag das er nur 2 oder 3 mal in der Hand war. Jedenfalls war er der Meinung das mein Hintermann, der gerade einen geplatzten Bluff hinter sich hatte, All-In setzen zu müssen als er in der nächsten Hand direkt wieder raiste. Mit A5s sicher nicht die beste Idee, denn das ein Spieler gleich 2mal hintereinander zum Bluff ansetzt, der noch dazu UTG sitzt, ist doch eher unwahrscheinlich. Ergebnis: sein A5s konnte KK nicht bezwingen. Daher der erste der aufstehen musste.
Danach dann ein Spieler Marke: Trotzkopf. Viele Limpversuche mit ziemlich schlechten Starthänden die dann meist weggeworfen werden mussten wenn gebettet wurde. Ergebnis: Call ich halt jetzt auch mit schlechten Karten. Frühes Ende, dank eisernem Willen ♦
auf Seat 10 dann Callingstation Nr. 1. Klares geradeaus-Spiel. Treff ich, bet ich. Und hab ich einen König oder ein Ass, dann call ich auch jeden PreFlop raise. Dank ABC-Betstrategie schaffte es dieser Spieler sogar zum Chiplead, was jegliches Blind-Stealing hoffnungslos machte. Mehrere Bluff-Versuche anderer Spieler prallten jedenfalls ergebnislos an ihm ab. Sein Glück: er traf recht gut! K4o mit Flop KT5 Turn T River 4. mit K8o schaffte er einmal mit der Riverkarte sogar noch eine Straight, was seinen Gegner, der vorher das Top-Paar Q durchbetten wollte ziemlich viele Punkte gekostet hatte.
Als erstes nach dem Dealer dann ein ähnlich einfallsloser Spieler. Grundtendenz passiv. Einmal in der Hand aber nur schwer wieder zu vertreiben. Mein Hintermann bettete ihn als er im Flop Q83 die Hand Q2 hielt mit einem Bluff soweit das er All-In hätte gehen müssen um zu callen. Obwohl er nicht commited war zu diesem Zeitpunkt quitiert er seinen Call mit dem Zusatz: 'Ja gut, das muss ich ja callen, was bleibt mir da übrig?!' ♦
Sein Ende kam ebenfalls im Kollektiv-Selbstmord All-In der 4er Gruppe.
Seat 2 ein sehr stiller, mittelalter Mann in gepflegtem, aber in die Jahre gekommenen Wollpulli. Schnauzbart, Brille. Hätte von der Optik her eher an einen Skat-Tisch gepasst und schien sich als Ziel gesetzt zu haben ein nettes Spielchen mit Freunden zu veranstalten. Extrem passiv, ja geradezu unsichtbar. Ausser callen keine Wünsche. Ich weiss nicht ob er überhaupt eine Hand gewonnen hat, aber sein Ausscheiden war nur eine Frage der Blindhöhe.
Seat 3 war leer, da hat wohl einer verpennt. In der 3ten Blindrunde wurden die Chips entfernt. Bis dahin wurde der Seat bedealt und die Blinds wurden einbehalten.
Vor mir dann ein junges Mädel. Die vermutlich einzige ernstzunehmende Gefahr am Tisch. Sie hatte sich vor Ort durch ein gewonnenes SnG qualifizieren können und zeigte keinerlei Schwäche (mal abgesehen von der weiblich bedingten Unart jede gefoldete Hand zu kommentieren, hätte sie im Flop gut getroffen
<- nix gegen weibliche Pokerspieler, aber irdengwie sind in diesem Punkt viele vergleichbar ♦
Perfekt also das ich ausgerechnet hinter ihr sitze. Ich kann ihre Aktionen abwarten und dann entscheiden was zu tun ist. So konnte ich z.B. AJ erfolgreich folden nachdem sie auf 3 BB raiste und im Showdown die von mir erwartete Hand AQs zeigte.
Insofern hat mir dieses Spiel sehr gut gefallen, vor allem weil jedem Informationen zu entlocken waren. Ich konnte gut einschätzen wer am Tisch gerade ungefähr in welcher Situation war. Unbequemer Call. Unerwarteter Raise. Ertappter Bluff. Alles war dabei.
Genutzt hat mir all dies im Ergebnis aber leider wenig. Denn nach meiner tollen Starthand waren mir spielbare Hände nicht vergönnt! In der Kombination mit 2 Calling-Stations war auch Blind-Stealing nicht attraktiv, auch wenn ich es 2 mal erfolgreich praktizierte, allerdings mit durchaus vertretbaren Händen! Wenigstens marginal-Hands hätten hergemusst um irgendwas zu unternehmen. Mich ohne irgendwelche Karten ins Spiel einzuschalten war einfach nicht möglich. Einmal noch AQ, war mir wiederum nur die Blinds einbrachte. Und ein K8s All-In (bei dem ich nur noch 3,5BB Stack hatte) das mit von Seat10 mit K7o gedoppelt wurde (ich ahnte es schon als er CALL sagte, das jetzt eine noch schlechtete Hand kommen würde).
Am Ende landete ich mit 44 UTG bei einem Blind-Stand von 1500/800 10sek. vor der nächsten Blind-Erhöhung in der Entscheidung meine 8000 Chips reinzustellen oder nicht. Noch während die Hand läuft wird der neue Blindlevel verkündet, der mich sowieso in den roten Bereich gedrückt hätte, daher war mein All-In-Raise wohl ok, obleich ich schon ahnte das ich ein Problem kriegen werde wenn meine Spielerin zur Rechten (die ja im 'teuren' BigBlind saß) mich callt. Wenn sie callt, dann kann ich mich im Besten Falle auf einen Coinflip einrichten. So kam es dann auch, sie zeigte AQo. Der Flop bescherte das Ass. Keine 4 mehr bis zum River. Turnier für mich vorbei!
So war es am Ende, trotz aller Voraussicht, irgendwie schon eher Bingo als eine echte Pokerpartie. Aber gut, 2100 Leute: da muss geklotzt und nicht gekleckert werden...
Ich hoffe mein Beitrag war jetzt nicht zu lang aber ich war von diesem Table echt fasziniert. Vor allem, weil ich beim letzten Live-Spiel so irgendwie keinen auf irgendwas setzen konnte!
Insgesamt fand ich die Veranstaltung sehr interessant. Vor allem die tatsächlich live vorhandenen PokerPros wie Ivy, Hansen, Lederer, Seidel, Ferguson und und und... ein echtes Erlebnis. Und vor allem: Komplett kostenlos! FulLTilt zeigte sich sehr spendabel. Erinnerungsfotos, Kartendecks, Mauspads, Kappen und Poster. Und alles umsonst. Für jeden erhältlich! Eine reine Werbeveranstaltung (und nichts anderes war das Ganze ja) in dieser Gr�ößenordnung habe ich bis dato noch nicht erlebt.
Und da eben alles umsonst war, rief es natürlich so einige seltsame Gestalten auf den Plan. Am Check-In Schalter für die SnG-Qualis kam es sogar zu Handgreiflichkeiten frustrierter Spieler. Auch die Enge, die miese Luft und der Andrang an allen Attraktionen ist ein Manko, für das der Besucher, und nicht der Veranstalter verantwortlich ist...
Ich fands jedenfalls Klasse und sehr interessant!
PS: Mein längster Beitrag in diesem Forum bis jetzt