Ich finde das ist ein sehr schwieriges Thema, würd gern eure Ansichten dazu mal lesen. Nietzsche sagt "Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch, - ein Seil über einem Abgrunde"
Der Abgrund ist wohl das ganze potentielle Versagen der Menschen, während das Tier die Urform ist (?), das unmoralische Ideal des Unterbewussten.
Doch wie kann man den Übermenschen begreifen?
Im Tractat vom Steppenwolf wird der Bürger in die Mitte zweier Pole gestellt, das Heilige auf der einen Seite, das Chaos auf der anderen. Ich denke das Chaos kann mit Nietzsches Tier gleichgesetzt werden, das Heilige mit dem Übermenschen. Hesse selbst bezeichnet ja die meisten Menschen als überflüssige Masse und generalisiert sie als "der Bürger." Im hinteren Teil des Tractats wird Haller als "(...) Mensch, der fähig ist, Buddha zu begreifen (...)" charakterisiert. Ich denk da liegt wohl eine Unterscheidung zwischen zwei Klassen von Menschen vor, Bürgern (Definition Bürger: "Der Bürger schätzt nun nichts höher als das Ich (ein nur rudimentär entwickeltes Ich allerdings). Auf Kosten der Intensität also erreicht er Erhaltung und Sicherheit, statt Gottbesessenheit erntet er Gewissensruhe, statt Lust Behagen, statt Freiheit Bequemlichkeit, statt tödlicher Glut eine angenehme Temperatur. Der Bürger ist deshalb seinem Wesen nach ein Geschöpf von schwachem Lebensantrieb, ängstlich, jede Preisgabe seiner selbst fürchtend, leicht zu regieren. Er hat darum an Stelle der Macht die Majorität gesetzt, an Stelle der Gewalt das Gesetz, an Stelle der Verantwortung das Abstimmungsverfahren.“) und denen, die das Universum als Ganzes erkennen und über die kleinbürgerliche Welt hinausschreiten. Das sind dann laut Hesse einmal die Unsterblichen, welche es geschafft haben alles polarisierte Denken zu überwinden und "entpersönlicht" sind. Die anderen sind die, die diese Polkonstruktion zwar erkennen, aber dadurch nur in der Luft hängen und ihr Ich nicht ablegen können. Dies seien die ganzen genialen Künstler, welche alle dieser Art Mensch zuzuordnen sind, welche ihr ganzes Leben lang unzufrieden waren und nur gelegentlich diese Spuren des Übermenschen in sich tragen und in diesen Momenten ihre weltbekannten Werke malen/schreiben/dichten...
Vielleicht mag das eingebildet klingen, aber ich stimme Hesses Unterteilung in Menschen verschiedener Güteklassen zu. Ein großer Teil der Menschen ist wohl genau das, was Hesse unter dem Bürger versteht. Die erkennt man leicht - "Überwindung des Ichs? - Lass mich mit so nem Quatsch in Ruhe", "Meditation? OMMMM, haha, für so nen Mist hab ich keine Zeit" usw usf. Ein kleiner Teil macht sich über solche Dinge wie den Übermenschen Gedanken, befasst sich mit Dingen wie Meditation, Philosophie usw. und zeigt eine generelle Aufgeschlossenheit gegenüber Themen wie Existenzfragen u.ä. Heute sind das schon sehr viele Menschen und es werden immer mehr. Nietzsche war seiner Zeit voraus, damals gab es noch nicht so viele Menschen die solche Gedanken schafften.
Der Grund warum ich diesen Thread öffne ist der, dass ich mich momentan in einer Phase seh, in der ich die Konstellation zwischen Bürger/Mensch, dem Tier/Chaos und Übermensch/Heiligen erkannte habe und befürchte, dass ich etwas in diese Künstlerschiene abdriften könnte. Wenige, kurze Augenblicke in denen die Gesamtheit erkennbar wird, viele, lange nihilistische Phasen. Wer den Steppenwolf gelesen hat möge nur an Hallers Alltag in seiner Wohnung denken. Hohe Leidensfähigkeit, gemäßigtes Empfingen und Isolation.
Faust scheint ja auf der Suche nach dem Übermenschen eher zurück zum Animalistischen zu gehen, Mephisto hilft ihm dabei. Sowohl Faust ("Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust") als auch der Steppenwolf (der sich einerseits als Mensch, andererseits als Wolf sieht) machen laut Hesse den selben Fehler und beschränken ihr Ich auf zwei Aspekte. Die ganzen niederen Menschen versuchen das ich als eine Einheit zu begreifen, was Irrsinn ist und wohl eine Krankheit der Menschen. Faust und Haller sind einen Schritt weiter, sie sehen ihr Ich schon in zwei Gestalten. Laut Hesse besteht das Ich aber aus hunderten, tausenden Aspekten.
Die Aussage versteh ich schon und stimme ihr auch zu, allerdings weiß ich nicht, wie ich das deuten/nutzen soll. Zudem wird der Weg zum Übermenschen mit der Aufgabe des Ichs beschrieben, die eigene Identität bekämpfen.
Das liest sich jetzt vielleicht alles etwas eigenartig, so nach dem Motto "jaja, jetzt hat er ein paar Bücher gelesen und will zum Übermenschen werden
, so ist das aber nicht gedacht. Ich such nicht nach einem step-by-step guide zum Übermenschen.
Hier ist das Tractat zum Nachlesen, nur--für-- Ver--rückte!
Edit: Noch ein Zitat:
Prolog im Himmel, Mephisto:
"Er ist sich seiner Tollheit halb bewußt;
Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne
und von der Erde jede höchste Lust,
Und alle Näh` und alle Ferne
Befriedigt nicht die tiefbewegte Brust."
und noch eins:
Mephisto:
"Das Heidenvolk geht mich nichts an,
Es haust in seiner eigenen Hölle;"
Damit sind wohl Hesses Bürger, die Untermenschen gemeint?