Zu der Eingangsfrage, ob Geld abgeschafft werden soll:
Wenn ich diese Frage beantworten will, muss ich mich vor allem erst einmal fragen: Was will ich eigentlich wirklich?
Dazu wiederum muss ich fragen: Warum funktioniert Geld überhaupt? Nur wenn ich das weiß, kann ich es auch abschaffen.
Eigentlich ist es nur ein abstrakter Platzhalter ohne eigenständigen Gebrauchswert. Die Münze oder der Schein, auch der Bit auf dem Computer sind nur Symbole für den Besitz dieses Platzhalters.
Für sich genommen hat es null Gebrauchswert. Der einzige Grund, es zu besitzen, ist, dass ich beim nächsten Tausch etwas dafür wiederbekomme.
Nur: Woher kommt dieses Vertrauen, dass das auch funktioniert? Woher beziehe ich die Garantie, dass in diesem Stück Papier in meiner Tasche auch wirklich "Wert" steckt?
Es gibt meiner Ansicht nach zwei Gründe:
Zum einen, weil es eine Instanz gibt, bei der man es in jedem Fall loswird, nämlich den Staat. Der Staat erhebt Steuern und Abgaben in Form von Geld. Wenn also niemand sonst es akzeptiert, der Staat tut es. Und er könnte jeden Einzelnen zwingen, es zu akzeptieren, wenn er als zahlender Kunde auftritt.
Dieser Grund ist der entscheidende. Ohne das Staatswesen hätte sich Geld nicht flächendeckend durchsetzen können.
Zum anderen macht gerade dieses scheinbare Mysterium der "Wertsubstanz" das Geld zum Gegenstand einer quasireligiösen Verehrung.
Wer macht sich schon Gedanken darum, wie und warum es funktioniert? Das Überleben hängt davon ab, dass man hinter ihm herrennt, hinter dem Fetzen Papier, dem Stück Glanzmetall, aber kaum jemand stellt es in Frage. Es ist eine Selbstverständlichkeit des Lebens geworden, obwohl es für sich genommen irrational ist.
Man kann das am Beispiel der Internetwährung "Bitcoin" erkennen. Es gibt keinen Staat, der für ihren "Wert" garantieren kann, ergo funktioniert sie nicht flächendeckend, aber gibt eine kleine eingeschworene Gemeinschaft, die damit Tausch praktiziert. Die lange Tradition des Staatswesens hat geschafft, was religiöse Institutionen niemals völlig hingekriegt haben: Dass sich die Menschen in ihrem Denken vollkommen einem "Götzen" verschreiben, dem sie ihr ganzes Leben widmen.
Ich denke, die Abschaffung des Geldes wäre leicht: Der Staat darf es nicht mehr als Tauschmittel akzeptieren. Damit bräche aber nicht nur das Geld-, sondern auch das Staatswesen zusammen, das all seine Ressourcen aus dem Geld der Bürger bezieht.
Wenn du also forderst: "Schafft das Geld ab", dann musst du zwei Dinge verstehen:
Erstens, du richtest diese Forderung nicht an alle Menschen zugleich, sondern an den Staat.
Zweitens, du forderst implizit die Abschaffung des Staates.
Wäre es nicht sinnvoller, gleich den Kern der Sache anzusprechen und zu sagen: "Schafft den Staat ab"?
Und selbst dieser Gedanke hat einen entscheidenden Nebenzweig:
Es gibt einen Grund, warum Geld so bereitwillig von den Menschen akzeptiert wird: Es erleichtert den Austausch von Sacheigentum, ein Konstrukt, das durch staatliche Gesetzgebung entsteht.
Und allein von der Frage der materiellen Versorgung her macht es nicht viel Sinn, eine Rückkehr zu Subsistenzwirtschaft und Naturaltausch mit ihren Beschränkungen zu fordern.
Die Abschaffung des Geldes müsste also implizieren, dass die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums sich nicht in Form einer Tauschökonomie organisiert, sondern durch ein System von Absprachen, das auch hohe Komplexität bewältigen kann.
Mit anderen Worten: Wir produzieren alles gemeinsam - als Gesellschaft, nicht als isolierte Individuen.
Und das bedeutet: Es gibt kein Sacheigentum mehr.
Rufst du also: "Schafft das Geld ab!", dann heißt das: "Schafft Staat und Privateigentum ab!"
Das heißt, als Leser kann ich deinen Aufruf nur auf zweierlei Weisen interpretieren:
Entweder, dein Gedankengang greift zu kurz, weil du eine Scheu hast, ihn zu Ende zu denken. Und das ist schade, denn wer wirklich etwas verändern will, muss konsequent sein können.
Oder du weißt, was du wirklich forderst, und verklausulierst das nur, weil du die Reaktion hitziger konservativer Gemüter fürchtest. Das ist ebenfalls nicht gut, denn wenn du über etwas diskutieren willst, musst du es beim Namen nennen.
Meinst du nicht auch, dass eine grundsätzliche Diskussion mehr bringt?