Das ist alles nicht so einfach. Man muss bedenken, dass diese Call20-Regel kein festes Gesetz ist sondern nur ein Richtwert. Früher hieß das ganze Call15. Da die Leute aber irgendwann im Durchschnitt öfter kapiert haben, was wir da machen, wurde es auf Call20 erhöht. Diese Erhöhung ist aber auch schon ein Weilchen her und seitdem ist der durchschnittliche Skill der Gegner nochmal angezogen.
Jetzt spielt ihr ja noch auf den Micros gegen Leute, die nicht all zu weit mitdenken und noch sehr mit ihren eigenen Karten beschäftigt sind. Da hat die Regel noch ihre Daseinsberechtigung, aber gerade oop muss man auch hier schon genauer hinsehen.
Man schaut sich die Situation an und entscheidet, dann wie wahrscheinlich es ist, dass wir ausgezahlt werden. Faktoren die da mit reinspielen sind:
1. Der Gegner
Wie loose raist er? Wie loose barrelt er mit Air? Wie loose geht er broke usw.
2. Die Positionen
Wie stark ist seine Range aus der konkreten Position? Sind wir IP oder OOP?
3. Gegner hinter uns
Bei passiven, um abzuschätzen, wie oft multiwaypötte zustande kommen. Bei aggressiven, wie oft man den squeeze kassiert.
Je nachdem wie man die Lage dann einschätzt, bleibt man bei Call20, erhöht es oder geht bis auf Call15 runter.
Für die konkrete Hand hier sieht die Analyse dann ungefähr so aus:
1. Der Gegner
LAG. Scheint aber halbwegs zu wissen was er tut, ist halt nur zu aggro und übertreibt es etwas. Er wird sicherlich vermehrt mit Air barreln und uns auch mal etwas lighter auszahlen, aber overall wird er schon kapieren, dass es nichts gutes heißt, wenn wir als tighter TAG postflop richtig Action machen.
2.
Schlechte Positionen. Er openraist aus einer Position, die für ihn schon als Steal durchgehen wird. Wir sind oop. D. h. er hat eine weite Range, mit der er uns nicht oft auszahlen wird. Er hat position und kann dadurch hervorragend potcontrollen. Wenn wir ihn zu Fehlern bringen wollen, wird das dadurch eher auf Bluffinduce hinauslaufen. Allerdings wird er halt selten den ganzen Stack verballern.
3.
Unbekannt, hier aber auch eher unwichtig auf dem Limit.
Wir haben hier also durchweg Nachteile, so dass wir die Call20 Regel deutlich aufstocken sollten. Wir bekommen etwa Call30, was schon ganz ok ist. Aber das Problem an der Sache ist, dass wir selten implieds auf seinen gesamten Stack haben. Wenn wir hier einen etwas größeren Pot spielen, wird der im Bereich 1/3 - 1/2 des Stacks liegen. Rein geht es in der Regel nur bei Setups, die aber erstens nicht so oft vorkommen und zweitens hat er dann ja immer noch Equity, wenn wir nur Bottomset machen.
Unter Strich heißt das, dass ein Call auf Setvalue in genau diesem Spot eher nicht profitabel ist, wenn dann nur sehr knapp. Gerade in Stealsituation aus den Blinds raus ist das immer sehr schwer. Wenn er dann auch noch halbwegs vernünftig spielt wirds kritisch. Da sollte mann die kleinen Pockets, die man ohne Set quasi nie zum showdown bekommen, auch mal folden.