Cliffs: Die zitierten Abschnitte der Urteilsbegründung zeigen, dass das Gericht die wesentlichen Eigenschaften von Glücks- und Geschicklichkeitsspiel nicht verstanden hat.
Ob ein Spieler mit seiner Teilnahme in Spielabsicht handelt, mithin keinen wirtschaftlichen Zweck verfolgt interessiert niemanden. Das gilt für einen durchschnittlichen Schachspieler, der an einem Schachturnier teilnimmt, das für Geld veranstaltet wird und bei dem es Preise zu gewinnen gibt ja auch. Da sehe ich nicht den geringsten Ansatzpunkt, das als Beleg für ein Glücksspiel zu verwenden.
Jedes Kriterium, das entscheiden soll, ob ein Spiel ein Glücksspiel ist oder nicht muss auch für Schach das richtige Ergebnis liefern. Wenn es das nicht tut, dann ist das Entscheidungskriterium inkorrekt. Der grosse Vorteil von Schach ist, dass man da ganz genau weiss, was herauskommen muss (Geschicklichkeitsspiel) und dass es wie Poker ein Nullsummenspiel ist. Das macht Schach zum erstklassigen Test für jedes Entscheidungskriterium für Poker als Glücksspiel.
sondern die Geschicklichkeit und die Fähigkeit eines durchschnittlichen Spielers aus der spielinteressierten Bevölkerung im Sinne eines mittleren Maßstabs. Es kommt darauf an, ob die zufallsüberwindende Beeinflussung der Gewinnentscheidung einem spielinteressierten Menschen mit durchschnittlichem Standard in so kurzer Zeit möglich wird, dass sich die Herrschaft des Zufalls allenfalls auf eine Einspielzeit beschränkt, deren Länge sich nach der erfahrungsgemäßen durchschnittlichen Dauer der Spielteilnahme bestimmt.
Das ist der wichtige Abschnitt. Dieser Abschnitt enthält mehrere Vermutungen, die in keinster Weise irgendwie belegt sind oder werden.
1. Wer ist der "durchschnittliche Spielers aus der spielinteressierten Bevölkerung im Sinne eines mittleren Maßstabs"? Er soll ja real existierenden Personen entsprechen, also muss man auch in der Lage sein, dessen Eigenschaften und Fähigkeiten zu benennen und nachzuweisen, dass diese Eigenschaften und Fähigkeiten tatsächlich der Durchschnitt im mittleren Massstab sind. Erst wenn man diese Fähigkeiten kennt, kann man die Hypothese überhaupt testen. In dem man sich aber immer um diesen Punkt herumschwindelt, weil man sich nicht festlegen will, entzieht man sich der Überprüfung der Hypothese. Das nennt man Immunisierung einer Hypothese gegen eine Überprüfung und das ist wissenschaftlich gesehen nicht zulässig. Vielmehr muss derjenige, der eine Hypothese aufstellt auch eine Methode aufzeigen, wie man sie falsifiziert. Und wenn es das Gericht ist, das den Massstab aufstellt, dann muss es auch die Kriterien liefern, wie man sie testen kann und wie die Hypothese falsifiziert werden kann. Das gehört immer zu einer Hypothese im wissenschaftlichen Sinn dazu und dem ist nie eine Urteilsbegründung gerecht geworden.
2. Die plausibelste Nullhypothese ist, dass die spielinteressierte Bevölkerung spielt und die nicht spielende Bevölkerung nicht am Spiel interessiert ist. Dass die nicht spielende Bevölkerung am Spiel interessiert ist ist die aussergewöhnliche Hypothese und bedarf daher des besonders starken Nachweises. Insofern geht es also schon um die Spieler und nicht um den Teil der Bevölkerung, der gar nicht spielt. Abgesehen davon gilt für die nicht spielende Bevölkerung Punkt 3 ganz besonders.
3. Es kommt *nicht* darauf an, "ob die zufallsüberwindende Beeinflussung der Gewinnentscheidung einem spielinteressierten Menschen mit durchschnittlichem Standard in so kurzer Zeit möglich wird, dass sich die Herrschaft des Zufalls allenfalls auf eine Einspielzeit beschränkt". Dieser Satz zeigt, dass das Gericht die Eigenschaften von Glücks- und Geschicklichkeitsspielen überhaupt nicht verstanden hat. In einem Geschicklichkeitsspiel hat ein Spieler diese zufallsüberwindende Eigenschaft seiner Beeinflussungsmöglichkeiten schon von Anfang an, und zwar sogar in besonders starkem Masse, wenn er komplett ungeübt ist. Dann verliert er auf Grund seines Ungeschicks im Vergleich zu den anderen Spielern besonders viel, nämlich viel mehr als der Durchschnitt. Dieser dicke Verlust ist zufallsüberwindend, weil er nicht zufällig ist, sondern zwangsläufig.
Ein Spieler in einem Geschicklichkeitsspiel muss überhaupt nichts können, damit sein Spiel zufallsüberwindend wird. Das zeigt der in der Begründung genannte Laborversuch mit den Zufallsspielern: die Zufallsspieler hatten keinerlei Spieltechnik und schnitten viel schlechter ab als die minimal trainierten Vergleichsspieler. Es spielt dabei keine Rolle, dass die Zufallsspieler künstliche Spieler waren. Der wesentliche Punkt ist, dass man ohne Spieltechnik ein Ergebnis erzielt, dass extrem stark von der mittleren Gewinnrate abweicht. Und das ist kein Zufall, sondern schon über eine kurze Messstrecke jedes Mal so. Das betrifft gerade die Anfänger und die "spielinteressierten Nichtspieler" in besonderem Masse.
Grund:
Bei Poker handelt es sich um ein Nullsummenspiel. Das bedeutet, dass der Gewinn eines Spielers gleichzeitig der Verlust eines anderen Spielers ist. Spielt ein ungeübter Spieler gegen einen geübteren Spieler, dann verliert der ungeübte Spieler und das ist kein Zufall. Es ist für einen Spieler nicht nötig, das Spiel irgendwie zu beherrschen, um ein Geschicklichkeitsspieler zu sein, da in einem Nullssummenspiel die anderen Spieler sein Ergebnis bestimmen. Es kommt nur auf den Vergleich des Geschicks zweier Spieler an. Das ist naturgemäss individuell verschieden entwickelt. Treffen zwei Spieler unterschiedlichen Geschicks aufeinander, dann gewinnt der geschicktere Spieler. Das ist im Poker so wie im Schach und das ist das Wesen eines Geschicklichkeitsspiels.
Um das an einem Gedankenexperiment klar zu machen:
Wir nehmen als Basis das Schachspiel. Wir lassen zwei Spieler gegeneinander antreten, die nicht die geringste Ahnung von Strategie und Taktik haben und deshalb ihre Züge zufällig bestimmen. Der Ausgang einer solchen Partie hängt ausschliesslich vom Zufall ab. Würden diese Spieler um Geld spielen, wäre es ein Glücksspiel.
Jetzt ersetzen wir einen Spieler durch Magnus Carlsen. Magnus spielt nach seinen besten Möglichkeiten, der andere nach wie vor zufällig. Magnus wird 100% der Partien gewinnen und das ist offensichtlich nicht zufällig. Damit ist das Ergebnis des anderen Spielers auch nicht zufällig, er kann daher kein Glücksspieler mehr sein. Er ist zum Geschicklichkeitsspieler geworden, weil es den anderen Spieler gibt, der sein Ergebnis beeinflusst. Dafür sorgt die Eigenschaft des Spiels als Nullsummenspiel. Genau diese Situation haben wir auch, wenn ein ungeübter Spieler Poker spielt. Der spielt ja nie allein, sondern hat andere Spieler mit einer anderen Geschicklichkeit am Tisch.
Auf diese schwachsinnige Idee ist man nur gekommen, weil man versucht, die Eigenschaft Glücksspiel oder nicht zu einer Eigenschaft des Spielers zu machen. Das ist sie aber nicht, sie ist eine Eigenschaft des Spiels, die für alle Spieler gilt. Und die wirkt sich aus, sobald zwei Spieler mit irgendeiner Art von Geschicklichkeit aufeinander treffen. Existiert eine das Ergebnis beeinflussbare Geschicklichkeit und ist sie unterschiedlich, dann gewinnt der bessere, ist sie gleich, dann entscheidet der Zufall. Genau so ist es auch im Schach. Treffen im Schach zwei gleichstarke Spieler aufeinander, dann ist das Spielergebnis zufällig. Das macht aus Schach kein Glücksspiel.
Ausserdem erliegt man dem Irrtum anzunehmen, dass nur die Gewinner geschickte Spieler sein können. Das ist nicht der Fall. Auch die Verlierer sind geschickte Spieler, und zwar die ungeschickten. Im Poker ist die durchschnittliche Verlustrate der Rake, also ca. -6 bb/100 bei NL Micro (Pokerstars). Ein Gewinner hat eine Differenz von ca. 6-20 bb/100 zum Durchschnitt. Ein richtig schlechter Spieler hat eine Differenz von -60 bb/100. Bei den schlechten Spielern sieht man die Geschicklichkeitsunterschiede viel schneller und viel deutlicher als bei den besseren Spielern. Davon hat das Gericht offenbar keine Ahnung.
In einem Glücksspiel gibt es derartige Geschicklichkeitsunterschiede nicht. Geschicklichkeit hat in einem Glücksspiel keinen messbaren Einfluss. Das heisst, die Eigenschaft Glücksspiel schliesst das Vorhandensein von messbaren Geschicklichkeitsunterschieden aus. Damit hat man einen Test, wann ein Spiel kein Glücksspiel ist. Leider hat man sich durch den Gummibegriff "überwiegend vom Zufall bestimmt" verwirren lassen. Niemand hat je festgelegt, was "überwiegend" bedeuten soll. Es kann nur bedeuten "Geschicklichkeitsunterschiede sind nicht messbar", da jeder messbare Geschicklichkeitsunterschied automatisch überwiegt, da er automatisch signifikant ist.
4. Was die durchschnittliche Dauer der Spielteilnahme betrifft, hatte das Gericht sehr wahrscheinlich unrealistische Vorstellungen, die leider nicht genannt werden. Vielleicht sollte das Gericht mal schreiben, von welcher Dauer es ausgeht, damit man wenigstens diesen Teil der Urteilsbegründung testen kann. Ohne Zahlen ist nichts überprüfbar.
Auf Grund der Erfahrung hier im Forum kann man selbst bei NL2 Spielern vermuten, mehrere Stunden multitabling ist der Standard. Macht in NL bei ca. 120 Händen pro Stunde und Tisch nicht unter 500 Spielen pro Session, eher über 2000. Handyspieler multitablen vielleicht nicht, dafür spielen sie vielleicht Zoom mit 500 Händen pro Stunde an einem Tisch. Macht in einem Jahr ohne weiteres über 100k Spiele. Ein durchschnittlicher Spieler, der wie in einem obigen Post festgestellt schon eine mehrere Jahre lange Spielkarriere hinter sich haben muss hat 500k bis mehrere Millionen Spiele auf dem Konto. Dazu braucht er pro Woche nur wenige Stunden zu spielen, was nicht viel ist. Möglicherweise hat das Gericht keine Vorstellung davon, wie schnell Onlinepoker ist.
Sieht man bei tableratings.com bei einem beliebigen Microspieler nach ist die Chance sehr hoch, dass dieser Spieler schon mehrere 10k Spiele oder viel mehr auf dem Kasten hat und die auf Pokerstars gespielten Hände sind da nicht mit drin. Das zeigt, dass Durchschnittsspieler Spieler mit mindestens mehreren 10k Spielen sind.
Selbst 10k Spiele, die auch ein Freizeitspieler schon innerhalb kurzer Zeiträume erreicht, sind eine Hausnummer. Man kann auf jeden Fall sagen, dass bei jedem Pokerspieler ausser dem absoluten Anfänger, der insgesamt erst ein paar 100 Spiele gespielt hat, die Geschicklichkeit zu fast jedem Zeitpunkt seiner Karriere den Ausschlag über sein Spielergebnis gibt. Also auch für den Durchschnittsspieler. Wenn etwas zu fast jedem Zeitpunkt den Ausschlag gibt, dann ist das mit Sicherheit das überwiegende Moment.