Ich denke nicht, daß das Pokerspiel an sich moralisch verwerflich ist. Wie auch?
Wie hier weiter oben erwähnt, besteht der Mehrwert im Zeitvertreib. Desweiteren wird indirekt Mehrwert geschaffen, denn derjenige, der gewinnt wird sein Geld auch in Güter investieren, die wiederum hergestellt werden müssen. Ansonsten wäre die Reisebranche ja auch moralisch verwerflich.
Oft steht ja auch gar nicht das Geld im Vordergrund, sondern der Wettkampf.
Als Beispiel sei mal ich selbst genannt. Mich zeiht mein aktueller Down auf NL10 ziemlich runter. Allerdings doch nicht des Geldbetrages wegen, den ich da verloren habe.
Es liegt doch viel mehr daran, daß ich z.B. kurz vorm Aufstieg zu NL20 gestanden habe und gefrustet bin, weil ich das jetzt nicht mehr kann. $200 ist jetzt kein Fliegenschiss für mich, auch nicht privat, aber die könnte ich theoretisch trotzdem einfach mal einzahlen und so dann aufsteigen. Will ich aber nicht, weil ich mich ja geschlagen geben würde.
Im Gegensatz dazu gibt es aber sehr wohl Situationen im Leben und beim Pokern in denen ich die Wahl habe moralisch zu handeln. Alle diejenigen, die einfach sagen: "Die Welt ist sowieso schlecht." machen es sich ziemlich leicht. Ich komme ja auch nicht des Nachts und räume deren Bude aus und begründe das mit der schlechten Welt, oder mit "Wenn ich es nicht mache, macht es jemand anderes!".
Diese Argumentation könnte genauso gut für Falschspiel, Collusion/Softplay oder z.B. das ausnutzen der DP um einen großen Pot nicht komplett zu verlieren, herangezogen werden. "Hey! Die Welt ist t es schlecht! So what?"
Es besteht ein großer Unterschied, ich gegen einen Fisch, der wohlhabend ist, eventuell weiß, daß er keine Schnitte hat, aber Spaß haben will (Laliberte), oder einen, der bekanntermassen, oder offensichtlich, über seine Verhältnisse spielt und dazu noch total um ist spiele.
Ersteren auszunehmen halte ich überhaupt nicht für verwerflich. Letzteren sehr wohl. Da gibt es auch gar kein Argument, was da ziehen könnte. Da ist man entweder Pisser, oder halt nicht.
Ich persönlich habe mal bei einer SnG-Veranstaltung im privaten Rahmen nen Vollfisch auf Tilt gebracht. Der war ultrabreit und wollte dann HU gegen mich spielen. Ich dachte natürlich: "Lecker. Easy Moniez!".
Ich hab mich dann erstmal auf NL10 eingelassen. Da habe ich 3 Stacks in kurzer Folge gewonnen. Dann wollte er auf NL20. Hab ich ihn auch abgezogen. Auf einmal holt er die dicken Scheine raus und will um echtes Geld spielen.
Ich muss zugeben, daß ich schon sehr versucht war. Ich hätte da locker mit 500€, oder mehr, nach Hause gehen können. Allerdings wusste ich ein wenig über seine privaten Verhältnisse bescheid und daß er eindeutig ein Suchtproblem hat. Nicht nur was spielen angeht. Halt der Klassiker Frau weg, Haus weg, usw.
Ich habe mich dann dazu entschieden an diesem Abend nicht mehr gegen ihn zu spielen. Wäre er nüchtern gewesen, wäre es mir egal gewesen. So wäre das aber für mich dasselbe gewesen, wie eine 9,5er zu bangen, die völlig wehrlos ist.
Ein anderes Beispiel ist von meinem Vater. Der spiet so ziemlich alles um Geld, wo er eine Edge, oder einen mathematischen Vorteil sieht. Schach, Karten, Wetten usw,
Er hat früher Skat um hohe Beträgre gespielt. Fünf Mark ein Punkt. Inklusive Kontra, Reh, Bock, usw. Für diejenigen, die kein Skat spielen: Da kann man in einem Spiel mal locker über 1000 Mark verlieren.
Er hat da mal gegen einen Bekannten gespielt, der zwar kein kompletter Noob ist, aber keine Schnitte gegen meinen Vater hatte. Der war bekannt für seine Spiel- und Alkoholsucht.
Ums kurz zu machen: mein Vater hat ihm in einer Nacht, das komplette Geld, was derjenige für eine Einbauküche von der Bank abgehoben hatte (damals gabs noch keine Geldautomaten), ca. 10.000 Mark, abgenommen. Das war damals mehr als heute 10.000 Euro.
Aber: Er kannte die Frau des Typen auch ziemlich gut und die eine ziemlich liebe Person und hatte unter den Problemen ihres Mannes immer schwer zu leiden.
Das Ende vom Lied war, daß mein Vater am nächsten Morgen zu denen nach Hause ist und der Dame die Kohle in die Hand gedrückt hat.
Als er mir das erzählt hat, meinte er, daß das sogar genau der Grund war, gegen den zu spielen, weil - ACHTUNG - "Wenn ich es ihm nicht abgenommen hätte, dann hätte es jemand anders in der Nacht gemacht!".
In diesem Sinne
Edit: Im übrigen wird die Welt eventuell nicht besser, nur weil ich mich korrekt verhalte, aber sie wird dadurch definitiv nicht schlechter.