Original von psyonic
Spoiler
Hallo liebe Blogleser.
Heute möchte ich euch einen Denkanstoß gebe, der seit langem schon in meinem Kopf wie eine Fliege um einen Haufen Kacke kreist. Nicht, dass mein Hirn aus Scheiße besteht würde... ihr wisst schon... fish o
Im Idealfall ensteht daraus ein Diskurs, aus dem einige noch etwas mitnehmen können, aber das liegt natürlich an euch.
Ich möchte jetzt endlich mal meine Gedanken in die Tatstatur hauen und ich bin gespannt, was ihr dazu denkt.
Folgende Frage als Einstieg: Kann eine über das Basisspiel hinausgehende Pokerstrategie das zuvor erworbene solide Basiswissen gefährden und dich sukzessive zu einem schlechteren Pokerspieler machen?
Offensichtlich beleuchte ich hier meine eigene Situation und diese hat Pokerhistorisch natürlich besondere Facetten. Jeder hat andere Erfahrungen gemacht und andersartig sein Wissen aufgebaut mit anderen Schwerpunkten. Dennoch ist es möglich, dass ihr auf selbige These / Eingangsfrage bereits gestoßen seid.
Ich möchte kurz einen Abriss meiner Geschichte geben, um einen besseren Einblick zu gewähren:
- 3/4 Jahr vor Anmeldung bei ps.de Homegamerunden mit 3 Talern Einsatz, erste Erfahrungen gesammelt.
- gleich zu Beginn tighten Style gewählt, ohne Ahnung von irgendwas.
- 2007 bei ps.de begonnen, 50$ Kapital, NL 2 Stars und Party
- Job / Ausbildung IMMER vorgezogen (in Prüfungszeiträumen kaum / nie gespielt)
- wenig gelesen, viel Autodidaktik
- viel U2U - erste feste Gruppe ab NL 25 gehabt, die aber kein Jahr gehalten hat
- ein paar Lernvideos mitgenommen
- bis NL 50 keinen großen Downswing erfahren
- sehr tight / nitty Style, 20 / 17 ca. über lange Zeit.
- bis NL 100 jedes Limit dann gut geschlagen (NL 50 / 100 war so 2008 und 2009 rum)
- durch den Beginn eines festen Jobs und einer neuen Wohnung viel ausgecasht und über 1 Jahr auf Nl 5 / 10 / 25 gespielt.
- heute neben dem festen Beruf nicht mehr das gleiche Zeitvolumen verfügbar, wie noch vor einigen Jahren
Nach 2009 kam die Zeit neuer Strategien, die bei mir mehr zu Tilt geführt hatten, als alles andere. Ich habe definitiv einige strategische Ansätze damals überinterpretiert und dadurch komplett überspielt in vielen Spots.
Das Gefühl, zu jeder Zeit besser bluffen zu wollen, als andere und damit auch automatisch das Gefühl, zu oft geblufft zu werden, schlich sich ein und infizierte meinen Kopf, wie ein Virus. Ich hatte mich mehr und mehr auf fortgeschrittene Strategien fokussiert und die Basics waren immer weiter in den tiefen meines Gedächtnisses verschwunden.
Heute habe ich durch Postings in der Strategiesektion, durch die Art und Weise, wie unsere Member der Micro- und Lowstakes ihre Lines rechtfertigen und Argumentieren oft das Gefühl, dass derselbe Virus sich bei Ihnen ausgebreitet hat.
In diesem zeitlichen Fenster, von dem ich rede (2009 - 2014) haben sich die Playerpools und die Standardmoves natürlich drastisch geändert. Aber was sich kaum verändert hat, ist, wie Neulinge an den Tischen spielen, auch wenn es die loose-passiven Callingstations nicht mehr in der Fülle gibt, wie damals.
Ich bin der Meinung, dass ohne ein immer wiederholtes und als komplette Spielbasis verstandenes fundamentales Grundwissen über die verschiedenen Gegnertypen und die damit verbundene eigene optimale Spielweise sich alle weiterführenden Strategien wie Gift auf das eigene Spiel und damit auch auf das eigene Mindset auswirken können.
Sicherlich gibt es talente, die den kognitiven Brückenschlag vollziehen und ihr Basisspiel nicht vernachlässigen, aber das sind meiner Meinung nach nur wenige. Andere halten sich selbst in ihrer Entwicklung durch das Lernen falschen Contents auf und einige sind dann sogar rückschrittig.
Zu diesem zentralen Aspekt hätte ich gerne weitere / andere Meinungen.
Seht ihr das auch so? Seid ihr vielleicht völlig gegenteiliger Meinung? Schließlich kann ich meine These auf keinerlei empirische Untersuchung stützen. Es ist alles ein subjektiver Eindruck.
Ich freue mich auf deinen Beitrag!
Le Tick
Hi Tick,
für mich einer der besten Posts die ich in gut 9 Jahren in diesem Forum gelesen habe!
Ich kann deine Gedanken zu 100% nachvollziehen und würde Sie auch bestätigen.
Meiner Meinung nach läuft PS.de sogar Gefahr durch den vielen Advanced Content und die für mich nicht mehr ersichtliche Klarheit der Lernsteps die Neuen- & Microspieler zu überfluten.
Was heute an Content für Leute mit Goldstatus (der ja ab NL5 schon gut erreichbar ist) verfügbar gemacht wird, ist mMn eher schädlich.
Natürlich ist die Pokertheorie heute Lichtjahre weiter wie zu meiner Anfangszeit und der Druck den Mitgliedern tolle Konzepte zu vermitteln um die Seite weiter profitabel zu halten ist wahrscheinlich da, aber das langsame lernen und echte verstehen von Konzepten kommt dabei oftmals zu kurz.
Ich schüttel immer wieder den Kopf wenn ich lese wie Leute auf NL5 von Barrelingfrequencies sprechen, sich Gedanken über Ihre Bluff 4 Bet-Range machen und Ihr Spiel in Handbewertungen mit Aussagen wie: "Naja, ich habe den Flop gebetet da er ja 100% auf Cbets foldet, somit ist es Autoprofit" Was dabei vergessen wird ist das er nur 2 Hände zur angesprochenen Situation im HUD hatte
Mit meinem Gebrabbel möchte ich eigentlich nur ausdrücken das die Spieler heute vielleicht einfach zu schnell sind und die Bereitschaft fehlt sich über eine echte Samplesize langsam dafür aber sicher und nachhaltig weiterzuentwickeln. Alle 1000 Hände wird irgendwas am Spiel verändert, wenn man nicht erfolgreich ist oder einen Upswing hatte, wird sofort das nächste fortgeschrittenen Konzept ins Spiel eingebaut und so beginnt die Teufelsspirale.
Daher erweitere ich deine Aussage einfach mal um den Punkt, die fortgeschrittenen Konzepte machen dich nicht undbedingt schlechter, aber die meisten Spieler verwechseln das "Kennen" dieser Konzepte mit dem "Verstehen und anwenden können".
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Das hat imo alles was mit dem vernachlässigten Mental Game zu tun (hiermit meine ich jetzt nicht Mindset, sondern richtig Lernen, was imo auch in die Mental-Game-Sparte gehört). In meinen Coachings baue ich das selbst immer so auf, dass ich die schlimmsten Leaks raussuche, dem Schüler diese anhand seiner Hände aufzeige (Daten aus der DB lügen halt nicht), zeige was man anders machen sollte, dann lasse ich den Schüler 10k Hände+ spielen und er soll sich explizit auf diese (ich versuche nie mehr als zwei zu machen) konzentrieren und halt anders, aber mit höherem EV, als sonst zu spielen und halt darauf achten. Mein Ziel dabei ist, dass der Schüler diese Leaks nicht mehr im Game hat, nachdem er von mir gecoacht wurde und das Ganze für den Rest seiner Poker-Karriere. Ein zweiwöchiger Skill-Boost bleibt dabei in aller Regel aus und ich bekomme keine lol-Sample Crushergraphen in meinen Coaching-Thread gepostet, dafür hat der Schüler seine Coachings anhand der großen Leaks schnell wieder raus und verliert durch diese Leaks nie wieder Geld, im Ideal-Fall, was longterm natürlich mehr Wert ist, als ein Upswing. Ein 2h-Coaching bei lnernet würde mir ggf. einen enormen Skillboost geben, weil er sehr begabt ist viele komplexe Konzepte sehr einfach und eindringlich in wenig Zeit zu beschreiben und rüber zu bringen, dass man sich das auch merkt. Aber weil es so viel ist, bleiben womöglich 10% auf Dauer von hängen, wenn man es nicht nach und nach immer wieder aufarbeitet. Obv kann ich jemandem wie lnternet contentmäßig und skillmäßig nicht das Wasser reichen ♦ , aber ein reines Theorie-Coaching, oder "ich schau mal über deine DB und über dein Game und wir reden drüber" kann man nur mit viel Nacharbeit so effektiv nutzen, dass es nachhaltig ist. Okay, sind jetzt mutmaßungen, hatte noch nie Coaching bei lnternet (ich weiß aber von zwei buddies, dass sie das Geld mehr als Wert sind, aber nicht direkt longterm ausgelegt sind, was den Lernprozess angeht, da versuche ich die Brücke zu schlagen und ich glaube das machen auch ein paar andere Coaches, kann mich noch so an Intensivebetreuungen erinnern, aber das ist ja auch eher Sache, was der Schüler daraus macht, als Coach kann ich nur als Mentor wärend der Zeit dienen, wenn es darum geht, Konzepte zu verinnerlichen), galt ja nur als Beispiel.
Aus solchen Gründen finde ich immer dieses "thoughts?"-Post lustig, wenn dann bspw. aaaRt einen komplexen Post über seine Gedanken verfasst, dann hat der Leser da nichts von, der das Konzept dahinter nicht anwenden kann. Man sollte sich also das Konzept nehmen, eigene derartige Hände reviewen und das in den Sessions dann üben und sich darauf konzentrieren.
Die Frage sollte also nicht lauten, leidet mein Basic-Game unter advanced-konzepten? sondern eher, ist mein Basis-Game, auf das ich immer zurück greife, wenns hart wird, überhaupt gut? Vorteile hat hier nur derjenige, der sofort strategisch an die Sache herangeht, also so ziemlich ~0,1% aller Spieler, denn der setzt sich erstmal hin und liest über Strategien und spielt Playmoney, bevor es ans richtige Geld geht.
Deshalb muss ich auch psyonic rautieren, weil es einfach so ist, dass man Konzepte nicht festigen kann (nach adult learning modell), wenn man sein Hirn einfach ständig mit neuem Content überflutet (ein Grund warum ich Raskolnikov-Vids gut finde).
So gut wie niemand hat auch ein solides Grundgame, bei den meisten befindet sich das solide Grundgame irgendwo zwischen bewusster und unbewusster Kompetenz, weshalb viele auch einfach nicht +EV 5h+ am Tag grinden können, weil sie viel zu viel überlegen müssen (mich leider eingeschlossen).
Man kann sein Grundgame, also das Skelett des eigenen Games auch einfach herausfinden, in dem man alle seine Sessions aufnimmt und nur die absoluten Tilt-Sessions reviewt, denn das ist das was unbewusst Kompetent läuft, jede Entscheidung die im Tilt getroffen wird, läuft unbewusst ab und da liegt der Kern des eigenen Spiels. Da kann leider keiner widersprechen, alles andere stimmt einfach nicht^^ Bsp: vor drei Jahren war mein absolutes Tiltgame so aufgestellt, dass ich nahezu alles auf 3bets defendet habe und dann postflop rumgemoved habe, inzwischen ist mein defend-game gegen 3bets so stark gefestigt, dass ich im absoluten Mongotilt ganz selten mal eine grenzwertige Hand weiter spiele und diese kann ich dann meistens sogar noch rechtfertigen, aufgrund Villain seiner Tendenzen. Das Problem hab ich irgendwann erkannt, mich drum gekümmert und immer wieder zu meinem Thema gemacht und dann gefixt. Das sind leider Prozesse die ziemlich lange dauern, bis das alles unbewusst abläuft, ich sitze bspw. schon ewig daran mein Call-Verhalten am River zu fixen, was zu loose ist, im A-Game klappt das super, im Autopilot slightly, am untersten Ende des C-Games klappt das noch überhaupt nicht (es wird höchstens mal aus Frust viel zu weak gefoldet), ich kann also einfach noch nicht unbewusst kompetent einen guten River-Fold auspacken, sondern nur im A-Game.
Also diese ganze Advanced-Theorie ist Fluch und Segen zugleich, das habe ich auch erkannt und fange gerade an sehr autodidaktisch an die Sache heran zu gehen und mehr im U2U zu arbeiten, als Vids zu schauen. Bei Vids suche ich mir nur noch so tools, wie bspw. die Tackleberry-Sachen, also Videos die Hilfe zur Selbsthilfe liefern, mir aber nichts vorgekautes liefern, was ich ohnehin nach ein paar Tagen wieder vergessen habe. Fluch also, dass man einer Flut unterliegt, die man ingame nicht unterbringen kann und sich dadurch verloren fühlt. Segen, weil es den anderen auch so geht und viele die Konzepte overly anwenden und weil man über so gut wie jedes Konzept die vollen Informationen irgendwo finden kann, sei es in Vids, von Coaches, Büchern etc.
Egal, auf jeden Fall ein geiles Thema und imo kann man nur zu den besten aufschließen, wenn man genau das kapiert hat, dass man irgendwo tief in die Materie eintauchen muss, dass aber dann auch alles festigen muss und zwar Stück für Stück und nicht auf einmal. Das ist ziemlich schwer, ich überlege schon seit etwa 1,5 Jahren, wie ich meine Lernmethoden verbessere und die Dinge schneller unbewusst kompetent ablaufen lassen kann.