Das Gehirn des Menschen ist darauf programmiert, einige grundlegende Ziele zu verfolgen, die seinem Überleben dienen: essen, sich fortpflanzen, Macht gewinnen, dabei möglichst wenig Energie aufwenden und so viele Informationen wie möglich über die Umwelt sammeln. Diese fünf Ziele bildeten das Leitmotiv jener Gehirne, die dem unseren bei der Evolution der Arten vorangegangen sind. Und das gilt für die ersten Tiere in den Ozeanen vor einer halben Milliarde Jahren ebenso wie heute für Unternehmer, die Tausende von Mitarbeitern führen und ihre Aktien auf dem Smartphone verwalten. Die Mechanismen, die ihre Handlungen steuern, sind simpel, robust, haben die Vergangenheit überdauert und dabei wesentliche Eigenschaften beibehalten.
Das System hat sich als so effektiv erwiesen, dass es sich auf alle Wirbeltierarten übertragen hat. Im so genannten Striatum, einer Struktur im Großhirn unterhalb der Rinde, liegen Neurone, die bei jedem überlebensförderlichen Verhalten Dopamin ausschütten und somit Lust erzeugen. Sie sind die treibende Kraft für Fische, Reptilien, Vögel und Säugetiere wie den Menschen.
Das Striatum kann sich selbst keine Grenzen setzen. Es ist in seinem Bauplan nicht angelegt
Allerdings ist die menschliche Großhirnrinde in den vergangenen Millionen Jahren erheblich gewachsen und viel mächtiger als die eines Fisches oder Reptils. Dank hoch entwickelter Technologien, sei es für die Ernährung, den Informationsaustausch oder die Herstellung von Gütern, ist dieser Kortex heute in der Lage, dem Striatum fast alles zu bieten, was es will, manchmal ohne Aufwand. Und das Striatum zögert nicht lange; es kann sich selbst keine Grenzen setzen. Das ist in seinem Bauplan nicht angelegt.
Deshalb fällt es uns schwer, uns selbst zu zügeln, wenn sich immer mehr Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung bieten: mit Lebensmitteln oder mit Konsumgütern, die sozialen Status vermitteln, mit Pornografie im Internet oder mit dem Strom immer neuer Nachrichten. Unser Verhalten ist zudem Treibstoff für die Wirtschaft, die es daher nutzt und fördert.
Laut einem Bericht der Weltgesundheitsorganisation von 2016 sterben heute mehr Menschen auf der Erde an Über- als an Unterernährung. Mehr als 1,9 Milliarden Erwachsene sind übergewichtig, davon mehr als 650 Millionen fettleibig. Die Zahlen haben sich in 40 Jahren verdreifacht, und bis 2030 werden voraussichtlich 38 Prozent der Menschheit übergewichtig und 20 Prozent fettleibig sein.
Dass wir dem Überfluss an Nahrung so hilflos gegenüberstehen, liegt daran, dass wir darauf nie vorbereitet wurden. Die meiste Zeit auf Erden waren Nahrungsressourcen knapp. Unsere Vorfahren in der Steinzeit suchten tagelang ohne Garantie auf Erfolg nach Wurzeln, Beeren, Wild. Wer seine Beute in der Hand hielt, hatte keinen Vorteil davon, etwas übrig zu lassen. Vielmehr war derjenige im Vorteil, der am meisten aß: Er überlebte länger und konnte mehr Nachkommen zeugen. Das stellte kein Problem dar, solange die Menschheit mit anderen Tierarten um Nahrung konkurrierte und die Ressourcen begrenzt waren. Doch als wir lernten, unsere eigene Nahrung kontrolliert und nahezu unbegrenzt zu produzieren, wurden die »Fressgene« zu unseren größten Feinden. Sie verursachen Fettleibigkeit und damit verbundene Krankheiten wie Alzheimerdemenz und Schlaganfälle, die heute 1,5 beziehungsweise 6 Millionen Todesfälle pro Jahr verursachen. Und sie schaden der Umwelt, da die Überproduktion von Lebensmitteln – insbesondere von Tiernahrung – zu sehr hohen CO2-Emissionen führt, die erheblich zum Treibhauseffekt und zur globalen Erwärmung beitragen.
Je weiter in der Ferne ein möglicher Nutzen liegt, desto weniger Wert messen wir ihm bei..........
Was zählt, ist das Hier und Jetzt. Wir müssen uns nicht einschränken, sind frei, mit dem Flugzeug die Welt zu bereisen, neue Autos, Telefone und Computer zu kaufen, wann immer eine neue Version auf den Markt kommt, das Öl aus dem Boden zu ziehen und die Rechner auf vollen Touren laufen zu lassen. Und wir wollen all das aufgeben? Wofür? Nur der Zukunft zuliebe?«
Diese fatale Denkweise, die seit mehr als 40 Jahren erforscht wird, läuft auf eine einfache Überlegung hinaus: Je weiter in der Ferne ein möglicher Nutzen liegt, desto weniger Wert misst das Gehirn ihm bei. Steht eine Belohnung in Aussicht, werden die Neurone im Striatum aktiv – in Erwartung der bevorstehenden Freuden, wie unter anderem Studien von Wolfram Schultz an der britischen University of Cambridge zeigten. Sein Team beobachtete außerdem, dass die Stärke der Dopaminausschüttung davon abhängt, wie viel Zeit noch bis zur Belohnung verstreichen wird: je länger die Verzögerung, desto schwächer die Reaktion. Deswegen interessieren wir uns weniger für etwas, was in ferner Zukunft bevorsteht.
Wir tragen das evolutionäre Erbe eines impulsgesteuerten Motors in uns, der blind für die Zukunft ist
Genau das hat der Menschheit über Jahrmillionen hinweg das Überleben gesichert. Ein Zeitraum, in dem sich die Grundstrukturen des menschlichen Gehirns und die Verbindungen zwischen Neuronen im Kern unseres Nervensystems ausbildeten. Seit Millionen von Jahren überleben vor allem jene Tiere, deren Striatum so konfiguriert ist, dass es eine sofortige Belohnung einer späteren vorzieht. Alle heutigen Wirbeltiere tragen das evolutionäre Erbe dieses impulsgesteuerten Motors in sich, der blind für die Zukunft ist.
So wurde der Mensch zu einer tödlichen Gefahr für sich selbst. Sein tief sitzendes neuronales Programm verfolgt weiterhin blind jene Ziele, die sich während der Evolution bewährt haben, die aber an die globalisierte Welt von heute nur unzureichend angepasst sind. Die technischen Mittel, die der Mensch im Lauf der Jahrhunderte entwickelt hat, stellte er stets in die Dienste der vorrangigen Ziele des Striatums. Die riesige Großhirnrinde des Homo sapiens, die ihm immer mehr Möglichkeiten verschaffte, hat sich in den Dienst eines Zwerges gestellt, der sich an Macht, Sex, Essen, Faulheit und seinem Ego berauscht. Das hochgerüstete Kind in uns kennt heute keine Grenzen mehr. Die entscheidende Frage lautet nun: Kann sich die Menschheit andere Ziele setzen als die, die das Striatum vorgibt?
Anfang 2017 unternahmen zwei Forscher der Universität Zürich ein Experiment, dessen Ergebnisse viele Beobachter überraschten. Sie luden Freiwillige in ihr Labor ein und gaben ihnen Geld, das sie entweder für sich behalten oder mit einer unbekannten Person im Nachbarraum teilen konnten. Während die Versuchspersonen eine Entscheidung trafen, erfasste ein Magnetresonanztomograf ihre Hirnaktivität.
Die erste bedeutsame Erkenntnis war, dass Frauen häufiger als Männer das Geld mit Fremden teilten. Aber am meisten überraschte die Forscher, was sich in diesem Moment im Gehirn der weiblichen Versuchspersonen abspielte: Das Striatum regte sich. Der großzügige Akt aktivierte bei ihnen also jene Netzwerke, die Belohnung und Freude vermitteln – was üblicherweise den wichtigsten primären Verstärkern vorbehalten ist. So war es bei den Männern: Ihr Striatum wurde aktiv, wenn sie das Geld für sich behielten.
Den Autoren zufolge verhalten sich Frauen wahrscheinlich deshalb in solchen Situationen großzügiger als Männer, weil ihr Gehirn seit der Kindheit entsprechend geformt wurde. Gemäß dieser Hypothese lernen Mädchen und Frauen, sich entgegenkommend und großzügig zu zeigen. Kleine Jungen hingegen werden eher zu einer selbstbewussten, unabhängigen und konkurrenzbewussten Haltung erzogen.
Tatsächlich gelten diese sozialen Normen in der überwältigenden Mehrheit der Gesellschaften auf der ganzen Welt, einschließlich der liberalsten unter ihnen. In vielen Familien in den Vereinigten Staaten oder Westeuropa (mit Ausnahme von Skandinavien) fördert man bei Mädchen uneigennütziges, freundliches und fürsorgliches Verhalten und wirkt egoistischen oder individualistischen Anwandlungen entgegen. Ganz anders bei Jungen, deren Entgleisungen eher toleriert werden.