Original von WSpieler
meiner meinung nach ist er das was die Mathematiker einen "Dreiteiler" nennen.
Oder auch Crank bzw. Crackpot (besonders zutreffend sind die Punkte 14, 15, 17 und 37 aus Baez' Liste) - wenn auch der sympatischste Crackpot, der mir je untergekommen ist.
Im Gegensatz zum "Dreiteiler" sind OPs Ideen leider nicht so leicht zu widerlegen, da sie so weit weg von allem sind, dass man überhaupt keinen Ansatzpunkt findet, um sie mit etablierten Theorien in Beziehung zu setzen, geschweige denn mit Experimenten. Sie sind eben das, was man frei nach Pauli mit "not even wrong" bezeichnet.
AkaIMUN, da Du Kunst studiert hast, versuche ich mal folgendes Beispiel: Es tritt jemand an Dich heran, dessen künstlerischer Werdegang sich mit Kartoffeldruck im Kindergarten erschöpft hat, der sich aber neuerdings für den neuen Malewitsch hält, weil er ein schwarzes Rechteck malen kann.
Wie lange und mit welchem Tiefgang müsstest Du nun über Kunstgeschichte referieren, damit sich seine Selbsteinschätzung auf ein Maß verbessert, das Du selbst für realistisch und ausreichend fundiert hälst?
Wobei: Kreativgenies ohne nennenswerte Vorbildung mögen im künstlerischen Bereich vorkommen, in der Naturwissenschaft und Mathematik sind sie aber beinahe undenkbar. Man kann sich nicht mal eben vor eine Leinwand stellen und loslegen - Arbeitsgegenstand und Werkzeuge selbst müssen nämlich zunächst erschlossen werden. Im Falle der Physik wären das z.B. QFT/Standardmodell und ART sowie eine sehr breite mathematische Bildung auf z.T. exotischen Feldern; m.E. ist das ohne 10-15 Jahre harte Arbeit nicht zu machen.
Auch ein Ramanujan hat erst jahrelang gelernt. Und seine Grundlage waren keine populärwissenschaftlichen Bücher.
Viele seiner Resultate waren längst bekannt, manche falsch und es brauchte die Zusammenarbeit mit etablierten Mathematikern, um seine Erkenntnisse zu systematisieren und präzisieren und damit der wissenschaftlichen Community zugänglich und nutzbar zu machen. Zudem arbeitete er auf Gebieten, in denen noch mit arithmetischer Intuition und handwerklichem Geschick Fortschritte zu erzielen waren. Heute hätte er da durch Computeralgebraprogramme große Konkurrenz; und den Savant, der ohne Studium ein intuitives Verständnis moderner abstrakter Konzepte - sagen wir aus der Kategorientheorie oder der algebraischen Topologie - besitzt, möchte ich erst sehen.
Keineswegs soll damit Ramanujans unbestreitbares Genie geschmälert werden, aber eine angemessene Einordnung ist vielleicht hilfreich.
Was Du aus Deinen populärwissenschaftlichen Quellen kennst, sind nicht die wirklichen physikalischen Theorien (also der Arbeitsgegenstand an dem tatsächlich Fortschritte erzielbar wären), sondern Spielzeugmodelle, die genretypisch so weit reduziert wurden, dass sie ohne besondere Vorbildung verständlich sind. Und Du wirst ja nicht mit einem 1:100 Modell der Titanic um die Welt reisen wollen.
Du schreibst über Dinge wie Higgsfelder, Spin etc. - glaube mir (oder lass es Dir von Experten wie WSpieler bestätigen): Du hast keine Ahnung was ein Higgsfeld ist, Du hast keine Ahnung was ein Spin ist.
Mag sein, dass Du ein ungewöhnlich gutes räumliches Vorstellungsvermögen besitzt. Das ist aber zunächst mal zur Erlangung naturwissenschaftlicher Erkenntnis vollkommen nutzlos, da
a) (ich zitiere aus sido222s sehr gelungenem Beitrag)
Es reicht nicht aus, irgendwelche Ideen oder visuellen Eingebungen / Gedanken / Vorstellungsbilder zu haben.
Diese müssen intersubjektiv verständlich und objektiv durch Experiment oder formallogisch als Theorie überprüfbar sein.
Anonsten ist es keine Wissenschaft, sondern reine Phantasie.
b) die Mathematik in allen wissenschaftlichen Belangen jeder noch so ausgeprägten räumlichen Auffassungsgabe weit, sehr weit überlegen ist.
Ich habe von einem Mathematiker gehört, der sich noch nicht einmal einen Kreis vorstellen konnte, geschweige denn einen Würfel im Raum. Dennoch konnte er mit formalen Methoden erfolgreich arbeiten. Bildliches Denkvermögen kann manchmal für die Intuition nützlich sein, aber ist keineswegs essentiell und schon garnicht alleine tragfähig.
Ich vermute übrigens, die "idealistische" Methodik, die Du im Moment anwendest (also der Versuch, durch pure geistige Anstrengung Erkenntnisse über die Natur zu gewinnen) ist eine Phase, die viele Menschen mit physikalischer Neugier durchschreiten. Jedenfalls erinnere ich mich, in meiner (eher frühen) Jugend Ähnliches versucht zu haben. Irgendwann merkte ich aber, dass
- ich mich ab einem gewissen Punkt nur im Kreis drehte
- die Ideen unangenehm diffus und unkonkret blieben
- das ganze völlig irrelevant war, da ich meine Gedanken nicht adäquat kommunizieren konnte
Was zur Einsicht führte: Um etwas über moderne Theorien sagen, sie gar kritisieren oder weiterentwickeln zu können, muss man diese zunächst gänzlich und in großer Tiefe verstehen und damit arbeiten können. Und zwar in der richtigen, sozusagen der "Erwachsenenversion".
Es gibt sehr viele, sehr kluge Menschen, die man ernst nehmen sollte. Die meisten Gedanken, die man selbst für originell hält, sind bereits von anderen durchdacht worden; neben dem eigenen Platz in der Glockenkurve ist noch genügend Raum für eine große Zahl unkonventioneller, kreativer Geister, deren Ideen und Irrwege man erst einmal versuchen sollte zu verstehen - besonders die Irrwege.
