GTO-Pokertheorie: Der Flowzustand
Häufig hat man das Gefühl, dass die eigenen Höchstleistungen eher zufällig auftreten. Wer jedoch den Flowkanal kennt, weiß, dass Top-Performance auch geplant werden kann.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Wir alle wissen, wie es sich anfühlt, wenn man auf Tilt spielt. Es gibt an den Tischen aber auch seltene Momente, in denen Poker völlig mühelos wirkt. Man trifft umgehend die richtigen Entscheidungen, kann vollständig abtauchen und noch bevor man es realisiert, sind ein paar Stunden ins Land gezogen. Solch einen Tätigkeitsrausch beschreibt man gerne mit der Redewendung, dass jemand vollständig in seinem Element sei. In der Psychologie ist das Ganze hingegen als Flow bekannt.
Der Begriff wurde vom Glücksforscher Mihály Csíkszentmihályi geprägt und charakterisiert die seltenen Phasen, in denen wir tatsächlich unser A-Game spielen. Jeder hat den tranceartigen Zustand sicherlich schon einmal erlebt, ob nun beim Pokern, im Beruf oder bei einem anderen Hobby wie Videospielen.
Csíkszentmihályi hat einen Großteil seiner Arbeit dem Zustand verschrieben und auch mehrere Bücher verfasst, in denen beschrieben wird, wie es zum Flow kommt und wie man ihn herbeiführen kann. Die Theorie dahinter dürfte das folgende Bild am schnellsten verständlich machen:

Ein Flowzustand liegt vor, wenn man genau den richtigen Punkt zwischen Überforderung und Unterforderung trifft. Wenn eine Tätigkeit zu leicht fällt, stellt sich ein Gefühl der Langeweile ein und es wird schwieriger, die nötige Energie für gute Leistung aufzubringen. Wenn etwas zu schwer fällt, fühlt man sich überwältigt, ernüchtert und unsicher, was wiederum nicht ideal für eine gute Performance ist. Bringt eine Tätigkeit einen jedoch genau an den Punkt, wo die eigenen Fähigkeiten gefordert werden, ohne dass man sich überfordert fühlt, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, in den Flow zu kommen.
Videospiele wurden angesprochen, da viele unter uns Gamer sind und den Zustand wohl am ehesten genau bei diesem Hobby erlebt haben. Spiele selbst sind häufig so designt, dass sie einen Flowzustand gezielt hervorrufen wollen. Die meisten sind leicht zu erlernen, sodass man sich kompetent genug fühlt, beim Spiel etwas leisten zu können. Mit fortschreitender Spieldauer werden sie jedoch immer schwieriger, sodass man dauerhaft gefordert bleibt. Stark vereinfacht ist genau das der Grund, warum man sich dermaßen in Videospiele vertiefen kann, sogar bis zur Sucht.
Gameselection

Poker ist ein Geschicklichkeitsspiel, es macht also Sinn, dass man auch dabei regelmäßig in den Flow kommen kann. Genauso wie man ihn bei der Arbeit oder im Fitnessstudio erlebt. Beim Poker ist es jedoch wichtig zu beachten, dass die Art und Weise, wie wir es angehen, ein Erreichen des Flowzustands begünstigen oder behindern kann. Wie gut man seine Partien selektiert, kann einen großen Einfluss darauf haben, wie häufig man sich im Tunnelmodus wiederfinden wird.
Das gewöhnliche Mantra beim Poker ist, dass man die softesten Partien mit der schwächsten Konkurrenz finden sollte, um praktisch Geld zu drucken. Das ist tatsächlich ein essenzieller Aspekt beim Poker, den man nicht übersehen sollte. Wenn man sich jedoch nie mit tougheren Partien selbst herausfordert, besteht auch die Gefahr, dass man nie sein komplettes Potenzial ausschöpft.
Phil Galfond und Doug Polk sind zwei Spieler, die gerade zu Beginn ihrer Karriere online stets auf der Suche nach den toughsten Heads-up-Duellen waren, anstatt sich lediglich dem Bumhunting hinzugeben, um den Profit zu maximieren. Sie haben sich absichtlich immer wieder in mehr als anspruchsvolle Spots manövriert, die zwar auch mal sehr kostspielig waren, aber am Ende auch dazu führten, dass sie eine ganze Weile lang als beste Cashgame-Spieler im jeweiligen Format galten.
Verlieren muss schmerzen

Erst vor Kurzem hat Dara O’Kearney einen Blog darüber verfasst, dass er auch ein bisschen Angst in seinem Spiel spüren muss, um Höchstleistungen zu erreichen. So kam es zustande, dass er ein paar Shots gewagt und sich in Highroller-Turniere gestürzt hat:
"Die letzten Jahre waren zweifellos komfortabel. Ich habe einen Punkt in meiner Karriere erreicht, an dem Geld nicht mehr die alleinige Motivation sein kann. Eine neue Herausforderung ist nötig. Ich muss Partien spielen, bei denen es wieder schmerzt, wenn man verliert, damit ich das Gefühl weiterhin spüre. Ich muss mich selbst herausfordern, mehr zu lernen, damit ich mich auch mit den Besten der Besten messen kann."
Natürlich kann man eine solche Einstellung ins Extreme führen und die Kehrseite sollte klar sein. Wer zu viele Partien oberhalb seines aktuellen Skills spielt, wird entweder broke gehen oder schon vorher derart demotiviert werden, dass er das Spiel komplett aufgibt.
Die Lektion hier sollte sein, dass man gelegentlich einen Shot auf toughere Partien wagen kann, um sich selbst zu pushen, solange es sicher und bezahlbar bleibt. Genauso wie man es beim Fitnesstraining, bei der Angst vor Vorträgen, Bewerbungs- oder Beförderungsgesprächen oder beim Aufreißen von jemandem macht, der eigentlich in einer anderen Liga spielt. Das Leben würde schnell langweilig werden, wenn wir immer nur bei dem bleiben, was wir kennen, und nie Risiken eingehen.
Natürlich sollte man sich eine richtig profitable Partie auf seinem Komfortlimit nie entgehen lassen. Vielleicht kann man ja aber dabei einen Zauberwürfel lösen oder ein paar Liegestütze machen, um das Ganze etwas tougher zu gestalten.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?
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