Betsizing und Bluffen - Teil 2
Nachdem wir gelernt haben, wie man in der Theorie die richtige Balance zwischen Valuebets und Bluffs und die dazu passende Betsize findet, geht es heute weiter mit einem praktischen Beispiel.

Im ersten Teil zum Thema Betsizing und Bluffen habe ich versucht zu erläutern, wie unsere Betsize die Frequenz bestimmt, mit der wir in einem konkreten Spot bluffen und valuebetten sollten, und wie umgekehrt die Balance zwischen Value- und Bluffhänden in unserer Range unsere Betsize bestimmen sollte.
Nun werden wir anhand eines konkreten Beispiels die Theorie in die Praxis umsetzen. Ein von mir gecoachter Spieler hatte sich jüngst mit einer Hand an mich gewandt, die ich für ihn im PIO Solver analysieren sollte. Am konkreten Fall will ich verdeutlichen, wie man eine passende Betsize für einen Spot finden kann, indem man sich ansieht, mit wie vielen Bluffs man in der entsprechenden Situation unterwegs ist.
Die besagte Hand schilderte der gecoachte Spieler wie folgt:
Die Hand stammt aus einem Live-Cashgame in Vegas mit Blinds von $2/$5. Der Gegner hatte mit $15 eröffnet und ich im Hijack mit Kings auf $45 erhöht. Der Rest des Tischs hat gefoldet und er gecallt. Der Pot war bei $105 und ich hatte noch einen Stack von $480.
Der Flop brachte 9-8-7 mit zwei Pik und einem Karo und der Gegner hat gecheckt. Mein Gedankengang war, dass ich das Board mit meiner Range zwar ebenfalls mit einer hohen Frequenz checken würde, aber im konkreten Fall eine der Hände halte, mit denen ich setzen will, einerseits für Value, aber auch für Protection. Auf solch einem drawlastigen Board sollte meine Hand stark von Folds profitieren, also habe ich zwei Drittel des Pots gesetzt.
Nachdem mein Gegner gefoldet hat, war ich mir aber unsicher, ob meine hohe Betsize nicht doch ein Fehler war, da sie die Range, mit der mein Gegner weiterspielen würde, zu sehr in Richtung Hände stärkt, gegen die ich mit meinen Kings schlecht dastehen würde. Was denkst du?
Der Spieler hatte natürlich recht mit der Feststellung, dass der Flop nicht allzu gut für uns war und wir für gewöhnlich viele Hände behindchecken würden. Wenn man annimmt, dass beide Spieler mit GTO-Ranges unterwegs sind, dürfte sich unsere Range in etwa wie folgt gestalten:
- Da wir mit 99, 88 und 77 hin und wieder preflop auch nur callen würden, halten wir entsprechend ein paar, aber nicht alle möglichen Sets am Flop. Und da wir dort realistisch keinerlei Straights in unserer Range haben, sind die Sets unsere stärksten Hände.
- Wie halten keinerlei Two Pairs, allerdings alle Overpairs, die auf dem Flop zwar stark, aber durchaus anfällig sind.
- Davon abgesehen halten wir keine weiteren Paare, sodass lediglich Overcards und Hände wie A5s verbleiben. Mit nur wenigen Tx und keinerlei 6x (abgesehen von 66) in unserer Range haben wir auch nicht viele Open-Ended-Straightdraws. Wir haben aber ein paar Jx-Kombos, die uns zwei Overcards und einen Gutshot liefern, ein paar Flushdraws und Backdoor-Flushdraws und natürlich jede Menge Hände, die lediglich zwei Overcards darstellen.
Der Gegner wiederum dürfte unterwegs sein mit:
- Getroffene Straights (JTs und 65s), sämtliche Sets und ein paar Two Pairs (98s und 87s)
- Nicht so viele Overpairs wie wir, allerdings ein paar Paare und Draws (T9s, 76s) und mehr Underpairs
- Deutlich weniger Highcard-Hände
Wenn man die beiden Ranges in dieser Form vergleicht, wird sehr schnell deutlich, dass der Gegner eine stärkere hält. Laut PIO Solver hat er einen Equityvorteil von 55 zu 45 auf besagtem Board und aufgrund des Nutvorteils sogar eine noch höhere EV-Edge (60 zu 40).
Das bedeutet, dass der Gegner auf dem Board mit einer sehr hohen Frequenz donken kann, da er viele starke Hände hält, mit denen er keinen Checkbehind von uns sehen will. Zudem hält er viele gute Bluffkombos, mit denen er einen Fold von uns begrüßen würde, die sich aber auch noch zu guten Madehands entwickeln können, falls wir doch callen. PIO würde in dem Spot in 60% der Fälle eben jene Donkbet bringen und lediglich 40% out of position checken. Mein Interesse galt aber der Frage, was der Solver in unserem Fall in position tun würde, wenn wir mit einem Check konfrontiert werden. Wie zu erwarten ist die vorgeschlagene Checkrange mit 58% ziemlich hoch, interessanterweise empfiehlt PIO jedoch eine sehr kleine Bet in Höhe von ein Drittel des Pots, wenn der gegnerische Check mit einer Bet beantwortet wird. Als Optionen hatte ich Bets in Höhe der Hälfte des Pots, zwei Drittel des Pots und das 1,2-Fache des Pots angegeben, solch ein Betsizing wurde vom Solver jedoch nie in dem Spot gewählt.
Das mag auf den ersten Blick kontraintuitiv wirken, wenn wir lediglich unsere Valuerange berücksichtigen und wie viele Hände darin in Richtung Protection und Verwehrung von gegnerischer Equity tendieren sollten. Wenn wir bei der Analyse jedoch auch die Range des Gegners (viele starke Hände, die unabhängig von unserer Betsize callen) und unsere Bluffs in den Blick rücken, dann wird schnell klar, warum der Solver die deutlich kleinere Betsize bevorzugt. Aus unserer Perspektive ist es schwierig, auf dem Board tatsächlich gute Bluffs zu finden und je mehr wir setzen, umso mehr müssen wir eigentlich finden. Selbst wenn wir der Solver-Empfehlung mit ein Drittel des Pots folgen, beinhaltet die vorgeschlagene Bluffrange von PIO bereits einige Hände, die nicht wirklich einen guten Bluff auf dem Board darstellen. Eine Hand wie KQs, die weder in der Front- noch in der Backdoor einen Flushdraw beinhaltet, wird vom Solver zum Beispiel in 75% der Fälle für einen Bluff genutzt, wenn er 1/3 des Pots setzt.
Am Ende wird das Ganze dadurch zu einem Spot, in dem wir aufgrund der Gesamtgestaltung unserer Range eine kleinere Betsize wählen sollten, selbst wenn wir unsere starken Hände eigentlich mit einer großen Bet protecten wollen.
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