Wie 3-Bets kontern, die keine Bluffs enthalten?
Barry Carter demonstriert im Zuge eines neuen Buchprojekts, welche Anpassungen der Solver gegen Spieler vornimmt, die ausschließlich starke Hände 3-betten.
Mein neustes Buchprojekt, an dem ich derzeit gemeinsam mit Dara O'Kearney arbeite, dreht sich ausschließlich um solverbasierte Exploits. Bis zur Veröffentlichung ist es noch ein weiter Weg, doch bereits jetzt sind wir auf einige interessante Erkenntnisse gestoßen. Um euch vorab einen Einblick zu geben, betrachten wir ein Szenario, in dem wir es mit einer äußerst tighten 3-Bet-Range zu tun haben.
Unter Verwendung des Preflop-Solvers Holdem Resources Calculator betrachten wir ein Szenario mit vier Spielern bei einer effektiven Stackgröße von 40BBs. Auf ein Openraise des CO reagiert der BU mit folgender Range:

Aufgrund seiner vorteilhaften Position wählt der CO eine weite, lineare Range. Der BU reagiert darauf mit einer gemischten Strategie, indem er 18,9 % der Hände callt und 8% der Hände reraist.
Die 3-Bet-Range umfasst sowohl einige starke Paare als auch AK, enthält jedoch auch schwächere Hände wie A8o und QJo als Bluffs. Diese polarisierte Range besteht also ausschließlich aus sehr starken und schwachen Händen - mittelmäßige Hände wie ATo oder 77 sind nicht enthalten. Eine polarisierte 3-Bet-Range ist schwierig zu kontern, da man gegen den starken Teil der Range Geld verliert, wenn man zu häufig callt. Callt man hingegen zu selten, verbucht der Gegner mit dem schwachen Teil seiner Range augenblicklich einen Profit.
Wenn der Gegner keine Bluffs spielt
Die meisten schwächeren Spieler, darunter auch viele Live-Poker-Spieler, scheinen kein besonders tiefes Verständnis für polarisierte Ranges zu haben. Stattdessen ziehen viele eher eine lineare Strategie vor und reraisen ausschließlich starke Hände. Betrachten wir nun die Call- und 3-Bet-Range eines schwächeren Spielers auf dem BU:

Es fällt auf, dass der CO seine Range gegen eine lineare Strategie des BU ändert:

Erstaunlicherweise eröffnet der CO nun eine weitere Range, obwohl der BU im Schnitt stärkere Hände reraist. Die lineare Strategie des BU lässt sich jedoch deutlich leichter kontern. Der BU gibt auf diese Weise zahlreiche Informationen über seine Hand preis. Ein Call spricht stets für eine gecappte Range, während 3-Bets ausschließlich mit starken Händen erfolgen. Dadurch fällt es dem CO deutlich leichter, die richtige Entscheidung zu treffen.
Betrachten wir nun, wie die verbliebenden Spieler reagieren, nachdem der BU, der eine polarisierte 3-Bet-Strategie verfolgt, sich für einen Call entschieden hat:

Der SB 3-bettet in solchen Situationen ausnahmslos, um seinen Positionsnachteil auszugleichen. Dabei wählt er in 50% der Fälle ein Reraise auf 10BB, während er in den verbleibenden Fällen ein All-in bevorzugt. Der BB hat den Vorteil, eine etwas weitere Range zu callen, da er keine Gegenwehr hinter sich befürchten muss. Sowohl die Frequenz als auch die Range seiner 3-Bets gestalten sich ähnlich wie die des SB.
Betrachten wir nun, wie die verbliebenden Spieler reagieren, nachdem der BU, der eine lineare 3-Bet-Strategie verfolgt, mit einer gecappten Range callt:

In diesem Fall spielt der SB deutlich häufiger 3-Bets, vorzugsweise als All-in. Er hat die Möglichkeit, deutlich aggressiver zu spielen, da er keine Bedenken mehr hat, vom BU gecallt zu werden, sondern nur noch Gegenwehr vom CO oder BB befürchten muss. Der BB trifft ähnliche Anpassungen wie der SB und wählt ebenfalls eine aggressivere 3-Bet-Strategie. Zudem erweitert der BB seine Flatting-Range erheblich, da er weiß, dass zumindest ein Gegner eine gecappte Range hat.
Wie reagieren auf die gegnerische 3-Bet?
Gegen eine polarisierte 3-Bet des BU reagieren die verbliebenen Spieler wie folgt:

Der SB 3-bettet nun nur noch die Hälfte seiner vorherigen Range und spielt dabei ausschließlich All-ins. Dafür nutzt er eine polarisierte Range, die aus den stärksten Händen und einigen Blockern wie A3s und KTs besteht. Auch der BB nimmt ähnliche Anpassungen wie der SB vor, allerdings ist seine Range etwas weiter, da er sich um einen Gegner weniger sorgen muss.
Falls der SB und der BB folden, spielt der CO in etwa 25% der Fälle weiter. Dabei callt er etwa 18% der Hände und 4-bettet 7%. In beiden Ranges sind sowohl starke als auch schwache Hände enthalten.
Gegen eine lineare 3-Bet des BU reagieren die verbliebenen Spieler wie folgt:

Die Reaktionen des SB und des BB sind hier nahezu identisch. Beide 3-betten etwas seltener und nutzen dabei stärkere Hände. Im Grunde genommen besteht ihre Vorgehensweise ebenfalls aus einer linearen Strategie, ohne Bluffs.
Die wesentlichen Anpassungen
In diesen Spots sind die oben genannten Anpassungen nötig, da sich erwiesen hat, dass man gegen eine lineare Strategie ebenfalls eine lineare Strategie einsetzen sollte. Eine ausbalancierte Spielweise wäre hier kontraproduktiv, da der Gegner keinerlei Bluffs hält. Stattdessen wird diese Situation zu einem reinen Kartenvergleich.
Gegen eine lineare 3-Bet-Strategie spielt der CO hier mit einer ähnlichen Häufigkeit weiter wie gegen eine polarisierte, jedoch callt er dabei einen größeren Teil seiner Range. Der Grund dafür ist, dass er die Aktion beendet und das Spektrum des BU nach dem Flop leichter eingrenzen kann. Außerdem enthält seine Range einige niedrige suited Hände wie 54s, da die 3-Bet-Range des BU zum Großteil aus Highcards besteht und somit weniger Boards abdeckt. Auf einem niedrigen Flop wird der BU sehr anfällig für Exploits.
Die 4-Bet-Ranges sind in beiden Fällen recht ähnlich und fallen gegen eine lineare 3-Bet-Strategie nur geringfügig tighter aus. Die Anpassung hierbei besteht darin, dem Gegner zu erlauben, seinen Fehler fortzusetzen, anstatt sich aktiv gegen ihn zu wehren.
Gegen Spieler, die eine lineare 3-Bet-Range anstatt einer polarisierten Range verwenden, gibt es zwei effektive Anpassungen. Die erste besteht darin, mehr Hände und diese aggressiver zu spielen, wenn der Gegner nicht 3-bettet, da seine gecappte Range offensichtlich wird. Die zweite Anpassung besteht darin, gegen eine lineare 3-Bet tighter zu spielen und selbst eine lineare Strategie zu verfolgen.
Haben euch diese Anpassungen überrascht? Wir freuen uns auf eure Kommentare!