Hand Reading
Einleitung
In diesem Artikel
- Theorie und Praxis des Hand Readings
- 4 Gegner - Grundtypen
- Betting Sequenzen
Unvollständige Information
Im Gegensatz zum Schach, wo alle Informationen offen liegen, fehlen mir beim Poker Informationen, die ich zur perfekten Entscheidungsfindung benötige. Es fehlen Informationen über die gegnerischen Karten und über die Community Cards künftiger Betting Rounds.
Variable Strategie
Beim Black Jack kenne ich ebenfalls die künftigen Karten nicht. Ich kann aber ihre Wahrscheinlichkeit bestimmen (wie beim Poker) und auf dieser Basis korrekte Entscheidungen treffen. Im Gegensatz zum Black Jack gibt es beim Poker aber noch den "Faktor Mensch". Verschiedene Spieler interpretieren gleiche Karten anders. Manchmal behandelt sogar der selbe Spieler die gleichen Karten anders, weil sich die Umstände geändert haben. Dies kann psychologische Gründe haben (der Spieler ist on tilt) oder spieltaktische. Letzteres deutet dann auf einen starken Spieler hin, der in der Lage ist, sich flexibel zu verhalten, und an wechselnde Umstände anzupassen.
Hand Reading
Um die Informationslücke, die durch das Phänomen der "unvollständigen Information" entsteht, zu schließen, versucht der starke Spieler, seine Gegner auf eine bestimmte Hand bzw. auf die Bandbreite möglicher Hände (range of hands) zu setzen. Man nennt das Hand Reading. Es gibt mehrere Indizien für die Einschätzung der gegnerischen Hand. Einige entstammen dem Gegnerprofil, andere der Betting Sequenz oder der Gegneranzahl.
Die Kategorien
Es gibt mehrere Grundmerkmale, anhand derer man Gegner profilieren kann: Spielstärke, Looseness, Aggression und Deceptiveness. Jedes Community-Mitglied, welches sich an unsere Anweisungen hält, wird einen tight-aggressive Playing Style haben. Konsequenterweise wird es alle Trash-Hands preflop folden und mehr Zeit außerhalb als innerhalb der Hand verbringen. Diese Zeit sollte dazu genutzt werden, die Gegner zu beobachten und zu kategorisieren. Man sollte in der Lage sein, jeden Gegner in einen der vier Grundtypen zuzuordnen: tight-aggressive, tight-passive, loose-aggressive und loose-passive. Fortgeschrittene Spieler nutzen Analyse-Software wie PokerTracker und PokerAce, um sich die Kenndaten der Gegner direkt auf den Tisch projizieren zu lassen. Das ist sehr hilfreich, da es den Beobachtungsaufwand stark einschränkt. Auf diese Weise kann man dann auch drei oder vier Tische bedienen. Informationen zur Analyse-Software gibt es in der Technik Sektion.
Spielstärke
Spielstärke ist das wichtigste Kriterium für die Auswahl des Tisches (table selection). Das Geld kommt bekanntlich von den schwachen Spielern. Am liebsten haben wir schwache passive Spieler am Tisch, aber auch ein schwacher aggressiver Spieler (maniac) ist sehr interessant, da er uns seine Chips entgegenblufft. Wenn ich am Flop von einem schwachen Spieler gecallt werde, dann brauche ich mir weniger Sorgen zu machen, und bette den Turn erneut, wenn ich Heads-Up mit ihm bin und einen unimproved AK habe. Sein Call am Flop kann ja auch einfach bedeuten "Ich habe zwei Karten".
Looseness
Loose ist ein Spieler, wenn er zu viele Starthände spielt und postflop mit minderwertigen Karten zu viel callt. Slightly loose ist man mit einer flop-seen rate von über 20 %, loose mit über 25 %. Eine Rate über 30 % beinträchtigt das Resultat schon ungemein. Ein tighter Spieler geht ungefähr in 35 % aller Fälle zum Showdown. Eine Showdownrate von über 40 % indiziert bereits einen sehr loosen Spieler. Diesen Typus kann man schwer auf eine spezielle Hand setzen. Er könnte preflop 65 offsuit gespielt haben und damit eine Straight floppen, ohne dass man es sofort merken könnte. Das ist tatsächlich einer der wenigen Vorteile der Looseness. Einen tighten Gegner kann man viel besser auf eine Hand setzen, da er nur mit legitimen Händen dabei ist.
Aggression
Von PokerTracker wird die Aggression durch den Aggression-Faktor angezeigt. Der AF ergibt sich aus Formel AF = (Bets + Raises) / Calls. Ein Wert über 1,5 ist aggressiv, einer unter 1,0 passiv. Bei starken Spielern wäre auch ein Wert unter 1,5 passiv. Das kommt aber selten vor. Spielt ein passiver Spieler seine Hand stark (raise) ist große Vorsicht geboten. Spielt ein aggressiver Spieler seine Hand stark, bedeutet das manchmal einen Freecard-Raise oder einen Semi-Bluff auf Basis eines High Value Draws.
Raisingstandards
Die Raisingstandards sind ein Synonym für die preflop-Aggression. Ein guter Spieler raist 8 - 12 % seiner Hände. Weniger als 8 ist zu passiv, mehr als 12 % ist zu aggressiv. Viele Spieler sind durchgängig aggressiv. Es gibt aber auch welche, die vor dem Flop sehr viel raisen und dann eher passiv fortsetzen. Hier muss man also genau differenzieren. Ist ein Spieler preflop zurückhaltend und raist nur 5 % seiner Hände, dann ist Vorsicht geboten, wenn er aus Early Position raist. AQ ist dann ein klarer Fold (übrigens auch bei einem unbekannten Gegner). Raist er dagegen 20 % seiner Hände, überzieht er deutlich. In solch einem Fall würde ich mit AQ reraisen und meistens auch mit KQ.
Deceptiveness
Grundsätzlich gibt es zwei Typen von Spielern: die einen spielen geradlinig und die anderen tricky. Aggressive Spieler sind häufig ziemlich tricky (deceptive) und weniger straight forward. Sie spielen ihre starken Hände schwach und ihre schwachen Hände stark (die Adjektive stark und schwach sind hier nicht wertend gemeint). Es gibt aber auch passive oder moderat aggressive Spieler, die zwar niemals als Bluff raisen würden, aber eine Bluffbet gegen mehrere Gegner nach einem Scary Flop oder nach einer Scare Card riskieren würden. Von daher sind Deceptivenessness und Aggression zwei verschiedene Merkmale. Grundsätzlich gilt, dass man im low limit-Bereich mit vielen Callern eher straight foward spielen soll (am River muss man die beste Hand vorweisen) und bei den high limits mehr mit Täuschung arbeiten kann. Dort hat man weniger Gegner auf dem Flop und zudem sind diese in der Lage, sich von einer schwachen Hand zu trennen. Bluffen kann man halt nur Leute, die auch einen Sinn für Gefahr entwickelt haben.
Die vier Grundtypen
Tight-aggressive
Das ist der Stil des Winning Players! Man spielt wenig Hände. Wenn man sie aber spielt und den Flop trifft, dann spielt man sie aggressiv, um seine Hand zu verteidigen. Gegen wenige Gegner benutzt man das Instrument des Semi-Bluffs (in Ausnahmfällen ist es ein reiner Bluff), wenn die Situation dafür richtig erscheint.
Tight-passive
Der sogenannte "Rock" ist eigentlich zu ängstlich fürs Pokern. Er spielt einen geradlinigen, fantasielosen Stil und ist von allen Typen am besten zu lesen. Da er nur Qualitätskarten spielt, und schnell aus der Hand verschwindet, wenn er nicht trifft, kann man an ihm nicht viel verdienen. In loose-passive games ist er ein Winning Player, denn dort nutzt er die großen Fehler seiner Gegner aus. Gegen stärkere Spieler hat er keine Chance. Wenn er raist, gewinnt er nur kleine Pötte, denn man weicht ihm aus. Häufig liegt er in Führung, wagt es aber nicht, seine Hand zu betten. Auf diese Weise verliert er Value und manchmal sogar einen Pott, da er Weak Draws in der Hand läßt.. Er ist leicht zu bluffen und verteidigt seine Blinds nicht energisch genug.
Loose-passive
Die sogennante Callingstation ist der Lieblingsgegner aller Winning Players. Sie spielt zu viele Hände und geht mit schwachen Karten postflop zu tief in die Hand hinein. Aus ihren starken Blättern holt sie wie der Rock zu wenig value heraus. Manchmal landet sie einen Bad Beat und man ärgert sich kurzfristig über sie. Dieser Ärger ist jedoch unangebracht. Behandelt eure Callingstations gut, denn ihr wollt mit ihnen spielen. Und blufft sie nicht. Das heisst keine Bluff-Bets machen. Top Pair, medium Kicker sollte gebettet werden, da die Callingstation häufig mit Middle Pair oder Bottom Pair den ganzen Weg bis zum River herunter callt.
Loose-aggressiv
Der Typus mit dem größten Geltungsbedürfnis ist der loose-aggressive Player. Er spielt zu viele Hände und raist sehr viel mit ihnen. Er möchte möglichst jeden Pot gewinnen und betrachtet es als eine Art Niederlage auszusteigen. Er ist daher nicht so leicht aus der Hand zu bluffen. Mit einer mäßigen Hand sollte man gegen ihn einen Call-down stark in Erwägung ziehen, auch wenn man mit der gleichen Hand gegen einen Rock gefoldet hätte. Häufig catcht man dadurch einen puren Bluff. Besonders extreme Exemplare nennt man Maniacs. Diese raisen häufig mit völligem Trash. Hat man Position auf den Maniac, kann man mit passablen Händen eine 3-Bet ansetzen, um den Maniac zu isolieren (Isolation Play). Man hat dann oft die stärkere Hand plus Position.
Die Betting Sequenz
Preflop-Action
Unraised Pot
In einem unraised Pot kann man Premiumhände in der Regel ausschließen, da sie meistens preflop geraist werden. Starke Gegner sind dann meist mit mittleren und kleinen Paaren, suited connectors, suited Aces, suited high cards (KTs) oder high cards (KJ) in der Hand. Sehr schwache Gegner können natürlich so gut wie alles haben.
Raised Pot
In einem raised Pot kann man den Raiser und die Cold Caller (außer den Big Blind) auf gute Hände setzen. In solch einem Fall muss man nicht befürchten, die Nuts gegen sich zu haben, wenn diese aus T 8 bestehen.
Der Limp-Raise
Ein Limp-Raise entsteht, wenn ein Limper einen Raiser reraist. Das deutet meistens auf ein slowgeplaytes Monster hin (AA oder KK). Angenommen, ein Spieler limpt, ich raise, alles foldet und der Limper reraist mich. Wenn ich mit AK oder AQ den Flop nicht treffe, würde ich mich in solch einem Fall von der Hand verabschieden. Sicherlich, manch einer limp-raist mit AK oder AKs und repräsentiert damit eine bessere Hand. Es wäre natürlich schade, wenn man mit AK gegen eine andere AK-Hand aufgeben muss. Aber es nützt nichts. In der Mehrzahl der Fälle hat man ein hohes Pocket Pair gegen sich. Was passiert, wenn man mit AK den King trifft? Gegen AA und KK läge man damit ja immer noch hinten. Aufgeben? Das kann ich so pauschal nicht raten. Es ist ja auch unmenschlich, sich von seiner Top Pair-Top Kicker Hand zu trennen. Ich würde wohl grundsätzlich eine Call-down-policy anwenden. Immerhin gibt es eine Menge Leute, die den Limp-Raise auch mit AK, AKs, QQ und JJ anwenden würden. Ein Maniac würde das vielleicht sogar mit Medium Pairs veranstalten, da er den Raiser vielleicht in seinem grenzenlosen Optimismus auf AK setzt. Kommt der Limp-Raise allerdings von einem sehr passiven Spieler, gibt es allen Grund, sich unwohl zu fühlen. Man könnte dann im Top Pair-Top Kicker-Beispiel den Flop raisen und nach einem Reraise die Waffen strecken. Nach einem Call dann "check turn, call river", wenn er den River checkt dann "check turn, bet River". Die Gefahr von "bet Turn, check River" besteht darin, dass er auch mit AK den Turn check-raisen könnte. In dem Fall würde man sich ja ungern von der Hand trennen. Das alles gilt für Heads-Up Matches. Ein Limp-Raise gegen viele Gegner deutet fast immer auf AA oder KK hin. Ausnahmefälle sind Maniacs und Tilter, die einfach nur den Pot füttern wollen.
An dieser Stelle ist es angebracht, den Limp-Raise auch aus aktiver Sicht zu besprechen. Ich empfehle grundsätzlich keinen Limp-Raise mit KK. Die Gefahr, alle möglichen Ace-Hands mitspielen zu lassen, ist zu groß. Eine weitere Gefahr geht von den Blinds aus. Ich habe schon mehrfach erlebt, wie KK von einem Freak-2 Pair aus den Blinds gebustet wurde. Die einzige Situation, in der ich mit KK aus Early Position limpen würde ist, wenn hinter mir jede Menge loose-aggressive Player sitzen würden, die eh jeden Pot raisen. Ein Limp-Raise-Versuch mit AA kommt schon eher in Betracht, da keine Overcards drohen. Eine gute Gelegenheit könnte wie folgt aussehen: Der Tisch ist sehr tight, preflop-Raises aus Early Position werden sehr stark respektiert, man selbst war schon lange nicht mehr in der Hand. In einem solchem Falle besteht die Gefahr, dass man mit einem Raise nur 1,5 Small Bets kassiert.
Flop-Action
Da es am Flop nur um Small Bets geht, ist die Action hier nicht ganz so ernst zu nehmen wie auf den teureren Straßen. Häufig trifft man auf taktisches Geplänkel: Sondierungsbets, Bluffbets, Semibluffbets, Freecardraises, Valuebets/raises mit starken Draws (ausnahmsweise kein Geplänkel, aber eben auch keine Made Hand).
Raises
Wird der Flop von einem soliden Spieler geraist, sollte man das respektieren.
Checkraises
Ein Checkraise ist ein stärkerer Zug als ein Raise in position. Er verdient somit noch mehr Respekt.
Lead Bets
Bettet ein Spieler (out of position) in mehrere Leute hinein, so deutet das auf eine starke Hand.
Button Bet
Einige aggressive Spieler betten jedesmal auf dem Button, wenn zu ihnen durchgecheckt wird. Das kann man sich mit verwundbaren Händen wie Top Pair-No Kicker zunutze machen. Angenommen ich habe Q3s im Small Blind bei einem Flop von Q T 7. Eine Lead Bet wäre problematisch, da man gegen eine größere Q verlöre und Gutshotdraws nicht abschütteln könnte. Am besten man checkt erst einmal, um zu sehen, was kommt. Gegen einen early Bettor gibt man sofort auf. Wird aber zu unserem aggressiven Button-Bettor durchgecheckt, ist das eine gute Gelegenheit für einen Check-Raise, da man möglicherweise die beste Hand besitzt, und jedes weak Draw mit einer 2-Bet konfrontiert wird.
Cold Call
Callt ein Spieler ein Raise auf dem Flop cold (2 Bets auf einmal), gibt es mehrere Möglichkeiten:
- Er hat einen starken Draw ( Flush Draw, OESD).
- Er ist ein schwacher Spieler und callt mit einem weak Draw wie z.B. mit einen Gutshot.
- Er callt Top Pair mit weak Kicker (eher bei schwachen Spielern zu finden).
- Er slowplayt ein Monster, um den Turn zu raisen.
Jetzt zum Hand Reading-Prozess: Wenn es keine Flush- oder Straight-Möglichkeiten gibt, kann man Möglichkeit i) und teilweise Möglichkeit ii) ausschließen. Wenn der Spieler stark ist, kann man Möglichkeit ii) und iii) ausschließen.
Turn-Action
Im Gegensatz zum Flop bedeutet am Turn "stark" auch wirklich "stark". Besonders Early Position Bets oder Check-Raises müssen sehr respektiert werden. Unter besonderen Umständen gibt es aber auch am Turn Deception. Dies kommt in den High Limits bei aggressiven Gegnern in Heads-Up-Situationen (eventuell auch three-handed) vor. Check-raisebluffs und Free-Showdown-Raises gehören zum Arsenal der Profis.
Die Gegneranzahl
Die Gegneranzahl ist ein wichtiges strategisches Element. Hat man auf dem Flop nur ein oder zwei Gegner, kann man recht aggressiv vorgehen und Bluffs bzw. Semi-Bluffs in seine Strategie einbinden. Häufig haben die Gegner den Flop nicht getroffen, da eine unpaired Starting Hand nur in einem Drittel aller Fälle ein Paar auf dem Flop bildet. Gegen vier und mehr Gegner sind derartige Bluffs sinnlos, da sich mindestens einer mit dem Flop anfreunden kann. Gegen viele Gegner spielt man daher konservativ nur die guten Hände und gibt schlechte Hände auf. Drei Gegner bilden die Trennlinie zwischen einer aggressiven und einer konservativen Strategie. Hier muß von Fall zu Fall entschieden werden.
Für das Hand Reading gilt: Spielt ein Gegner seine Hand in einem Multiway Pot stark, so ist dieser Pot "protected", d.h. gegen Bluffs geschützt. Ihm ist in der Regel zu trauen. Ist der Pot dagegen two-handed oder three-handed, ist die Möglichkeit eines Bluffs nicht auszuschließen.
Im laufe der Zeit werden hier Beispiele eingefügt. Wenn ihr in diesem Thread Beispiele mit guten Reads von euch postet, werden sie in den Artikel eingebaut, wenn ich sie für allgemeingültig halte.
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