Eigentlich bin ich schon seit vielen Jahren nur noch stiller Leser in Internetforen. Aus meiner Erfahrung heraus lügt und übertreibt ein Großteil einfach nur, dass sich die Balken biegen. Mir ist deshalb die Zeit zu schade um darauf einzugehen. Auch halte ich nichts von großartigen Ratschlägen, man kennt den Empfänger dann do h nie gutngenug und die eigene Line muss für den anderen nicht einmal ansatuweise die richtige sein. Da sich viele unserer Erlebnisse aber nahezu 1:1 decken - sofern deine Story auch nur annähernd stimmt - möchte ich dir hier, von Vater zu Vater, meine Sicht der Dinge mitgeben.
Kurz zu dem, was uns verbindet:
- Auch ich wurde als Kind von anderen schwer misshandelt; inklusive angepisst werden, Schläge (gerne auch mit Holzlatten) und Tritte kassieren, mit Böllern beworfen werden usw.
- Auch mir wurde zu Hause schlichtweg nicht geglaubt und einer blühenden Phantasie zugeschrieben. Ich konnte mit Flecken übersät und herausgebrochenem Zahn daheim aufschlagen, immer tat man das als Kabbelei unter Kindern ab. Als Motto galt: Wenn es dich so krass stört wie du sagst, dann musst du dich eben besser wehren.
- Auch ich habe Kampfsport gemacht und dann irgendwann alle weggeboxt, wurde, was Gewalt angeht, zum richtigen Psycho usw.
- Auch ich wurde früh Vater. Ich war damals 26.
- Mein Sohn ist der bisher einzige Nachkomme, sowohl innerhalb der Familie seiner Mutter, als auch in meiner. Er wird nun bald 10 Jahre alt und hat noch immer 3 lebende Urgroßmütter, alle Großeltern, 4 Onkel und Tanten und eine Heerschar an Großonkelntantenweißdergeier. Er printet also alleine aufgrund seines Daseins moneyz ohne Ende und wird - sofern er nicht plötzlich auf die Idee kommt eine Motorsportkarriere anzustreben - mit einer privilegierten finanziellen Komfortzone in sein Erwachsenenleben starten dürfen.
Zu den Unterschieden:
- Ich war ein überdurchschnittlich guter Schüler, wohl auch, weil die Schule mein safe space war.
- Ich durfte relativ früh einen Karrierepfad antreten.
Als mein Sohn auf die Welt kam war ich knapp ein Jahr in jenem Unternehmen, welchem ich noch die folgenden vier Jahre meines Lebens schenken wollte. Es handelte sich hierbei um ein traditionelles Medienunternehmen welches drauf und dran war den digitalen Zug zu verpassen. Ich bewarb mich damals auf eine diffuse Stellenanzeige in welcher ein "Datenbankspezialist" gesucht wurde und wäre während der ersten beiden Bewerbungsgespräche beinahe eingeschlafen. In der Firma wimmelte es nur vor faden Geisteswissenschaftern und unternehmerisch roch es an allen Ecken schon recht modrig. Da aber keines der coolen Start ups auf mein Ego und insbesondere auf meine Gehaltdvordtellungen zu warten schien, habe ich "zur Überbrückung" die Stelle angetreten. Es wurden die schlnsten Berufsjahre, die ich jemals gehabt haben werde.
Da dort wirklich niemand auch nur irgendwas vom Internet verstanden hatte, durfte ich einfach mal machen. Schon nach den ersten kleinen Erfolgen bekam ich endlich genau das, wonach ich mich immer gesehnt hatte: Anerkennung und Vertrauen. Ich bekam immer das Geld und die Leute die ich brauchte, damit ich meine Ideen realisieren konnte. Und wenn mal etwas nicht funktioniert hat, dann bekam ich wieder Geld und Leute um es besser zu machen. Ich boxte 70+ Stunden die Woche weg, wie seines brauchten und mein Machiavellistischer Chef hatte stets ein wachsames, aber vertrauensvolles Auge auf mich. In meiner kleinen Welt war ich der größte. Wenn ich in Verhandlungen zu jemanden mit 20 Jahren mehr an Berufserfahrung ein "Nein, wir machen das anders" entgegnete, sah mir mein Capo in die Augen und wenn er sah wie überzeugt er war, dann gab er seinem jugendlichen Duracellhasen das Vertrauen.
Während ich so herumkarierrierte verstrichen die ersten Lebensjahre meines Sohnes. Da ich meinen Samen in die Mutter meines Sohnes einbalsamiert hatte bevor sie auch nur annähernd mit dem Studium fertig war und sie keine gröberen Karriereziele verfolgen wollte, entschieden wir uns für einen traditionellen Weg. Eigentum wurde angeschafft, das überschaubare private Darlehen (80k) von mir abgestottert und sie blieb mit Sohnemann daheim.
Die ersten Jahre mit meinem Sohn waren zu einhundert Prozent stressfrei. Er heulte quasi nie, er quängelte ja noch nicht einmal. Weder als die ersten Zähnchen kamen, noch drückte ein Pups, egal welches Futter wir ihm zwischen die Backen drückten, noch sonst schien ihm auch nur ansatzweise wo der Schuh zu drücken. Er lachte, wenn man mitnahm spielte und sonst hat er einfach nur still gepennt. Er hat so leise geschlafen, dass wir in den ersten Lebensmonaten alle 15 Minuten nachschauen gingen, ob er denn überhaupt noch lebt. Ansonsten passierte einfach gar nichts. Nichts von dem ganzen Unheil, was einem die halbe Welt und dutzende Ratgeber vorab herbeigeschworen hatte, traf auch nur irgendwie ein.
Meinem Sohn genügte offensichtlich seine bloße Existenz, es gab keine Herausforderungen. Am nervigsten waren noch unsere eigenen Eltern, die uns endlich einmal "unterstützen und den kleinen ein paar Stunden/über Nacht/übers Wochenende abnehmen" wollten.
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An dieser Stelle komme ich nach meinem ganzen Gelaber endlich zu dem, was ich dir mitgeben möchte.
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Als der Bub mit 4 Jahren langsam in den Kindergarten ging, dem ersten Sportverein beitrat, sprich sein erstes soziales Umfeld außerhalb der Familie aufbaute, forderte er - oh Wunder - plötzlich mehr Aufmerksamkeit von uns. Er wollte schlicht seine Erlebnisse mit uns teilen. Mir ist dann genau in jenem Moment eingefallen, was mich meine ganze Kindheit so gequält hat. Närmlich die Tatsache, dass meine Eltern nine Zeit für mich hatten. Meine tollen Leistungen in Schule und Sport waren selbstverständlich und die Erniedrigungen durch andere Kinder für sie überzogen dargestellt bzw. erfunden. Ich erinnerte mich auch daran, wie kaputt mich das gemacht hat und welches Glück ich a) mit einigen Lehrern und b) meinem Chef hatte. Ich wollte aber nicht, das mein Sohn auf Glück angewiesen ist, um nicht emotional zum Krüppel zu werden. Ich habe dann auch sofort eingesehen, dass meine Karriere und das, was ich für meinen Buben sein wollte, niemals zu vereinbaren würde. Was bringt ein Vater mit überquellender Brieftasche einem Jungen, der finanziell so sanft gepolstert ist wie der meine?
Ich habe dann spontan gekündigt und die Firma nach wenigen Monaten (schnelle ging es natürlich nicht) verlassen. Heute bin ich ein einfacher Online Marketing Trottel mit durchschnittlichem Einkommen, dafür gehe ich ohne berufliche Kopfschmerzen arbeiten, kann viele Stunden remote erledigen und habe Zeit für meinen Sohn. Ich bin bei jedem Elternabend dabei und beim Eltern-Lehrer-Kind Gespräch, ich darf seine Tore bejubeln und ihm beim Schultheater souflieren, wenn er einen Texthänger hat. Ich kann mit ihm lernen und ich kann ihm stundenlang zuhören.
Wir können dem Herrgott einen guten Tag sein lassen und drei mal so lange Switch Zicken, wie es Elternratgeber empfehlen und dabei eine 2 Liter Flasche Cola trinken und Gummibärchen und Chips hineinstopfen. Ich kann ihm meine Sicht der Dinge erklären und ihn dazu ermuntern, sich stets seine eigenen Gedanken zu machen. Niemandem blind hinterherzulaufen und seine eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich kann ihm erklären, warum ich Homophobie, Rassismus und Sexismus nicht toleriere und was ich daran scheiße finde. Sprich: Ich habe Zeit für meinen Sohn.
Und du kannst gerne noch so der krasse Hund sein, imo lässt sich das mit deinen beruflichen Plänen nicht vereinbaren. Ob du das mit deiner Biographie in Einklang bringen können wirst, solltest du zumindest hinterfragen.