VEGAS 2013 - Day 11
Der letzte große Poker-Tag brach an und ich war mal wieder als Erster wach. Keine Ahnung, wie Smee es jeden Tag schaffte, seine Glückshormone in dieser Stadt länger zu unterdrücken als ich. Kaum erspähten meine müde Augen die klammen Zimmerwände des Bally's, wurde mir bewusst, was Sache war. Das gelang mittlerweile routiniert dank meiner Checkliste:
- Wo bin ich? Vegas. Juhu.
- Was ist zuletzt passiert? $2.700 up. Juhu.
- Was steht an? Letzter Pokertag. Oh noes.
- Plan? Raus aus den Federn. Juhu.
Kurze Zeit später saß ich meist an einem Tisch im Bellagio. So auch an diesem Tag. Es war vormittags und es lief ein 5/10 Tisch mit Warteliste, kein Must Move. Ich schrieb mich auf die Liste und spielte zum Warmwerden 2/5. Nach 40 Minuten wurde mein Name durch das Mikrofon geblökt und ich durfte meine roten $5 Chips durch orangene $10 Chips wechseln. Leider war ich zu dem Zeitpunkt schon $200 im Brand. Wie? kein Plan!
An diesem 5/10 Tisch fühlte ich mich aber direkt wohl, da ich einige Reads mit in die Session nehmen konnte. Rechts neben mir saß ein super freundlicher, ca. 30-järhiger Kanadier, der Poker serious angeht, aber unter einer weitläufig bekannten Pokerkrankheit leidet - der sogenannten IchErzählDirAllesÜberPokerWasIchWeiß-Virus hatte ihn fest im Griff. Er wartete mit mir an 2/5 auf seinen Platz am großen Tisch und plauderte da schon fröhlich von seinem Psychologie-Studium und wie er nun Poker ernsthaft angehen möchte. Ich wusste alle großen Hände, die er bisher in Vegas gespielt hatte und er erzählte brav, welche Spieler an 5/10 was taugen und welche nicht. Seine Aussagen deckten sich in etwa mit meinen Erfahrungen zu zwei oder drei der Spieler an 5/10, sodass ich seinen restlichen Reads Vertrauen schenkte.
Kaum saß ich neben ihm, erzählte er mir, was er bis dato über die Unbekannten am Tisch heraus gefunden hatte. Danke dafür! Das Wissen machte ich mir nach gut 20 Minute zunutze, als ein vom Kanadier als äußerst tight beschriebener junger Amerikaner - den ich auf den ersten Blick als sicher nicht so zurückhaltenden Reg angesehen hätte - openraiste UTG. Ich coldcallte QQ am Cutoff nur und callte postflop seine Cbet auf einem 8-high Flop, seine 2nd-Barrel auf einem K-Turn ebenso und der River ging check/check. Meine Damen verloren gegen seine Asse. Hätte teurer werden können.
Wenig später gewann ich einige kleine Pötte, war aber generell eher tight unterwegs, da links neben mir Rollstuhl-Joe saß. Ich weiß gerade nicht, ob ich schon von ihm berichtet hatte - glaube schon. Er sitzt im Rollstuhl und braucht teilweise auch Hilfe, um seine Karte anzusehen, da seine Hände leider auch nicht mehr ganz funktionsfähig sind. Ich habe ihn diesen Sommer fast täglich im Bellagio spielen sehen und schnell ausfindig gemacht, dass er way too aggressiv war. Unzählige Male habe ich ihn seinen $600 bis $800 Stack preflop shoven sehen, seine 3-Bet-Frequency in Position lag bestimmt bei 20%, also war mir klar: Wenn ich openraise und er 3-bettet mit < 100BB, dann geht es immer rein. 3-Bet callen strich ich aus meinem Repertoire. Nun hat Rolly-Joe es aber geschafft, seinen Stack auf über $2.000 zu raisen, als es zu meinem Showdown mit ihm kam:
Am Button raise ich first-in 33 auf $30 und er raist den SB auf $100. Obwohl ich Position hatte und mit $1.500 Stack auch setminen könnte, blieb ich meinem Plan treu und clickte mal wieder Buttons
4-bet $180. Rolly-Joe guckt ein wenig verwirrt und callt nach 10 Sekunden.
Flop ($370): K :club:7 :heart:4
Joe checkt, Konti cbettet $150, Joe zahlt. Ich frage mich gerade, ob 2nd-Barreln Sinn macht und beantworte es selber: Nur, wenn ich auch tripplen kann. Wie er darauf reagieren würde? Ich war skeptisch, da er mich sicher auch als jungen Spieler ansah, der off-barreln kann. Problem also, oder? Der Dealer sagt: NÖÖÖ, kein Problem:
Turn ($670): 3
Rollstuhl-Joe checkt erneut und ich entscheid mich dann waghalsig und mutig wie ich bin, dass ich noch zweimal betten werde ♦ Bet $350, "dann habe ich eine schöne All-In-Size am River", dachte ich, da callt Joe auch schon selbstsicher.
River ($1.370): 5
Nicht die schönste Karte, aber er weiß genau so wie ich, dass wir beide kaum/keine 6x-Combos haben. Er checkt wieder und ich gehe konsequenterweise all-in für ca. $750 nach etwas Fake-Tanking. Er tankt auch, ohne Fake voraussichtlich, und zahlt nach einer halben Minute. Ship it!
Es folgten weitere mittlere Pötte in dieser 5/10 Session, aber Handdetails fallen mir dazu nicht mehr ein :/ Nach zweieinhalb Stunden war die Session für mich vorbei mit $2.385 Gewinn. Läuft!
Es folgten ein paar Stunden, in denen ich nicht viel machte, außer auf Smee zu warten, da wir einen straffen Zeitplan für den Nachmittag und Abend hatten: Zuerst gingen wir Essen im italienischen Restaurant Carnevinho im Palazzo. Als ich am Vortag Tickets für Absinthe gekauft hatte, habe ich mir noch einen Restaurant-Gutschein für ein Steakhaus andrehen lassen. Der Italinier war also unsere Wahl und bereuen tue ich den Besuch nicht. Das Steak war ordentlich, der Preis saftig, die Beilage nicht - staub-trockene, super dünne Pommes. Insgesamt kein Essens-Highlight, aber dafür war in diesem Restaurant das Auto-Muesum des Palazzos integriert. Wir konnten also nach dem Essen ein paar schicke Wagen, alt und neu, bewundern. Details kann ich dazu wenig beitragen, aber vllt. haut Smee dazu noch mehr raus.
Nun war es schon 19 Uhr und es wurde Zeit für das Show-Highlight der Reise. Schon aus Deutschland heraus wusste ich, dass ich während des Trips diese Show sehen werde. Und ich war heiß wie eine Achtklässlerin vor ihrer ersten u16-Party: Absinthe stand auf dem Programm.
Vor dem Caesars Palace findet diese Show in einem Zelt statt, das vllt. 300 Leute fasst. Ziemlich eng und rustikal eingerichtet saßen ich neben Smee zu meiner linken und... einer McDonalds-Fach-Konsumentin zu meiner rechten. Leider waren die Stühle so eng aneinander gereiht, dass ich quasi in ihren Bauchfalten Platz nahm. Dass es kuschelig warm wurde, brauche ich wohl nicht weiter zu erwähnen. Als die Show anfing, hatte ich aber alle Anzeichen an Klaustrophobie schnell beiseite gelegt, denn die kommenden zwei Stunden waren einfach der Wahnsinn:
Ein überragend lustiger Showmaster ala American-Macho bandelte dauernd mit seiner piepsenden-feuchtgeilen Assistentin an, die dauernd sexuelle Anspielungen machte. Das Ganze endete in einem Comedy-Athletik-Act, indem der Showmaster im Borat-Kostüm auftauchte und seine Olle Huckepack-tragend an einen Bühnenpfahl klatschte. Zwischendurch fand tatsächlich richtig gute Akrobatik statt, sowohl am Boden als auch in der Luft, sehr empfehlenswert. Aber die Show ist deutlich gekennzeichnet von dem Showmaster, der einfach nur schamlos alle Klischees abrattert, das Publikum niedermacht und die amerikanische Politik durch den Kakao zieht als hätte er keine Ahnung davon, dass die NSA sein Zelt aufgebaut hat. Jeder wurde irgendwann irgendwie beleidigt, aber wer auf den Humor steht, der ist sich am Ende einig: Das war geil! Die Show würde ich mir sofort wieder ansehen, gerade ich in Hinblick darauf, wie mein Abend endete:
$380 Minus standen da in meinem Handy, eine Menge Kopfschmerzen in meinem Kopf: Nachdem wir nach der Show ins Wynn gingen und ich dort leider unspektakulär binnen drei Stunden $1.370 verlor (ich weiß keine große Hand mehr, glaube am Anfang war ich mit AK für $500 eff. all-in, aber nicht sicher). Auf jeden Fall beendete ich die Session frühzeitig, um mit smallorca nochmal zu testen, wie viel Alkohol dieser Stadt eigentlich beinhaltet. Ergebnis: viel. Die angesprochenen $380 Miese stammten letztlich aus dem Bally's Pokerroom, den smallorca und ich irgendwann nachts aufsuchten. Lief wohl nicht so gut für mich
Am nächsten Morgen war auschecken angesagt. Da unser Flug erst abends ging, fuhren wir zum Shoppen in das nördliche Outletcenter und deckten uns gut ein. Die restliche Zeit bis zum Abflug verbrachte ich dann doch noch einmal mit diesem Kartenspiel. Die letzten Hände spielte ich, wie sollte es anders sein, im Bellagio. 5/10 sah uninteressant aus, also markiert mein Handy zum Abschluss der Reise eine letzte 2:48 Stunden lange 2/5 Session mit sagenhaften $39 Profit! OLE, meine Polo Ralph Lauren-Underwear wurde also gesponsort.
Als ich wenig später an einem Flughafen-Automaten wartend $10 verjubelte, hatte ich zwiegespaltene Gefühle: Einerseits sind zwölf Tage Vegas eine ganze Menge und ich war erschöpft (nicht zuletzt vom Hangover), andererseits loderte in mir schon wieder das Feuer neben einem großen Fragezeichen:
Wann werde ich das nächste Mal im Bellagio sitzen?

