Original von lostsoul
Original von Syndra
Will mal kurz meinen Senf zu den Problemen in der Pflege geben, weil immer gesagt wird, dass man da zu schlecht verdient.
Ich arbeite selbst als Pfleger in einer großen Einrichtung und muss sagen, wir alle verdienen hier absolut okay. Frisch ausgelernte Fachkraft, Single mit Vollzeitstelle bringt hier locker 1.7k Netto nach Hause, und das reicht doch völlig zum Leben. Alle 4 Jahre bekommen wir automatisch eine Lohnerhöhung um 200 Euro, ohne dass wir verhandeln müssen.
Krankenschwestern, welche nach Tarif bezahlt werden, verdienen sogar einen Ticken besser als ich. Wenn wir jetzt jeder KS 200 Euro mehr geben, sind sie doch immernoch jeden Tag völlig am Ende, weil wir jeden Tag so viel machen müssen, dass wir es realistisch überhaupt nicht schaffen können. In meiner Einrichtung gibt es zb einen ganz ganz enorm hohen Krankheitsbedingten Ausfall, sehr viele psychische Ursachen weil wir komplett verheizt werden.
Ich habe früher in der Fabrik gearbeitet als Industrieschreiner, da hab ich 1.1k Netto bekommen, DAS ist zu wenig zum Leben. Hier das Problem, dass es zwar eine "IG Holz" gibt, von der hat aber keine Sau je was gehört. So habe ich 8h am Tag ein Stück Holz in die Maschine geschoben, 7 Sekunden gewartet, das nächste Stück Holz - während mein Kumpel seine Ausbildung zeitgleich abgeschlossen hat, 8h am Tag ein Stück Metal in die Maschine schiebt, 7 Sek waret etc... IG Metal kennt man, er hat 1.7k Netto gehabt^^
Also was ich sagen will, Geld für Pflegekräfte ist nicht das Problem sondern der Fachkräftemangel - imo
1,7k Netto ist aber auch nicht so geil, dass ich mich dafür kaputt arbeiten möchte.
Hallo Syndra! Vielen Dank für deinen offenen Beitrag. Ich finde es bewundernswert, dass du so denkst und tatsächlich kenne ich diesen Standpunkt von mehreren Leuten aus der Pflege bei uns. "Die Bezahlung ist nicht das Problem, die Arbeitsbedingungen sind es".
Ich hab da viel drüber nachdenken müssen und am Ende des Tages komme ich immer wieder an den Punkt wo ich das nicht ganz so sehen kann und will. Die Bezahlung stimmt eben nicht und deswegen stimmen auch die Arbeitsbedingungen nicht. Wir brauchen eine adäquate Bezahlung für Menschen die so eine emotionale, geistige und teils auch körperliche Höchstarbeit jeden Tag vollbringen müssen, denn:
a) Ist es ein Anreiz diesen Beruf zu machen, wenn man weiß, dass man auch mit einer 30h Woche über die Runden käme ohne sich kaputt zu machen. Wir brauchen Leute die am Ende nicht sagen sie stellen sich lieber beim Daimler ans Band, weil sie da mit weniger Stress deutlich mehr verdienen. Man muss den Beruf attraktiv machen, damit man wieder genug Leute hat, die sich dann nicht für "ausreichend" Geld kaputt schuften.
b) Müssen wir unsere Mitarbeiter schonen und wie oben schon gesagt ist Teilzeit ein ganz wichtiger Kompensationsmechanismus für alle die sich das nicht mehr 40h in der Woche tags, nachts und am Wochenende antun können. Ältere Kollegen, Alleinerziehende, Junge Leute die noch was anderes als Arbeiten wollen... Der Krankenstand den du beschreibst ist ja überall standard.
c) Muss das Geld reichen, damit man ordentlich privat vorsorgen kann. Das Risiko für Berufsunfähigkeit ist einfach massiv erhöht.
d) wäre das eine Wertschätzung der Gesellschaft an diesen anspruchsvollen Job. Verantwortung sollte immer in einer gewissen Beziehung zur Entlohnung stehen und das tut es nicht
e) Wir brauchen den Nachwuchs, der auch bleibt. Und wenn so viele das nur als Sprungbrett nehmen oder nach 5 Jahren kein Bock mehr haben, dann bleibt bei den zufriedenen Idealisten wie dir noch mehr Arbeit hängen und irgendwann implodiert das System und es dauert Jahre da wieder gegen zu steuern.
"Ausreichend" DARF nicht der Anspruch sein!
Ganz unabhängig davon gehören Überstunden bezahlt. Finde es ein Unding, dass jemand >1000 Überstunden auf seinem Konto haben kann. Es sei denn er will das so (Altersfreistellung, etc). Aber diese perfide Hoffnunf des Arbeitgebers die vielleicht nie auszahlen zu müssen oder irgendwann zu kappen ist pervers.
Puh... Sorry für den OT Wall of Text, aber das Thema ärgert mich immer wieder und ich bin immer wieder beeindruckt wieviele gute Menschen es in dem Sektor gibt, die es so akzeptieren können