In diesem Artikel ging es um das folgende Beispiel:

Die Hand wurde bei einem 6-Spieler-SNG mit typischer Auszahlungsstruktur (65%, 35%) gespielt. Es wurde angenommen, dass euer Gegenspieler die Top 33,6% seiner Hände hier pusht (22+, Ax+, K4s+, K9o+, Q8s+, QTo+, J8s+, JTo, T7s+, 97s+, 87s, 76s).
Um Situationen wie diese vollständig zu verstehen, sollte man zunächst die erforderliche Chip Equity berechnen. In der Lektion "Das Preflopspiel: All-ins callen und isolieren" findet ihr genaue Informationen, wie ihr diese Rechnung durchführt. In der folgenden Gleichung ist die für einen +cEV-Call benötigte Equity bereits berechnet.
Benötigte Equity für einen +cEV-Call (Chip Equity) = 3725 / (4425+3725) = 45,71%
Für einen +cEV-Call benötigt man gegen die Range des Gegners also eine Equity von mehr als 45,7%. Folgende Hände verfügen über diese Equity:

AQo verfügt gegen Villains Pushing Range über eine Equity von 60,82%. Dies bedeutet, dass ein Call langfristig einen Profit von jeweils ca. 1232 Chips bringt.
Allerdings muss zusätzlich der Risikoaufschlag (auch Bubble Factor oder ICM-Effekt genannt) berücksichtigt werden. Die theoretischen Grundlagen dieses Konzepts könnt ihr in dieser Lektion nachlesen: "Der Chipwert: Der Risikoaufschlag".
Um den Risikoaufschlag zu berechnen, werden die zwei möglichen Entscheidungen (Call und Fold) simuliert und die so veränderten Werte eurer Stacks miteinander verglichen. Den Wert eurer Chips könnt ihr in einem speziellen ICM-Calculator wie diesem berechnen. Um diese Berechnung selbst durchzuführen, nehmen wir an, das SNG habe ein Buy-in von $11. Weitere Informationen zur Berechnung von Stack-Werten mit dem ICM findet ihr in dieser Lektion: "Der Chipwert: Die Grundlagen des Independent Chip Model (ICM)".
$EV eures Stacks nach einem Fold: $25,45
$EV eures Stacks nach einem erfolgreichen Call: $37,30
$EV eures Stacks nach einem erfolglosen Call: $0
Wahrscheinlichkeit des Erfolgs nach einem Call: 60,82%
$EV eures Stacks nach einem Call: $37,30 * 60,82% + $0 * 39,18% = ~$22,69
Ihr seht also, dass der Wert eures Stacks nach einem Fold höher als nach einem Call ist. Deshalb ist ein Fold hier die beste Entscheidung. Ein Call bringt euch zwar durchschnittlich 1232 Chips, er kostet euch aber gleichzeitig - im Verhältnis zum Wert eures Stacks nach einem Fold - $2,76.
Mithilfe dieser Berechnung ist es möglich, den konkreten Risikoaufschlag in der Beispielssituation zu errechnen.
Benötigte Equity für einen +$EV-Call = $37,30 * %Equity > $25,54 = 68,47%
Benötigte Equity für einen +cEV-Call = 45,71%
Risikoaufschlag = 68,47% - 45,71% = 22,76%
Zusammengefasst: Die Equity eurer Hand muss in diesem Spot mindestens um 22,76% über eurer Chip Equity liegen, damit ein Call nach $EV profitabel ist.
Dieses Ergebnis liefert uns sehr wichtige Informationen, denn es zeigt, mit welchen Händen ein Call überhaupt profitabel ist. In unserem Beispiel ist ein Call nur mit dieser Range +$EV:

Ihr seht also, dass AQ hier ein klarer Fold ist.
Wenn ihr das PokerStrategy.com Equilab dazu nutzt, um diese Hände mit der Pushing Range eures Gegners zu vergleichen, seht ihr, dass diese eine Equity von mehr als 68,47% haben. Zum Beispiel:

Im Artikel zu dieser Übung haben wir euch außerdem gefragt, in welchem Sit&Go ihr das All-in callen würdet. Wir wollen diese Frage auf die anderen beiden beliebten SNG-Formate beziehen: 9-Spieler-SNGs und 180-Spieler-SNGs. Um das Beispiel nicht zu kompliziert zu machen, nehmen wir die gleiche Pushing Range für unseren Gegner an (diese würde sich wohl auch in der Realität nicht zu sehr verändern).
Die Auszahlungsstruktur eines 9-Spieler-SNGs:
1. Platz: 50%
2. Platz: 30%
3. Platz: 20%
Im selben Spot wie oben würdet ihr mit den folgenden Händen einen +$EV-Call finden:

Die Auszahlungsstruktur eines 180-Spieler-SNGs:
1. Platz: 30%
2. Platz: 20%
3. Platz: 11,4%
Hier wäre ein Call mit folgenden Händen nach $EV profitabel:

Ihr seht anhand dieser Beispiele, dass die richtige Einschätzung des Wertes eures Stacks und die Vorgehensweise beim Call eines All-ins unglaublich wichtig sind. Ihr versteht so nicht nur besser, mit welchen Hand-Ranges ihr überhaupt spielen solltet, sondern auch die sogenannte "Magie des ICM" :).
Ihr wisst nun, wie ihr solche Situationen richtig analysiert. Macht euch die Mühe und führt die Berechnungen auch für 9-Spieler- und 180-Spieler-SNGs durch! Wie groß ist der Risikoaufschlag hier? Wie sieht es in anderen SNG-Varianten aus? Was geschieht, wenn sich die Stack-Größen ändern und/oder weitere Gegner am Tisch sitzen? Stellt euch die unterschiedlichsten Situationen vor und spielt diese durch!
Eure Antworten und eigenen Berechnungen könnt ihr natürlich hier im Thread posten. Viel Spaß


