Mal noch ein paar Gedanken zur Serie und zur Diskussion.
So langsam verstehe ich, was die Kritiker hier genau meinen. Hat etwas länger gedauert, aber das ist wohl verschmerzbar, da ich eure Grundeinstellung zum Storytelling nicht verstanden habe und bezüglich Lost eine andere Einstellung habe bzw. meine Sichtweise über die letzten Staffeln geändert habe.
Ich versteh was ihr mit "die Geheimnisse waren nur wahllose Stolpersteine, die die Geschichte nicht vorangetrieben haben" meint. Nehmen wir z. B. Walt, die ganzen Leute die Special waren (Walt, Aaron, Locke) und die Gier der Others nach diesen besonderen Menschen. Im ersten Teil von Staffel 1 dachte man, es geht nur darum, die Insel zu verlassen. Im zweiten Teil rückten die Geheimnisse, vor allem die Hatch und die Others in den Vordergrund. Ganz langsam wurde auch Walt immer wichtiger und in Staffel 2 wurde das alles irgendwie zusammengeführt. Man erfuhr etwas mehr über die Others, Walt wurde gefangen genommen und hinter der Hatch versteckte sich ein Experiment (zumindest für Jack, Locke, Hurley und Desmond). Heute wissen wir aber, dass die Others selbst nicht wussten, was sie taten, Walt war so Special, dass er ganz gestrichen wurde und die Swan Station wurde mit der Zerstörung null und nichtig.
Ist das weiter schlimm, wenn das drumherum stimmt, wenn man das Setting, die Musik, die Charaktere und die Geheimnisse mag? Nicht wirklich. Jeder hat seinen eigenen Anspruch auf Unterhaltung. Für den einen muss eine Geschichte in sich schlüssig sein und aus möglichst wenigen Logiklöchern besteht, für den anderen gibt es viel wichtigere Sachen, wodurch ein optimales Storytelling in den Hintergrund rückt. Ich verstehe beide Sichtweisen - weshalb es keinen Grund gibt, die einen als Fanboys und die anderen als Hater abzustempeln.
Das Thema "Special" wäre für Lost nur unabdingbar gewesen, wenn sich zum Ende herausstellt, dass genau diese besonderen Leute wichtig sind, um die Geschichte voranzutreiben. Es hätte am Ende dazu kommen müssen, dass jeder der bis zum Ende überlebt und im Fokus steht "Special" ist und noch viel wichtiger, diese Eigenschaft hätten wichtig sein müssen, um ein Ende herbeizuführen, ob das nun die endgültige Flucht oder die Zerstörung des Bösen oder die Rettung der Welt ist. Was lernen wir aber aus Lost? Um die Welt zu retten und das Böse zu zerstören muss man nur ein miserables Leben geführt haben - alle anderen kommen nicht infrage und werden deshalb teilweise sogar umgebracht. Die Moral von Lost: "We are the cause of our own suffering." Das was wir sind, wird von uns und den Umständen in die wie geraten, bestimmt. Hast du ein gutes Leben geführt, stirbst du und kommst in den Himmel (o. Ä.), du hast es geschafft - hattest du ein schlechtes Leben, musst du dich beweisen, dich selbst erlösen, ansonsten bist du auf ewig auf der Insel als Geist gefangen (wobei es da auch Logiklöcher gibt, ohne Frage). Gerade bei dieser Moral gibt es 3 Probleme: der Himmel ist Kitsch, man braucht Fantasie und muss einiges selbst interpretieren.
Wenn ich euch erklären wollen würde, warum z. B. diese 3 angesprochenen Geheimnisse (Others, Special, Hatch) für mich nur teilweise unschlüssig sein, dann würde das wohl so aussehen:
-Die Others sind nur eine weitere Gruppe von unwissenden Menschen, die trotz ihrer langen Existenz auf der Insel noch immer nicht verstanden haben, warum sie dort gelandet sind. Sie sind somit wie die Losties, sie suchen nach den falschen Dingen und nur die, die verstehen wollen, wonach sie eigentlich suchen, tragen zu einem guten Ende bei - für sich, für die Insel, für andere. Die Others spiegeln somit die Geschichte der Losties wieder, nur dass es in deren Fall deutlich schneller ging, bis sie erkannten, wohin der Weg gehen muss.
-Special: reden wir nicht lange herum, Walt war ein Witz, der letztendlich damit erklärt wurde, dass der Schauspieler blitzschnell gewachsen ist und somit nicht mehr ins Bild passte. Wäre man anders an die Sache herangegangen, könnte man heute erklären, dass jeder Lostie besonders war. Man könnte tatsächlich sagen, "Special" bedeutet, dass sie alle fehlerhaft waren, weil sie für die falsche Sache kämpften (Rache, Irrglaube an Unglück, fix people usw.) und wer fehlerhaft war, wurde von Jacob als Candidate auf die Insel geschickt. Macht aber wenig Sinn - so viel Fantasie und Interpretation grenzt tatsächlich an "Betriebsblindheit" (nein, ich sag jetzt nicht Fanboyismus ♦).
-Hatch: Das ist für mich ein Thema, das man unbedingt für sich selbst interpretieren sollte. Klar fehlt uns die Erklärung, dass die Swan Station selbst herbeigeführt hat, wovor sie schützen sollte - was meiner Meinung eine sinnvolle Erklärung wäre, mit der man leben könnte.
*Die Swan Station half Hurley dabei loszulassen und statt dem ständigen Glaube an Unglück für Erheiterung zu sorgen - die Schlüsselszene wurde durch sein Gewichtsproblem herbeigeführt (isst wie in Trance, erschafft sich einen imaginären Freund zur Unterstützung, glaubt die Zahlen sind Schuld -> Libby/Liebe führt ihn wieder auf den richtigen Weg und er nahm einige Dinge in seine Hände). Davor hatte Hurley schon lichte Momente (Golf), war aber noch nicht bereit, er musste quasi erst in Versuchung geführt werden.
*Sie half Jack dabei, auf den richtigen Weg zu finden, nämlich nicht alles in die eigene Hand zu nehmen und damit aufzuhören, alles pragmatisch zu sehen. Es ging nicht darum mit Locke die ersten Schichten zu machen, sondern daran erinnert zu werden, dass man auch mal loslassen kann, dass auch andere Dinge "fixen" können.
*Locke merkte, dass es sinnlos ist, blind an eine tiefere Bedeutung zu glauben, dass es auf diesem Weg auch Stolpersteine gibt, so heilbringend sie auch auf dem ersten Blick aussehen. Dass Locke letztendlich aber vom MIB hinters Licht geführt wird, scheint inkonsequent - Locke scheint tatsächlich nur ein "sucker" gewesen zu sein. Dafür hatte er aber später enormen Einfluss auf Jacks Selbstfindung und hat vielleicht in seinem offenbar sinnlosen Tod seinen eigentlichen Sinn gefunden. (wirkt aber trotzdem etwas inkonsequent)
*Auch Desmond hat durch den Swan erfahren, warum er auf der Insel gebraucht wurde, warum es so wichtig war, die Zahlen so lange einzutippen. Ich denke es ist offensichtlich, was ich damit meine.
Im Fall von Locke und Hurley scheint die Hatch quasi der Garten Eden gewesen zu sein - so viele Versuchungen (Hurley-Zahlen, Hurley-Essen, Locke-Hoffnung) die sie in alte Muster verfallen ließen.
Vielleicht verstehen manche jetzt auch besser, warum die sogenannten Fanboys oft sagen, bei Lost ging es immer nur um die Charaktere. Zumindest am Anfang haben einige Geheimnisse viele Eigenschaften unserer Charaktere reflektiert und ihnen geholfen ihre Geschichte voranzutreiben und damit auch die der Insel/der Welt.
Falls jemandem noch weitere Geheimnisse einfallen, die offenbar wichtig waren, kann er die ja gern noch posten. Ich würde gern mal sehen, welche Interpretationsmöglichkeiten es da noch gibt.
Edit: Fast vergessen, noch was zum Afterlife...
Geht es nur mir so oder macht es überhaupt keinen Sinn, dass existierende Menschen dort sterben? Keamy z. B. Heißt das, dass er vom Afterlife in die Hölle kam? Oder war er nur eine Verbindung (Proxy) für Sayid, Jin und Sun und gar nicht real? Und wenn dem so ist: Ist dieses Afterlife doch nur ein Platz das nur von den Losties (+Christian) erschaffen wurde und andere Gruppen/Menschen erschaffen sich ein weiteres, in dem z. B. auch Jack vorkommt, obwohl er schon losgelassen hat? Naja, man sollte sich vielleicht nicht so viele Gedanken darüber machen.