Ich habe mich mal dazu entschlossen meine technischen Screens hier zu teilen, da es unter Freunden und Tradern die so ziemlich häufigste Frage ist. "Wie findest du deine Setups?"
Der Ansatz hat sich im Laufe Zeit immer ein klein wenig geändert bis letztendlich nun ein festes Konzept steht, welches ich live im Einsatz habe.
Wer hier eine magische Formel erwartet, die euch jeden Tag eine Handvoll Gewinner ausspuckt: Stop reading here! Ihr tut euch damit einen Gefallen.
Allgemeines vorab:
Ich nutze zum scannen meine TC2000 Chart Software, werde euch aber so gut es geht die Scans auch mit kostenloser Software verlinken.
Die fundamentale Vorgehensweise kann ich hier nicht allgemein und pauschal formulieren, deshalb der Fokus auf die rein technischen Trading Scans. Nur so viel sei gesagt: Fundamental achte ich besonders auf Growth Benchmarks/Kennzahlen. Einen recht ähnlichen Ansatz verfolgt z.B. die CANSLIM Methode. Kann sich der ein oder andere ja mal ansehen. Länger als ein paar Wochen behalte ich die Werte dort allerdings auch nicht. Ich war, bin und werde nie ein Investor sein. Dafür liebe ich Momentum viel zu sehr. :-)
Kommen wir zum eigentlichen Thema des Posts...ich verfolge einen Ansatz aus drei verschiedenen technischen Strategien.
- Swing Scalping
- Intraday Momos
- Options Sweeps
Das Ganze ist ein Mix zwischen meinen eigenen Ansätzen und einem mir bekannten Ex Trader von Merrill Lynch, der mittlerweile privat hauptberuflich tradet und in dessen "Tradergruppe" (in der noch ein paar andere Ex Broker/Ex Prop Trader sind) ich mittlerweile bin. War mehr oder weniger Zufall und ich bin unendlich dankbar und glücklich ein Teil davon sein zu dürfen.
Letztendlich haben aber alle 3 Ansätze eine Gemeinsamkeit: Volumen und Order Flow.
1. Swing Scalping
Klingt komisch, ist aber so.
Idee dahinter ist recht simpel. Auf Daily Charts nach Setups suchen, Pivot Points ausmachen (also genau definierte Marken) und diese Intraday im Minutenchart handeln. Nach einem erfolgreichen Scalp lasse ich mir dann die Möglichkeit offen den Trade so anzupassen, dass ich diesen als Swing Trade für einige Tage weiterlaufen lasse. Daher der Name „Swing Scalping“. Auf diese Art und Weise kann ich meine Stärken im Daily Charts Scanning und Intraday Momentum kombinieren und habe zusätzlich die Chance auch größere Moves mitzunehmen, wenn sich welche ergeben.
Ich habe hierbei drei Hauptsetups:
- Breakouts
- Unusual Volume
- Reversals
1.1 Allgemeines
Bei allen drei Setups nutze ich den nackten Chart mit Volumen und keinerlei Indikatoren. Die kann man eventuell hinzuziehen, wenn die generelle Price Action im Chart stimmt. Alleine auf Basis von Indikatoren bewerte ich keinen Chart und ich kenne auch keinen erfolgreichen Trader der das tut. Warum diese Methodik im Retail Bereich so beliebt ist weiß ich nicht...liegt wohl daran, dass es viel simpler ist ein paar Linien zu betrachten als einen Chart in seiner Gesamtstruktur zu beurteilen.
Generell gilt beim Scanning: Augen auf und Aufmerksamkeit!
Es ist immer wieder der Fall, dass bestimmte Branchen herausstechen. Diese kann man im Anschluss nochmal extra komplett durchscannen. Stichwort Sektor Rotation.
Sofern ich aktiv im Trading bin mache ich diese Routine täglich. Da mir pro Chart mittlerweile ein kurzer Blick reicht geht das trotz der Masse an Charts auch recht zügig. Je nach Tag zwischen 30 und 60 Minuten...länger wirklich sehr selten. Diese Arbeit bleibt einem nicht erspart und kein Scanner dieser Welt wird euch diese abnehmen. Viele suchen ihr Leben lang nach einem magischen Scan und verschwenden damit ihre Zeit. Es gibt ihn nicht...es ist am Ende einfach Arbeit.
1.2 Breakouts
Automatisierter Scan:
Avg. Volume > 100-300k (je nach Vorliebe oder Marktlage)
Today up
0-10% under 20 day high
http://finviz.com/screener.ashx?v=211&f=sh_avgvol_o100,ta_highlow20d_b0to10h,ta_perf_dup&ft=4&ta=0&r=1
Das wars...so ein Scan spuckt täglich um die 1000 Charts aus. Der Rest ist manuell, kein automatischer Scan ersetzt das menschliche Auge. Scans sind in der Regel darauf getrimmt bereits entstandene Formationen oder Ausbrüche zu finden, aber das hilft uns als Trader recht wenig oder? Wir wollen den Wert ja auf der WL haben noch bevor der eigentliche Breakout passiert. Ich achte hier besonders auf ansteigendes Volumen, d.h. der Preis folgt dem Volumen bzw. umgekehrt. Preisanstiege unter normalen oder schwachen Volumen sind in der Regel nicht besonders nachhaltig.
Horizontale Marken mit sind mir hier viel lieber als Trendlinien und das hat auch einen guten Grund. Trendlinien haben nur eine „kosmetische“ Bedeutung, d.h. sie funktionieren, wenn sie möglichst viele Akteure im Markt beachten. Bei horizontalen Marken ist das anders. Diese entstehen aus der realen Preis Positionierung der Markteilnehmer. Wenn die Marken brechen entstehen größere Schieflagen bei den Marktteilnehmern, daraus resultiert potenziell hohes Momentum. Deshalb gewichte ich jüngere Marken wesentlich höher als Preismarken von vor 5-10 Jahren...diese haben wieder „nur“ den psychologischen Faktor, denn wirklich offene Orders liegen da selten um.
Generell gilt: No trigger, no trade. Kann also schonmal passieren, dass von 20 gefunden Ausbruchs Szenarien nur vier aufgehen und daraus sogar nur zwei Trades entstehen. Ist am Ende auch egal...es geht nicht darum, dass möglichst viele Szenarien triggern, sondern dass erfolgreiche Trades dabei herausspringen. Das unterscheidet einen Trader von einem Technischen Analysten ala Godemode Trader, die sich hinterher für aufgegangene Analysen feiern lassen....brotlose Kunst.
1.3 Unusual Volume
Automatisierter Scan:
Avg. Volume > 100-300k (je nach Vorliebe oder Marktlage)
Relative Volume > 3
http://finviz.com/screener.ashx?v=211&f=sh_avgvol_o100,sh_relvol_o3&ft=4&ta=0
Sollte selbsterklärend sein...hohes Volumen = hohes Interesse der Händler am Markt. Es gilt das gleiche wie bei den Breakouts...Rest ist Handarbeit.
1.4 Reversal
Hammer: ![as0,20,tv_gt_40000]![wp_eq_1]&report=predefall"]Klick
Dragonfly: ![as0,20,tv_gt_40000]![wm_eq_1]&report=predefall"]Klick
Alle beide lassen sich sehr gut mit automatisierten Scannern finden.
Bedingung 1: Hohes Volumen bei der Reversal Kerze (Selling Climax)
Bedingung 2: Entry über dem Hoch der Reversal Kerze, SL exakt darunter
2. Momos
Idee: Es wird nach sehr starken relativen Volumen gescannt und Intraday auf dem 5 Minuten Chart getradet. Das ist der Scan für die Intraday Momentum Monster.
Oft sind das Gappers oder sehr starke Anstiege direkt nach dem Opening unter sehr hohen Volumen. Hier sollte sich dann irgendwann eine schöne Korrektur bilden, die unter wesentlich niedrigeren Volumen stattfindet. Anschließend business as usual für jeden mit ein wenig Trading Erfahrung. Es wird der Ausbruch aus der bullischen Konsolidierung getradet, welche im besten Fall wieder mit steigenden Volumen verbunden ist. Marken aus anderen Zeitebenen werden hierbei weniger beachtet, außer sie stechen brutal ins Auge. Es ist alles aufs kurzfristige Handeln ausgelegt...schnell rein, schnell raus. Da interessiert mich kein Daily EMA200 oder sonstiges.
Empfehlenswert: Die Werte sollten einen Katalysator haben warum sie eigentlich derart anspringen. News, Earnings, FDA etc. Erfahrungsgemäß funktionieren diese am besten.
5 Minuten Chart Settings:
Candlesticks + Volumen
VWAP
EMA10 + EMA20
Scan:
Today up
Current volume > 100k-300k (Je nach Vorliebe und Uhrzeit)
Relative Volume > 3-5
http://finviz.com/screener.ashx?v=411&f=sh_curvol_o100,sh_relvol_o5,ta_perf_dup&ft=4
3. Option Sweeps
Der wohl komplizierteste Teil und in der Öffentlichkeit kaum bekannt. Zumindest stelle ich das bisher immer wieder fest.
Kurz und bündig erklärt: Eine Intermarket Sweep Order (ISO) ist eine digitale Umgehung der Rule 611 NMS Regulation. Institutionelle Marker Makers können mittels ISOs ihre Order in viele kleine Stücke teilen zu den Preisen die nötig sind um diese zu fillen. Sie „sweepen“ die Order also einmal um den kompletten Markt.
Ein Option Sweep ist also auch eine Order, die gestückelt wird. Die meisten wissen gar nicht, dass es zahlreiche Exchanges gibt und nicht nur die bekannten aus den Medien.
Warum tun Marktteilnehmer so etwas? Sie wollen so viel wie möglich von den Stücken haben und agieren dabei möglichst aggressiv. Diese Aggressivität lässt sich nutzen.
Es gibt verschiedene Programme mit denen man Option Sweeps identifizieren kann, billig ist keins davon. Kostenlos gibt es sowas überhaupt nicht....hier gibt es nur die üblichen „Unusual Option Volume in xyz“ Scanner, aber das ist wieder etwas ganz anderes. Nur weil großes Volumen da ist heißt das ja noch nicht, dass das möglichst aggressiv passiert. Hierfür werden per Algo noch ganz andere Parameter beachtet, die ich hier glaube ich gar nicht teilen darf ohne in potenzielle Schwierigkeiten zu kommen. Das Zeug wird gehütet mit einer hohen Pay Wall, oft von Ex HFT Programmierer betrieben (oder in Kooperation) und ich geh da kein Risiko ein.
Letztendlich haben diese Sweeps ein großes Ziel: Order Flow, Order Flow, Order Flow. Man möchte Umschichtungen oder Positionierungen von Smart Money möglichst früh erkennen. Dabei spielt es gar keine Rolle ob das nun ein Trade oder nur ein Hedge ist. Wichtig ist wie oben geschrieben nur eines: Die Aggressivität wie diese Order in den Markt gegeben wurde. Irgendjemand will die Teile um jeden Preis und das möglichst schnell. Die genauen Beweggründe wird man nie herausfinden, aber sowas bewegt den Preis und dient auch sehr gut zur Sentimentanalyse.
Traden kann man diese Sweeps auf zwei unterschiedliche Arten und hier kommt das entscheidende: Man tradet nicht die Option, sondern das Underlying. Entweder man versucht direkt bei einem großen aggressiven Call in den Wert reinzukommen (mit knappen SL) und nimmt das Momentum direkt mit oder man wählt einen ähnlichen Ansatz wie bei den Momos...sprich nach großen Volumen samt Anstieg auf die Konso warten und den Breakout dort traden.
Meine Regeln für die Sweeps:
- Keine Werte, die am vorherigen oder nächsten Tag Earnings/FDAs haben
- Keine „Household Names“ wie Facebook, Amazon, Alibaba etc., sondern eher die Small und Mid Caps (gilt bei mir generell...ich trade ungern die bekannten Namen, da ist zu viel Lärm)
4. Level 2 / Market Depth
Bei allen Ansätzen trade ich mit Hilfe von Level 2 Daten. Was das genau ist und wie es funktioniert könnt ihr im Internet finden. Dazu gibt es eine Menge Anleitungen.
Worauf ich achte: An der Preismarke des Einstiegs, z.B. bei einem Breakout, sehe ich ganz gerne große Orders im Ask. Viele würden das nun bärisch deuten, wenn dort große Verkaufsorders liegen. Es geht mir hierbei aber um das Verhalten der Aktie in diesem Bereich. Schreckt man vor der Order zurück oder bleibt man konstant auf dem Niveau? Wie entwickelt sich der Flow? Stichwort Times and Sales usw...wenn relative Stärke im dem Wert vorhanden ist nimmt der Markt die Orders einfach mit und springt mit großen Momentum über den Widerstand. Bei dem Thema braucht es ein wenig Übung und Erfahrung...es schadet auch nicht das ganze von jemanden zu lernen, der das bereits über 10 Jahre lang macht. Der weiß unter Umständen auch wie die verschiedenen Market Maker agieren und wie sie Orders abarbeiten. In Zeiten von HF Trading ein brutal komplexes Thema und ich stehe hier selbst noch am Anfang des Weges.
Wall of Text hat nun ein Ende....wünsche euch ein schönes Wochenende und hoffentlich habe ich das einigermaßen verständlich geschrieben.