GTO-Pokertheorie: Der Dunning-Kruger-Effekt
Warum denken gerade die schlechtesten Spieler manchmal, dass sie eigentlich zu den besten gehören? Der Dunning-Kruger-Effekt ist schuld.
Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Von allen kognitiven Verzerrungen, die auch beim Poker relevant sind, hat der Dunning-Kruger-Effekt das Potenzial am bedeutendsten zu sein. Auf praktisch perfekte Weise erklärt er dabei, warum Poker überhaupt so populär und gleichzeitig profitabel ist.
Die systematisch fehlerhafte Neigung hat ihren Namen von den beiden Wissenschaftlern David Dunning und Justin Kruger erhalten. Es handelt sich dabei um eine kognitive Verzerrung, bei der inkompetente Menschen das eigene Wissen und Können überschätzen, während die Kompetenz anderer Menschen unterschätzt wird. Grund dafür ist ein Mangel an Befähigung, das Ausmaß der eigenen Inkompetenz überhaupt zu realisieren. Simpel ausgedrückt: Jemand ist dermaßen schlecht, dass er gar nicht erkennen kann, wie schlecht er eigentlich ist.
Die anfänglichen Tests, die Dunning und Kruger dabei durchführten, umfassten unter anderem ein Quiz zum Allgemeinwissen, bei dem die Teilnehmer, die am schlechtesten abschnitten, die eigene Leistung deutlich besser einschätzten als die der eigentlich am erfolgreichsten. Selbst nachdem man sie mit den richtigen Antworten konfrontierte, änderte sich diese Einschätzung nicht. In der freien Natur kann man das Phänomen wahrscheinlich am häufigsten bei den gängigen Casting- und Talentshows beobachten, wenn die ersten Bewerber häufig dermaßen schlecht sind, dass sie das Warum dafür nicht im Ansatz erkennen und stattdessen überzeugt sind, hochtalentiert zu sein.
Wer hat nicht schon einmal mit jemandem zusammengearbeitet, der absolut grottige Leistung in seinem Job geliefert hat, aber dennoch der Meinung war, der gesamte Laden würde ohne ihn auseinanderfallen? Das ist der Dunning-Kruger-Effekt in Aktion. Man ist schlichtweg dermaßen unqualifiziert, eine bestimmte Tätigkeit auszuführen, dass eine kritische Einschätzung der eigenen Leistung überhaupt nicht möglich ist. Ironischerweise stellt sich bei hochqualifizierten Menschen manchmal das genaue Gegenteil ein: Minimale Fehler sind einem dermaßen bewusst, dass man überzeugt davon ist, man würde einen schlechten Job machen – auch bekannt als das sogenannte Hochstapler-Syndrom.
Warum Poker profitabel und beliebt ist
Der Dunning-Kruger-Effekt ist eine kognitive Verzerrung, die man als Pokerspieler auf jeden Fall auf dem Schirm haben sollte, und die meisten von uns sind ihm schon einmal zum Opfer gefallen. Poker ist ein Spiel mit unvollständigen Informationen. Man muss stets Lösungen finden für Situationen, in denen man etwas Bestimmtes schlichtweg nicht weiß. Da es jedoch so viele unbekannte Variablen gibt und die Varianz vor allem kurzfristig einen enormen Einfluss auf Ergebnisse haben kann, läuft man aufgrund des Informationsmangels schnell Gefahr, dass man sämtliche Gewinne auf überlegenen Skill statt reines Glück zurückführt.
Um den Effekt bei sich festzustellen, muss man nur einmal einen Blick zurück auf die Art und Weise werfen, wie man Hände zu Beginn der eigenen Pokerkarriere gespielt hat. Liegen Jahre an Erfahrung dazwischen, wird man vermutlich zusammenzucken, wenn man sich eben jene Plays heute noch einmal anschaut. Zur damaligen Zeit war man wahrscheinlich aber derart von seinem Spiel überzeugt, dass man schlichtweg dachte, man hätte die Gegner dominiert hat und verfüge über ein riesiges Talent, was übermenschliche Soulreads betrifft. In diesem Zusammenhang fällt einem sofort die Videoserie von Lex Veldhuis bei YouTube ein, bei der einen Blick auf ein paar Hände geworfen hat, die er vor mehr als 10 Jahren gespielt hatte:
Der Dunning-Kruger-Effekt erklärt so auch die Popularität von Poker – ein Spiel, das man bekanntlich in wenigen Minuten erlernen, aber erst nach einem ganzen Leben tatsächlich meistern kann. Bei einem Spiel wie Schach fällt der Einstieg deutlich schwerer und in der überwiegenden Mehrheit der Fälle wird sich immer der bessere Spieler durchsetzen. Beim Poker kann ein Neueinsteiger die Regeln in wenigen Minuten verstehen und mit dem nötigen Glück kurzfristig sogar die besten Spieler der Welt schlagen. Als Spieler sollte man daher dem Pokergott für den Dunning-Kruger-Effekt danken, denn genau dieser sorgt dafür, dass Menschen Partien spielen, in denen sie vom Niveau her eigentlich nichts verloren haben.
Der wichtigste Aspekt vom Dunning-Kruger-Effekt ist aber wohl, dass er jederzeit einen Einfluss haben kann, ohne dass es einem bewusst ist. Entsprechend sollte man wohl grundsätzlich in seinem Leben annehmen, dass man nie alle Antworten kennen kann, egal worum es geht, und stets auf den Input von Leuten achten, die vermutlich bereits über mehr Wissen in einem bestimmten Bereich verfügen.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?
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