Review von Batzmann von fünffilmfreunde...und er triffts wie ich finde!
Batzmann
Natürlich hängen an einem Film, der über 10 Jahre immer wieder beworben, angeteasert und in Interviews besprochen wird, gewisse Erwartungen. Umso mehr, wenn sie von dem Mann geschürt werden, der den wohl besten Actionfilm der 90er Jahre gedreht hat: James Cameron hat mit Terminator 2 – Tag der Abrechnung einen Meilenstein abgeliefert, der dramaturgisch, stilistisch und mit seinen bahnbrechenden Spezialeffekten Publikum und Kritiker zurecht begeisterte und auch heute noch beeindruckend ist.
In Interviews erzählte Cameron immer wieder, dass er die Story schon 1994 geschrieben habe, aber erst jetzt umsetzen könne. Er habe gewartet, bis die Technik mit seinen Visionen mithalten konnte. In weiteren Anfällen akuter Bescheidenheit beschrieb er Avatar als den Film, der das Kino revolutionieren und die 3D-Technik auf ein völlig neues Level heben würde. Zu sehen bekäme das Publikum photorealistische Bilder, die nicht mehr von tatsächlich gefilmten Landschaften und Schauspielern zu unterscheiden wären. Die Fangemeinde erbebte vor Erregung. Harry Knowles soll angeblich spontane Orgasmen erlebt haben, wenn er nur das Wort Avatar hörte.
Dann kam der erste Trailer. Und die Filmwelt sagte: WTF? Schlumpfblaue Katzen hopsten durch den Dschungel, die Story klang nach Winnetous Rückkehr und selbst Adolf Hitler war alles andere als amüsiert. Schlimmer noch: Der Film wurde nicht als Actionspektakel des T2-Machers beworben, sondern als “Vom Regisseur von Titanic”. Und Cameron, der aber sowas von im Einklang mit seiner femininen Seite ist, wird nicht müde in Interview zu betonen, er habe ein Chick-Flick gedreht. Ein gefühlvolles Werk. Einen 300 Millionen Dollar Frauenfilm. Mit wichtiger ökologischer und spiritueller Botschaft.
Wenn jetzt noch Celine Dion singt, wäre das wirklich ein Grund sich zu erschießen. Der Film ist letztlich eine filmische Lavalampe mit Greenpeace-Sticker
Nach einer zehnjährigen Schwangerschaft mit schreiend lauten Geburtswehen, in denen wir versprochen bekamen, dass Cameron das schönste, brillanteste und intelligenteste Baby des Planeten auf die Welt bringen würde, entpuppt sich das Kind als Bastard von Kevin Costner und Shrek. Oder Winnetou und Nemo. Oder Pocahontas und Ferngully – die Vergleiche sind vielfältig, kreisen aber im Grunde alle um denselben Kern: Eine ausgenudelte Story wird mit State of the Art-Technik aufgepimpt bis die Gladiolen glühen.
Inhaltlich wird dabei ekligster Ethnokitsch verhandelt, dessen brachiale Holzhammermetaphorik und süßliche Kitschoptik an Leute appelliert, die ihr Geld freiwillig für Indianer-Häuptlingszitat-Poster, Fantasyplakate mit galoppierenden Einhörnern, vor dem Mond springende Delphine, traurige Harlekine, Panthergipsbüsten, Traumfänger, Räucherkerzen und Walgesangs-CDs ausgeben.
Keine Idee ist neu, kein Gefühl ist echt. Avatar bietet Instant-Gefühl. Instant-Messages. Instant-Philosophie. Herunterdestiliert auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, damit auch der dümmste Zuschauer nicht überfordert wird oder ernstlich nachdenken muss. Filmischer Babybrei, der vorgekaut und vorverdaut nur noch den optischen Flash abliefern will. Das das ganze zudem inhaltlich noch verdammt nah am letztjährigen Flop “Battle for Terra” dran ist (der seit 1999 produziert wurde), lässt den Brei noch schaler schmecken.
Cameron – der schon 1994 zu Protokoll gab, er habe die Geschichte aus allem zusammengeschrieben, was er als Kind toll fand – jongliert dabei ungelenk mit Versatzstücken von Romantik, Indianerfilm und Kolonialismuskritik und degradiert sie dabei zu Abziehbildern. Seine Botschaft geht nicht tiefer als: Eingeborene für Öl totmachen und Bäume umhauen ist irgendwie nicht so gut, weißt du? Jede Folge von “Captain Planet and the Planeteers” servierte ihre Botschaften subtiler. Die Botschaften des Films, die Anspielungen auf reale Ereignisse, auf 9/11, Vietnamkrieg, die Eroberung Ameriks und Afrikas und den War on Terror – das alles ist noch ungeschickter eingeflochten, als es Lucas in Episode III versuchte. Die Figuren sind Abziehbilder ohne einen Hauch von Tiefgang, selbst Sigourney Weaver (die auch den beeindruckensten Avatar ihr eigen nennen darf), ist obwohl sie mit die interessanteste Figur des Films abgibt, unmotiviert und eindimensional.
Nuancen, Wendungen, Zwischentöne – die Finessen guten epischen Geschichtenerzählens – ein Charakter von der Vielschichtigkeit eines Gollum, der Ambivalenz eines Doctor Manhattan (oder auch nur eines Wolverine) – das alles versagt sich Avatar. Gut und böse sind von der ersten Sekunde klar getrennt und wer nach 15min (oder Ansicht des Trailers) nicht genau weiß wie die Story ablaufen wird, hat vermutlich gepennt als das Stammhirn verteilt wurde.
Als fanatischer Technikapologet, der er ist, wirkt auch Camerons Hohelied auf den Einklang mit der Natur doppelt verlogen. Denn mit irgendeiner Form von Natur hat diese absolut digitale und digital-aussehende, aseptische Scheinwelt mal so gar nichts zu tun. Alles ist überperfekt, jeder Grashalm, jedes Staubkorn, jeder Nachtfalter möchte das schönste Element im Bild sein. Dabei erreicht der Film technisch sicherlich neue Höhen was die Detailfreude angeht, doch gleichzeitig ermüdet die vom Bild eingeforderte Ehrfurcht vor dem Machbaren auf Dauer ganz gewaltig. Cameron und seine Crew gehen nicht souverän und beiläufüg mit dem Planeten um, sondern wollen zeigen was sie geleistet haben. Deswegen sind Bilder oft durchgängig scharf, vom vom Vordergrund bis zum letzten Leuchtbusch im Background. Immer ist die Lichtkomposition perfekt, immer ist alles so wunder- wunder-wunderschön.
Doch Perfektion wirkt im Exzess steril und abstoßend. Die Realität hat immer Fehler, Gebrauchsspuren, Anzeichen von Verfall. Die wahre Faszination der Realität und auch der ja angeblich von Cameron zelebrierten Natur ist eben, dass sie nicht aussieht wie aus einem Hochglanzprospekt, dass sie Ecken und Kanten hat und nicht zehnmal durch Photoshop geschubst wurde. Eine Welt ohne Fehler, in ewiger Harmonie – bei der jeder Schritt von Leuchtspuren begleitet wird wie auf der Tanzfläche einer 70er Jahre-Disco – mit so verklärt dargestellten Aushilfsnaiven, die nur aus Postkartenmotiven besteht, ist für mich eine Horrrorvorstellung, deren Bombadierung ich nur begrüße.
Kein Wunder, dass alles in dieser plastinierten Kitschwelt seinen eigenen USB-Anschluss hat. Von den glimmernden Duftbäumchen bis zu den Flugechsen, die in dieser “Der mit dem Wolf tanzt”-Variante die zu zähmenden Wildpferde ersetzen. Unser Held kann sich mit allem zusammenschließen und Datenaustausch betreiben, denn die Wunder von Pandora sind natürlich elektrischer Natur.
Die viel gerühmte 3D-Technik bleibt leider ebenfalls hinter den Erwartungen zurück. Zumindest, die versprochene Revolution bleibt aus. Sie ist – wie RealD heute fast immer – ganz ordentlich und Meilen besser als die früheren Verfahren. Wirklich gut und plastisch funktioniert sie aber nur in den wenigen real gedrehten Szenen im Camp der Marines oder wenn Worthintgton seine Video-Diarys aufnimmt. Der Renderdschungel bleibt bei allem Aufwand oft seltsam flach und wird in den hektischen Verfolgungsszenen auch gern mal unübersichtlich. Der gigantische Unterschied zu den anderen 3D-Werken, die wir in diesem Jahr bestaunen durften, ist allenfalls gradueller Natur. Ja es stimmt: Cameron schmeißt nicht ständig Steine in den Zuschauerraum um sein 3D zu beweisen, aber das haben “Oben” und “Coraline” auch nicht getan.
Erträglich wird das Ganze lediglich in der letzten halben Stunde, wenn Cameron seinem ganzen verlogenen Pazifistengesäusel entsagt und sich auf das konzentriert, was er kann: Krachende Action inszenieren. Der Kampf der Na’vi gegen die Marines bietet – auch wenn es nie realistisch aussieht – einige schicke Momente und lässt endlich mal Bewegung in die ob ihrer Schönheit in selbstvergessener Bewunderung erstarrte Story fahren. Frieden und Heititei mit Indianern ist ja schön und gut, aber letztlich muß irgendwas explodieren und es muß gekämpft und getötet werden. Das weiß auch Cameron, der Worthington gegen die eigene Rasse ins Feld ziehen lässt.
Wenn sich auch der Held mit den Ureinwohnern Pandoras verbündet, es bleibt das ungute Gefühl, dass hier wieder einmal der weiße Macher die dummen Kaffer in den Kampf führen muss, weil sie sich aus eigener Kraft nicht retten können. White Mans Burden, wie weiland im Lande Narnia. Wenn Worthington seine Motivationsrede hält und zum Kampf aufruft, weiß man nicht, ob er gleich “Wir sind Sparta!” oder “Wir kämpfen für unseren Independence Day” rufen wird.
Wären nicht Sigourney Weaver und der im Grunde erzsympathische Sam Worthington ab und an mal live zu sehen, es gäbe wenig, was die Saga um die Botoxkatzenmenschen erträglich machen würde. Deren differenzierte Mimik in den Realszenen ist es auch, die immer wieder vor Augen führt, wie künstlich und mimisch eingeschränkt die digitalen Wesen trotz des gewaltigen Fortschrittes immer noch sind. Zweifellos stellt Avatar einen neuen Meilenstein in der digitalen Animation dar. Aber trotzdem sieht ein Na’vi-Fuß der auf echte Kacheln tritt immer noch gerendert aus. Der Film bleibt eine Leistungsschau des derzeit machbaren und wird damit sicherlich auch viele überwältigen, doch wirklich originelle Bilder bietet er abseits der technischen Meriten leider kaum.
Der Terminator der durch die Gitter marschiert. Der T1000 der einen Mann und eine Milchtüte aufspießt. Die Alienqueen gegen den Powerloader. Das bebende Wasserglas aus Jurassic Park und der T-Rex der ins Auto guckt. Der Truck aus “Night Watch” der nen Airflip hinlegt. Die Wasserschlange aus Abyss. Gollums Selbstgespräch in LOTR2. Die Luftakrobaten-Nummer aus Coraline. Es gibt sie die wirklich funkelnden optischen Einfälle, die starken Bilder hinter denen eine geniale Idee steht. Avatar hat zwar tonnenweise hochdetaillierten Dschungel, Saurier, Affenwesen und Flugechsen zu bieten. Aufpoppende Farne und leuchtende Moose, aber mir fällt im Nachhinein nicht eine Szene ein, hinter denen wirklich eine so starke optische Idee stand, das sie mir als Einzelmoment im Gedächnis geblieben wäre.
Und falls mich die letzte halbe Stunde ein wenig mit der schwülstigen Langeweile und der halbgaren Erlösermetaphorik versöhnt hatte, so brachte mich das Finale von im Ethno-Singsang gruppenknuddelnden Na’vi dann endgültig dazu aufzuspringen und zu gehen, ehe die ersten Töne des furchtbaren Abspannsongs verklungen waren.
Vielleicht wird die von Camerons Crew mitentwickelte Technik schon bald einen wirklich großen Film hervorbringen. Das Potential dazu hat sie durchaus. Dazu braucht es dann aber auch jemanden, der genauso viel Zeit in sein Drehbuch steckt, wie in die Technik. Denn wenn diese Art von Bildern bald ganz gewöhnlich ist, kommt es wieder darauf an Geschichten zu erzählen. Zumindest wenn man der König der Welt sein möchte.