Ich komme aus der Ecke der klassischen Finanzierungstheorie und bin daher der Behavioral Finance immer etwas skeptisch, ihren Auswüchsen wie der Chartanalyse (wenn man diese mal wohlwollend zur Behavioral Finance zählt) eher belustigt gegenüber gestanden. Aus aktuellem Anlaß ( =)) habe ich mich heute nochmal etwas mit dem Thema Chartanalyse beschäftigt, um zu sehen, ob das vernichtende Urteil, das Autoren wie Samuelson oder Fama gefällt haben, durch aktuelle Studien etwa abgemildert werden kann.
Das Ziel der Chartanalyse ist ja im Kern, aus der Betrachtung von historischen Preisen (Kursen) auf die zukünftige Entwicklung der betrachteten Preise zu schließen. Dabei wird ein vielfältiges Instrumentarium eingesetzt, das von Trend- und Unterstützungslinien, Fraktalen hin zu Elliott-Wellen etc. reicht, um daraus Kauf- bzw. Verkaufsignale zu generieren, d.h. also Preisbewegungen vorherzusagen. Dabei geht es mir nicht um die Güte der eingesetzten Instrumente, sondern um deren Prognosefähigkeit überhaupt.
Im Endeffekt geht es dabei um die Frage, ob der Kapitalmarkt effizient ist oder nicht. Nun belegt aber nahezu jede empirische Studie zumindest die schwache Form der Informationseffizienz des Kapitalmarktes, viele sogar die halbstrenge Form. Bereits die schwache Form besagt, daß der Markt alle Informationen aus der vergangenen Preisentwicklung im aktuellen Preis verarbeitet hat. Der aktuelle Preis ist also bereits die beste Prognose für den zukünftigen Preis und - für unsere Zwecke wichtiger - Investitionsentscheidungen auf Basis eigener Analysen der Vergangenheit können demnach nicht besser sein als zufällige Investitionsentscheidungen.
Ich habe heute in meiner (allerdings beschränkten) Recherche keine Hinweise oder aktuelle Studien gefunden, die Gegenteiliges belegen. Ich denke daher, man kann Samuelsons Zitat auch nach knapp 50 Jahren noch so stehen lassen: "This means that there is no way of making an expected profit by extrapolating past changes in the futures prices, by chart or any other esoteric devices of magic or mathematics". 1
Die Behavioral Finance hat die klassische Finanzierungstheorie an vielen Ecken ergänzt und erweitert; aber m. E. eben nicht in Bezug auf die Chartanalyse. Mich würde interessieren, was Vertreter der Chartanalyse bzw. auf dieser basierender Investitionsstrategien ( ;)) dazu zu sagen haben.
1 Samuelson, Paul A., "Proof That Properly Anticipated Prices Fluctuate Randomly", in: Industrial Management Review, Vol. 6 (1965), No. 2, S. 44. Hervorhebung von mir. Das Zitat ist leicht aus dem Zusammenhang gerissen, denn auch über Samuelsons Random-Walk-Hypothese läßt sich trefflich streiten.