GTO-Pokertheorie: Die Red-Queen-Hypothese
Wer sich nicht anpassen kann, wird es immer schwieriger haben, überhaupt seine Position zu halten. Bei einem sich stets wandelnden Spiel wie Poker eine sehr wichtige Erkenntnis.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Die Red-Queen-Hypothese ist eine Theorie aus der Evolutionsbiologie, die insbesondere seit dem Digitalzeitalter immer häufiger auch in der Wirtschaft angewandt wird. Ihren Namen erhielt die Hypothese von der Roten Königin im Fortsetzungsroman zu Alice im Wunderland, die der Protagonistin erklärt: "Hierzulande musst du so schnell rennen, wie du kannst, wenn du am gleichen Fleck bleiben willst."
Die Theorie besagt, dass sich Organismen stetig anpassen und entwickeln müssen, um in einem umkämpften Lebensraum zu überleben und sich fortzupflanzen. Mit den Worten von Charles Darwin ausgedrückt: "Es ist nicht die stärkste Spezies, die überlebt, auch nicht die intelligenteste, sondern diejenige, die am besten auf Veränderungen reagiert."
Die Hypothese soll erklären, warum Arten auch bei bereits sehr langer Fortbestandsdauer jederzeit aussterben können, wenn sie sich nicht richtig an ihre Umwelt anpassen. Als Beispiel dient die übliche Räuber-Beute-Beziehung: Wenn eine Spezies seine Beute leicht finden und erlegen kann, wird sie für eine Weile aufblühen, bis die Beute praktisch ausgestorben ist und der Räuber selbst zu Tode hungert. Seit Anbeginn der Zeit sind viele Räuber-Beute-Beziehungen daher von wechselseitigem Einfluss auf die Überlebensfähigkeit der anderen Art geprägt. Der Räuber wird stärker, die Beute wird schneller, der Räuber wird intelligenter, die Beute lernt sich zu tarnen usw.
Netflix statt Blockbuster

In der Wirtschaft wird die Red-Queen-Hypothese sinnbildlich genutzt, um vor allem die großen technologischen Umwälzungen der jüngeren Vergangenheit und die damit verbundenen Konsequenzen zu erläutern. Die Lehre ist: Kein Geld der Welt und noch so viel Aufwand können ein Geschäft retten, das nicht mit der Zeit geht.
Als Paradebeispiel dafür dient der ehemalige Videothekenbetreiber Blockbuster, der in den USA Jahrzehnte lang eine prägende Rolle im Bereich Home-Entertainment gespielt hat. Mittlerweile dient das Unternehmen aber nur noch als abschreckendes Beispiel für verpasste Anpassung an ein verändertes Geschäftsumfeld. Im starken Gegensatz dazu steht der heutige Streaming-Gigant Netflix, der einst als Online-Verleih begann und seine DVDs noch auf dem Postweg zu den Kunden brachte, sich dann aber in rasantem Tempo an die neue Unterhaltungslandschaft angepasst hat und das Streaming von Filmen und Serien in den eigenen vier Wänden vollends etablieren konnte.
Auch auf individueller Ebene kann man ähnliche Entwicklungen beobachten. Die vorherige Generation ist zum Beispiel noch mit der Idee aufgewachsen, einen Job fürs Leben beim ersten Unternehmen zu finden, dem man sich nach erfolgreicher Ausbildung anschließt. Welch dramatische Folgen das für Angestellte haben kann, die aufgrund einer solchen Lebensplanung nie alternative Fähigkeiten entwickelt haben, kann man sich ja ausmalen, wenn eine ganze Branche vom technologischen Fortschritt ereilt wird.
Die Evolution von Poker

Der Bezug zu Poker sollte natürlich jedem schon klar sein. Das Spiel unterliegt im Laufe der Zeit einem ständigen Wandel und nur die Spieler, die sich am besten an Veränderungen anpassen, bleiben langfristig erfolgreich.
Dazu muss man sich nur den Einfluss von Online-Poker ansehen. Vor ein paar Jahren habe ich mal eine Dokumentation über etliche Top-Spieler aus der Zeit vor dem großen Pokerboom gesehen und als es um Strategien ging, war bei den meisten fast alles auf das Erkennen von körperlichen Tells ausgelegt. Online-Poker hat nicht nur dafür gesorgt, dass dieser Aspekt des Spiels seine Relevanz verlor, sondern sorgte durch die immer weiter verbreitete Nutzung von Konzepten wie Ranges, ICM, EV-Berechnungen, HUD-Stats und vielem mehr für eine tiefgreifende strategische Evolution im Spiel.
Viele der erfolgreichsten Spieler vor dem Boom haben die Zeit danach nicht an den Tischen überlebt, da sie ihr Spiel nicht anpassten. Mit zu viel Häme sollte man ihr Scheitern aber nicht betrachten, denn auch in der heutigen Zeit kann einen sehr schnell dasselbe Schicksal ereilen. Wer nutzt zum Beispiel regelmäßig Solver zur Verbesserung seines Spiels? Wie sieht es mit dem theoretischen Verständnis in Sachen GTO aus? Habt ihr euch schon mit den ICM-Anpassungen vertraut gemacht, die bei PKO-Turnieren fällig werden? Wenn ja, gute Arbeit und weiter am Ball bleiben! Denn es wird immer etwas Neues zu lernen geben.
Nicht nur strategisch, sondern auch im Bereich der Pokerökologie gab es über die Jahre tiefgreifende Veränderungen. Vor nicht allzu langer Zeit machten die meisten Spieler noch ihr Geld, indem sie ein hohes Spielvolumen abspulten, was mit lukrativen VIP-Prämien belohnt wurde. Die meisten Anbieter haben ihre VIP-Systeme jedoch grundlegend überarbeitet, sodass das Grinden von vielen Händen mit nur wenig Mehrwert dem Dasein eines Geschäfts gleichkommt, dass deutlich mehr investiert, um lediglich seine Position zu halten. Wer normale Cashgames auf NL200 spielt, während sich die breite Masse auf die Zoom-Tische stürzt, kann ebenso in Bedrängnis kommen wie jemand, der mit HU-SNGs sein Geld macht, während Hobbyspieler sich durch die Aussicht auf einen Jackpot hauptsächlich aber in Spins tummeln. Auch in diesen Fällen gilt es seine Ausrichtung regelmäßig zu hinterfragen und falls erforderlich anzupassen.
Wer einen Blick in die Pokerforen wirft, wird darin immer wieder auf Leute treffen, die sich seit Jahren beschweren, wie die Partien, die sie einst gespielt haben, mittlerweile zu tough oder völlig ausgetrocknet sind. Jede neue Änderung bei einem Anbieter wird mit Skepsis und Frust beäugt. Sich zu beschweren, wird jedoch nichts ändern. Das Einzige, was man als Spieler machen kann, ist sich anzupassen, um weiterhin eine Rolle zu spielen.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?
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