Wie spielst du shorthanded? (inkl. Chartsammlung)
Einleitung
In diesem Artikel
- Der Unterschied zu Fullring
- Das Open Raising Chart ORC und weitere Charts
Ein Pokerspiel gilt dann als shorthanded, wenn es zwischen 3 bis 6 Spielern ausgetragen wird. Die Strategie und die allgemeine Vorgehensweise im Vergleich zu Heads-up-Tischen mit zwei Spielern oder zu Fullring-Tischen mit mehr als 6 Spielern gestalten sich signifikant anders.
Insbesondere sind sie im Vergleich zu Fullring-Tischen aggressiver, Swings verstärken sich, da man mehr Hände spielt, aber auch die Gewinnmöglichkeiten steigen, da Shorthanded-Tische aufgrund der Action für viele schlechte Spieler sehr attraktiv sind.
Dieser Artikel gibt dir eine detaillierte Übersicht über die Änderungen in der Strategie, wenn du von Fullring auf Shorthanded umsteigst. Ähnlich den erweiterten Preflopcharts aus der Bronzesektion erhältst du neue Starthandtabellen, anhand derer du für verschiedene Preflopsituationen die passende Spielweise herausfinden kannst.
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Das ORC und weitere Preflop-Charts
Was unterscheidet Shorthanded von Fullring?
Weniger Spieler an einem Tisch zu haben, bringt natürlich einige Veränderungen mit sich.
Aufgrund der verminderten Spielerzahl musst du deutlich häufiger die Blinds bezahlen, was in direkter Konsequenz dazu führt, dass du nicht die Möglichkeit hast, nur auf sehr starke Starthände zu warten, bevor du überhaupt spielst. In wesentlich mehr Fällen als bei Fullring musst du bereit sein, Entscheidungen mit marginalen Händen zu treffen.
Bluffs und Semibluffs werden von dir und deinen Gegnern öfter eingesetzt, um auch Value aus diesen weniger starken Händen zu ziehen. So werden Hände, die im Fullring teilweise zu marginal erscheinen, jetzt an Value gewinnen, was das Bewerten deiner Hand am Flop auf eine neue Stufe hebt. Du musst lernen, öfter mit Situationen umzugehen, in denen du den Flop verfehlt hast und dennoch vorne liegst.
Aus dem ersten Punkt folgt, dass das Thema Blinddefense, die Verteidigung der Blinds, an Bedeutung gewinnt. Fühlst du dich in diesem Punkt noch nicht sicher, solltest du zuerst an deinem Spiel arbeiten, da du sonst viel Value liegen lassen kannst oder eventuell sogar verlierst.
Obige Punkte haben zur Folge, dass die Swings erheblich größer werden. 100 BB zu verlieren ist völlig normal, selbst 200 BB Verlust sind nicht außergewöhnlich. Deshalb sollte die Bankroll beim Limitaufstieg größer sein als beim Fullring-Spiel. 500 BB sind hierfür ein guter Richtwert. Außerdem solltest du dich psychologisch auf mögliche Downswings einstellen, denn sie werden mit Sicherheit irgendwann kommen.
Zum Thema Swings und Bankroll solltest du dir unbedingt den Artikel zum fortgeschrittenen Bankrollmanagement durchlesen und verinnerlichen:
Gehe zum Artikel: Bankrollmanagent für Fortgeschrittene
SH-Spiel hat aber auch wesentliche Vorteile. Es gibt viele zu loose Spieler, die nicht wissen, wie man die notwendige Aggression richtig einsetzt. Da eine Hand am 6er-Tisch im Durchschnitt natürlich weniger Zeit beansprucht als an einem 10er-Tisch, spielt man pro Zeiteinheit mehr Hände. Das ist schon per se interessanter und führt zu einem höheren Stundenlohn. Außerdem schlägt auch hier, wie so oft im Leben, die normative Kraft des Faktischen zu: Auf höheren Limits gibt es schlichtweg nur sehr wenig Fullring-Tische.
Da sich am Flop sehr häufig Heads-up-Situationen ergeben, muss man sich auch mit dieser Problematik auseinandersetzen. Hierfür gibt es zwei Artikel, zum einen Standardspielzüge gegen einen Gegner in der Bronzesektion und zum anderen Standardlines advanced aus der Goldsektion.
Standardspielzüge gegen einen Gegner
Das ORC und weitere Charts
Im Folgenden lernst du zunächst das Open Raising Chart (ORC) kennen. Es bildet die Grundlage für das Shorthanded-Spiel und ersetzt das SHC bzw. die erweiterten Preflopcharts aus der Bronzesektion.
Lade dir die Chartsammlung inkl. ORC als PDF-Datei herunter
Wie schon in den Fullring-Charts aus der Bronzesektion werden mehrere Spielsituationen unterschieden:
- Du bist first in
- Vor dir haben Spieler gelimpt
- Vor dir wurde einmal geraist
- Du verteidigst deinen Big Blind
- Vor dir wurde mehr als einmal geraist
Der einfachste Fall liegt vor, wenn du first in bist, wenn also alle Gegner vor dir gefoldet haben. In diesem Fall ist das die Tabelle „Open Raising Chart (ORC) – First In“ für die Wahl deiner Aktion ausschlaggebend.
Hier kommen alle Hände in Frage, die im Durchschnitt gegen die Gesamtheit an zufälligen Händen hinter dir, statistisch gesehen, profitabel sind. Also versucht man diesen Vorteil gleich durch ein Raise zu vergrößern. Du wirst also niemals einen so genannten „Openlimp“ machen.
Es sind jeweils die minimalen Hände gelistet, die man auf der entsprechenden Position spielen (also raisen) kann. Die Anwendung sieht dementsprechend wie folgt aus. Haben alle Spieler vor dir gefoldet, raist du mit sämtlichen, für deine aktuelle Position, gelisteten und den entsprechenden höherwertigen Händen.
Preflop: Hero is CO with Q
2 folds, Hero ?
Du schaust im Chart in der Spalte CO. Im Abschnitt „Suited Cards“ in der Zeile mit den Q-Händen steht Q8s. Das bedeutet, dass du mit jeder suited Queen ab Q8s erhöhst. Dazu gehört natürlich auch Q9s, weshalb du raist.
Bei der Konzeption des ORC ist auch berücksichtigt worden, dass es hinter dir noch starke Hände geben kann. Dies zeigt sich unter anderem daran, dass die unteren Grenzen der spielbaren Hände der vorderen Positionen wesentlich höher sind als die der hinteren.
Wie schon lang gelernt, vermeidest du, first in nur zu limpen. An 6er-Tischen ist die Gefahr noch wesentlich größer, durch ein Raise von stärkeren Händen isoliert zu werden, wonach die implied Odds ruiniert sind.
Haben vor dir Spieler gelimpt, dann ist das Chart "Aktionen gegen Limper" von Bedeutung. Auch hier sind wieder die unteren Grenzen der Handgruppen angegeben, mit denen du profitabel spielen kannst. Dabei wird auch nach der Anzahl der Limper unterschieden.
In diesem Chart ist es egal, ob du im Small Blind bist oder nicht. Das kommt daher, dass du im Small Blind zwar nur die Hälfte bezahlen musst, sich das aber mit dem Positionsnachteil ausgleicht. Wenn mehr als 2 Spieler Karten ausgeteilt bekommen, bist du im Small Blind immer out of Position gegen alle Spieler, was für das Postflopspiel einen nicht zu verachtenden Nachteil mit sich bringt.
Auch gegen einen Caller vor dir gilt das gleiche Prinzip. Es gibt also, abgesehen vom Big Blind, ebenfalls nur raise oder fold. Die Hände, die du raist, sind sowohl gegen die Gegner nach dir im Vorteil, als auch gegen die Hände, die dein Gegner hält.
Preflop: Hero is BU with J
MP2 folds, MP3 calls, CO folds, Hero ?
Du schaust du in die Spalte “1 Limper”. Im Abschnitt „Suited Cards“ in der Zeile der J-high-Hände findest du den Eintrag J9s. Also raist du mit JTs in dieser Situation.
Hier gilt das Prinzip, nur mit einem Raise in die Hand einzusteigen, nicht mehr. Die starken Hände werden natürlich immer noch geraist und mit nicht so starken, aber trotzdem spielbaren Händen solltest du limpen und dir den Flop ansehen.
In den Spalten „2 Limper“ und „3 Limper“ sind die beiden Fälle, dass zwei oder drei Spieler vor dir gelimpt haben, aufgeführt. Hier findest du jeweils zwei Spalten: Mit welchen Handgruppen du in der entsprechenden Situation raist und mit welchen du ebenfalls limpen kannst.
Preflop: Hero is SB with 6
MP2 folds, MP3 calls, CO folds, BU calls, Hero ?
Du hast 2 Limper und schaust daher unter „2 Limper“ zuerst in die Spalte „Raise“. In der Zeile „Pairs“ steht 88, was höher ist als 66. Also schaust du in die Spalte „Call“, wo du den Eintrag 44 findest, also completest du mit 66.
Wurde vor dir genau einmal geraist, sind für dich mehrere Charts von Interesse. Grob wird hier nur unterschieden, ob du im Big Blind bist oder nicht.
Wichtig: In all diesen Charts („Vor dir wurde genau einmal geraist“) ist die Positionsangabe eine andere. Hier bezieht sich die Position auf die des Raisers und nicht deine eigene.
In diesen Situationen helfen dir zwei Charts. Bei beiden Charts ist es egal, ob ein Spieler vor oder nach dem betreffenden Raise gecallt hat, also ob er gelimpt hat oder ob er das Raise coldgecallt hat.
Das Chart „Aktionen gegen 1 Raiser (und 1 Caller)“
In diesem Chart findest du alle Hände, mit denen du das Raise 3-betten kannst. Während es bei allen non-paired Starthänden egal ist, ob ein Spieler gecallt hat oder nicht, musst du bei Pocketpairs zusätzlich darauf achten und in der entsprechenden Zeile „ohne Call“ oder „mit Call“ nachschauen.
Das Chart „Aktionen gegen 1 Raise und mindestens 1 Call“
In diesem Chart kannst du nachschauen, mit welchen Händen du das Raise callst.
Preflop: Hero is BU with A
2 folds, CO raises, Hero ?
Du schaust in „Aktionen gegen 1 Raiser (und 1 Caller)“ in der Abteilung „CO“ in der Spalte „kein Blind“ nach. Im Abschnitt „Offsuited Cards“ steht bei A-high-Händen A8 gelistet. Du hältst A5, also foldest du.
Preflop: Hero is SB with T
MP2 folds, MP3 raises, CO folds, BU calls, Hero ?
Du schaust in „Aktionen gegen 1 Raiser (und 1 Caller)“ in der Abteilung „MP3“ in der Spalte „Small Blind“ nach. Da du einen zusätzlichen Caller hast, gehst du in die Zeile „mit Call“ und findest den Eintrag 99. Du kannst also 3-betten.
Preflop: Hero is CO with Q
MP2 raises, MP3 calls, Hero ?
Im Chart „Aktionen gegen 1 Raiser (und 1 Caller)“ in der Spalte „MP2“ findest du bei „Suited Cards“ keinen Eintrag für deine Hand. Du schaust also in den anderen Chart „Aktionen gegen 1 Raise und mindestens 1 Call“. Hier ist an der gleichen Position QTs gelistet, also callst du mit Q

Im SH-Spiel kommt es oft zu der Situation, dass man im SB oder BB sitzt und sich einem einzelnen Raiser gegenübersieht, weil alle anderen gefoldet haben. Wie man sich im SB zu verhält, geht aus den genannten Tabellen hervor und wurde oben bereits analysiert.
Im BB hat man den großen Vorteil, gegen das Raise nur 1 SB zahlen zu müssen, man hat also meistens (wenn das Raise nicht aus dem SB kam) 3,5:1 Pot Odds. Ein großer Nachteil ist allerdings, dass man für den Rest des Spiels out of Position ist.
Berücksichtigt man, dass der Raiser im SH-Spiel deutlich schwächer sein kann, als es noch für das SHC angenommen wurde, ist offensichtlich, dass die dort vorgeschlagene Blinddefense zu tight ist. Man würde zu viel Geld kampflos aufgeben.
Übrigens ist dies auch ein Teufelskreis. Denn Gegner, die beobachten, dass man seinen BB zu oft foldet, werden immer schwächere Hände raisen, um die Blinds zu stehlen, weil es für sie profitabel ist. Das heißt, die Blindverteidigung hat auch eine Bedeutung über die konkrete Hand hinaus. Sie signalisiert dem Gegner für die Zukunft: Überleg es dir, meinen Blind mit unzureichenden Händen zu stehlen! Ich leiste Widerstand.
Um in diesen Situationen korrekt zu reagieren, hast du das Chart „Big Blind Defense“. Auch hier gilt natürlich, dass man in der Spalte nachsehen muss, die die Position des Raisers angibt. Unterschieden wird dann zwischen den Händen, mit denen du ein Raise callst, und denen, mit denen du 3-bettest. Dazu einige Beispiele.
( „x/x“-Einträge -> Links minimale Hand für call, rechts minimale Hand für 3-bet)
Preflop: Hero is BB with 9
MP2 raises, 4 folds, Hero ?
In der Spalte “MP2” bei “Pairs” steht der Eintrag „22/TT“. Dabei gibt der linke Teil vom „/“ an, ab welcher Hand du das Raise mindestens callst. Der rechte Teil gibt an, ab welcher Hand du das Raise 3-bettest. Da der rechte Teil hier „TT“ ist, kannst du schon mal nicht 3-betten. Da aber im linken Teil „22“ steht, callst du das Raise mit 99.
(„…/A2s“-Einträge -> hier wird fold oder 3-bet gespielt)
Preflop: Hero is BB with A
4 folds, SB raises, Hero ?
In der Spalte „SB“ bei „Suited Cards“ steht in der A-high-Zeile der Eintrag „…/A2s“. Das bedeutet, dass du mit keiner suited Ace-Hand callst, sondern mit allen 3-bettest. Dementsprechend 3-bettest du mit A

(„x“-Einträge -> Hier wird niemals 3-bet gespielt, sondern die minimale Hand für einen Call angegeben)
Preflop: Hero is BB with J
3 folds, BU raises, SB folds, Hero ?
Schaust du in der Spalte “BU” in der Tabelle im Abschnitt „Offsuited Cards“ in der Zeile für J-high-Hände nach, findest du den Eintrag „J8“. Das bedeutet, dass du mit keiner J-high-Hand raist und ab „J8“ callst. Daher foldest du in dieser Situation J5.
Vielleicht verwundert es auf den ersten Blick, wie schlecht die Hände zum Teil sind, die verteidigt werden sollen. Dazu noch zwei Anmerkungen: Erstens musst du bedenken, dass du bereits 3,5:1 Pot Odds bekommst. Du musst also gar nicht 'so oft' gewinnen, damit die Verteidigung profitabel ist.
Zweitens solltest du dich unbedingt mit der korrekten Spielweise in der Situation 'Heads-up, Gegner hat Initiative, du bist out of Position' vertraut machen, die in folgendem Artikel dargestellt wird:
Gehe zum Artikel: Standardspielzüge gegen einen Gegner
Du musst dich daran gewöhnen, recht häufig am Flop zu check/folden, wenn du nichts trifft. Oft genug, nämlich in ca. 1/3 der Fälle, wirst du jedoch ein Paar oder einen spielbaren Draw treffen, mit denen du weiterspielen kannst.
Wurde vor dir geraist und ein weiterer Spieler reraist, dann gibt es für dich nur die Entscheidung, ein weiteres Mal zu raisen, also zu cappen, oder deine Hand zu folden. Mit welchen Händen du cappst, kannst Du dem Chart mit der Überschrift "Aktionen gegen Raise und Reraise" entnehmen.
Preflop: Hero is SB with 7
MP2 raises, 2 folds, BU 3-bets, Hero ?
Dieses Chart ist recht einfach zu lesen. Hier schaust Du in der Zeile „Pairs“ nach und findest den Eintrag „TT“. Da du selbst nur 77 hältst, foldest du.
Preflop: Hero is SB with J
MP2 raises, MP3 folds, CO 3-bets, BU caps, Hero ?
Und jetzt? Kein Chart da. Diese Situation ist kein einfaches „Raise und Reraise“.
Wird vor dir gecappt und du bist …
- … nicht im Big Blind: Du callst mit AKo, AKs, QQ+.
- … im Big Blind: Du callst mit den Händen aus dem Chart „Aktionen gegen Raise und Reraise“.
Also foldest du deine Jacks in dieser Situation, auch wenn es schwerfällt.
Fazit
Im Shorthanded-Spiel ist es für profitables Spiel notwendig, mehr Hände zu spielen und mehr Flops zu sehen. Im Mittel wird deine durchschnittliche Handstärke am Flop geringer sein, darum wird das Spiel varianzreicher, komplizierter, aber auch vor allen Dingen profitabler, weil deine Gegner die selben Probleme haben, diese aber schlechter meistern werden.
Mit den in diesem Artikel vorgestellten Charts hast du nun eine erste fundierte und differenzierte Preflop-Strategie für das Spiel an Shorthanded-Tischen in die Hand bekommen. Du solltest dir alle Charts ausdrucken und nach ihnen spielen. Dein Ziel sollte sein, dass du irgendwann auswendig weißt, welche Hand du in welcher Situation spielen kannst.
Ein wesentlicher Schritt für die Verfeinerung deines Spiels wird in der Zukunft nun sein, durch Sammeln von Spielerfahrung und das Studium der weiterführenden Strategieartikel dein Wissen zu erweitern. Dann wirst du die Fertigkeit erlangen, das, was momentan noch diffus als "mögliche Gegnerhände" bezeichnet wird, mehr und mehr konkret einzuschätzen.
Zum Abschluss noch einmal der Link zur Druckversion der Charts:
Lade dir die Chartsammlung inkl. ORC als PDF-Datei herunter
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