Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

GTO-Pokertheorie: Der Lindy-Effekt

Je länger eine Technologie oder Idee überdauert, desto höher fällt auch ihre zukünftige Lebenserwartung aus. Gilt das Gleiche auch für Poker?

lindy effect
Die Theorie wurde nach einer Restaurantkette in den USA benannt

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Der Lindy-Effekt geht ursprünglich zurück auf die Hypothesen von Albert Goldman, wurde jedoch erst in der jüngeren Vergangenheit durch Nassim Taleb popularisiert. Die Idee dabei ist, dass man bei durablen Dingen wie Ideen oder Technologien erwarten kann, dass sie desto länger fortbestehen, je größer der Zeitraum ist, in der sie bereits von Bestand sind. Während beim Menschen die Lebenserwartung mit steigendem Alter sinkt, gilt genau das Gegenteil also für Ideen und Technologien.

Taleb hat den Zusammenhang wie folgt dargestellt:

"Wenn sich ein Buch bereits 40 Jahre lang im Druck befindet, kann man erwarten, dass man es auch 40 weitere Jahre drucken wird. Wenn es dann aber noch ein weiteres Jahrzehnt übersteht, dann kann man davon ausgehen, dass es noch mindestens 50 Jahre von Bestand sein wird. Das erklärt vereinfacht dargestellt, warum Dinge, die bereits seit langer Zeit fortbestehen, nicht wie der Mensch altern, sondern sich genau gegensätzlich entwickeln, was ihre Lebenserwartung betrifft. Jedes Jahr, das ohne ein Ende des Fortbestehens vergeht, erhöht im Endeffekt die zusätzliche Bestandsdauer proportional. Die Robustheit von Dingen wie Ideen und Technologien verläuft also proportional zu ihrer Lebenszeit."

Klassiker bleiben Klassiker

lindy effect star wars
Star Wars erfreut sich auch nach 40 Jahren noch großer Beliebtheit und bleibt vermutlich 40 weitere Jahre populär

Je länger etwas also von Bestand ist, desto größer wird der Zinseszinseffekt der Sache an sich. Daher ziehen Filme wie Star Wars, der vermutlich erste richtig gute Science-Fiction-Streifen, auch heute noch die Menschen an die Kinokassen. In vielerlei Hinsicht steht der Lindy-Effekt dabei im direkten Zusammenhang zum Matthäus-Effekt, bei dem Erfolg zu noch mehr Erfolg führt, und zum Pareto-Prinzip, bei dem 80% der Ergebnisse mit 20% des Gesamtaufwandes erzielt werden.

Der Lindy-Effekt verdeutlicht auch, warum die Harry-Potter-Bücher noch Jahre nach ihrer Veröffentlichung im Schaufensterregal der Buchhandlungen stehen. Sie sind über Jahre hinweg von Bestand geblieben und verkaufen sich genau deswegen noch häufiger. Die Leute wollen schlichtweg wissen, ob an all dem Hype rund um die Reihe tatsächlich etwas dran ist. Aus demselben Grund habe ich es im letzten Jahr auch zu meinem Vorhaben gemacht, Klassiker wie die Bücher von George Orwell zu lesen. Sie sind so lange von Bedeutung geblieben, also ist die Schlussfolgerung, dass sie tatsächlich gut sein müssen.

Diesen Zusammenhang kann man auch als Anlass nehmen, mehr Zeit ins Lesen von Büchern und anderer Literatur zu investieren, das die Zeit überdauert hat, anstatt bei Twitter zu stöbern oder ausschließlich auf Klicks ausgerichteten News-Seiten unserer Zeit zu studieren. Die größten Storys der aktuellen Woche, werden zum Großteil bereits in der nächsten wieder irrelevant sein. Man muss sich dazu nur die Unmengen an täglichen Artikeln zu Donald Trump vor Augen führen. Bücher hingegen überdauern die Zeit und bleiben immer relevant, wenn sie gut sind.

Das verflixte erste Jahr

lindy effect poker
Wir haben wahrscheinlich alle zu Beginn von positiver Varianz profitiert

Der Lindy-Effekt ist eine gute Metapher für eine Theorie, die ich schon länger habe, was die Spielerentwicklung beim Poker betrifft. Ich persönlich glaube nämlich, dass jeder, der Poker seriös und ambitioniert spielt, eine gute Portion positiver Varianz in den ersten drei Monaten erlebt hat, als man das Spiel gerade erst erlernt hat. Jeder, der schon länger als ein Jahr aktiv pokert, wird mehr 3-Outer getroffen und mit Set over Set gewonnen haben, als man eigentlich erwarten würde. Der Grund ist simpel: Poker kann bisweilen erbarmungslos und teuer sein, vermittelt aber auch die Illusion von Skill, wenn wir am Gewinnen sind. Ich vermute, dass neue ambitionierte Spieler, die auch nach einer eigenen Einzahlung einen schlechten Lauf erwischt haben, Poker für immer aufgegeben und etwas anderes ausprobiert haben. Wer heutzutage noch dabei ist, wird vermutlich also vom berühmten Anfängerglück profitiert haben.

Der Lindy-Effekt passt gut zu dieser Theorie. Wenn man Poker einen oder zwei Tage lang oder vielleicht ein Woche gespielt hat, gibt es keine Garantie, dass man Poker auch noch in einem oder zwei Jahren oder in einem Jahrzehnt spielt. Wenn man allerdings Poker schon zwei Jahre aktiv betreibt, ist es auch wahrscheinlicher, dass man es noch in zehn Jahren spielen wird. Dazu muss man nicht zwangsläufig zu den dauerhaften Gewinnern gehören. Selbst wenn man sehr früh einen guten Lauf im ersten Jahr erwischt hat, der einen in der weiteren Zeit über Wasser gehalten hat, ist es wahrscheinlicher, dass man auch noch 10 Jahre später das Spiel lieben wird.

Dazu muss man sich nur ansehen, wie schwer es einigen etablierten Spielern fällt, Poker wie angekündigt tatsächlich ganz den Rücken zu kehren. Viele widmen sich in ihrem Leben durchaus vermehrt anderen Dingen und machen Poker zu einem kleineren Teil davon, aber es gab bereits viele namhafte "Rücktritte" von Leuten wie Vanessa Selbst, Fedor Holz oder Doug Polk, die trotz dessen auf die eine oder andere Weise immer noch im Bereich Poker involviert sind.

Was man aus dem Lindy-Effekt lernen sollte: Wenn etwas etabliert wurde und eine längere Zeitspanne überstanden hat, dann sorgt dieser Fortbestand selbst für einen gewissen Wert und macht es wahrscheinlicher, dass die Sache auch noch länger von Bestand sein wird. Ich denke, dass dasselbe für unsere Liebe für Poker gilt. Wenn man die erste ungewisse Phase überstehen kann und an ihrem Ende als Fan des Spiels hervorgeht, dann wird man vermutlich auch lange Zeit noch ein Fan von Poker bleiben. Das ist natürlich deutlich einfacher, wenn man zu Beginn wie ein junger Gott runnt.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?

Weitere Artikel