GTO-Pokertheorie: Trugschluss versunkener Kosten
Zeit und Geld in eine Sache zu stecken, macht es deutlich schwieriger, das Unterfangen wieder aufzugeben – oder im Falle von Poker die offensichtlich schlechtere Hand zu folden.
Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Der Trugschluss der versunkenen Kosten ("Sunk Cost Fallacy") ist etwas, von dem man sicherlich schon gehört hat, wenn man sich lange genug mit Poker beschäftigt. Aber auch eine Auffrischung des Wissens kann sich lohnen, ist es doch ein sehr wichtiges Konzept, was ein besseres Verständnis der psychologischen Aspekte des Spiels betrifft.
Vereinfacht dargestellt, führt der Trugschluss der versunkenen Kosten dazu, dass es uns deutlich schwerer fällt eine Sache aufzugeben, wenn wir bereits etwas in sie investiert haben und auch emotional eine Bindung dazu aufgebaut haben.
In der Wirtschaft sind versunkene Kosten Aufwendungen, die bereits gezahlt und nicht wiedererlangt werden können.
Der Trugschluss der versunkenen Kosten ist der Grund, warum wir an Staubfängern mit sentimentalem Wert festhalten, warum wir weiter Geld mit Reparaturen am alten Auto aus dem letzten Jahrzehnt verbrennen und warum wir Beziehungen weiterführen, die eigentlich offensichtlich für beide Parteien nicht funktionieren.
Potodds und die Verlustjagd

Die offensichtlichste Weise, wie das Konzept beim Poker auftreten kann, ist in einer Hand selbst. Wenn man bis zum Turn oder River kommt und bereits 30 Big Blinds in den Pot gesteckt hat, ist es emotional schwierig sich von der Hand zu trennen. Wenn man seinen Draw verpasst hat und es eigentlich nur allzu klar ist, dass der Gegner eine starke Madehand erwischt hat, ist man trotzdem geneigt, einen großen Bluff zu wagen, um das bereits Investierte zurückzugewinnen. Die Entscheidung dreht sich in solchen Fällen weniger darum, was man potenziell gewinnen könnte, sondern vielmehr steht das Wiedererlangen von eigentlich Verlorenem im Fokus.
Die Realität ist aber, dass das Geld nicht mehr unser ist, sobald wir es beim Poker in die Mitte des Tischs schieben. Mit dieser Einsicht hat der Großteil aller Spieler jedoch weittragende Schwierigkeiten.
Beim Start der eigenen Pokerlaufbahn lernt man schon früh das Konzept der Potodds kennen. Manchmal führt der Investitionsertrag, den der Pot uns bietet, wenn ein Call nicht sonderlich teuer ist, letztendlich dazu, dass wir auch mit denkbar schlechten Händen weiterspielen können, weil es langfristig zu Profit führen wird. Den Trugschluss der versunkenen Kosten als Konzept mit unserem Verständnis von Potodds zu vereinbaren, kann sehr schwerfallen. Häufig neigen wir nämlich dazu, einen schlechten Call mit günstigen Odds zu rechtfertigen, wenn wir tatsächlich aber einfach nur Verluste jagen. Es bedarf ein hohes Maß an Erfahrung, um in Spots unterscheiden zu können, ob wir tatsächlich die richtigen Odds bekommen oder lieber unsere Verluste begrenzen sollten.
Ein Produkt der Verlustaversion

Deutlich mehr Tragweite hat der Trugschluss der versunkenen Kosten beim Poker in der Art und Weise, wie wir unsere Bankroll behandeln. Einer der schwierigsten, aber notwendigsten Skills beim Poker ist es, über die Demut zu verfügen in den Limits hinabzusteigen, wenn unsere Bankroll einen Dämpfer bekommt. Wer mit einer Bankroll von $500 die $10 SNGs spielt, sollte an einem bestimmten Punkt eine Stop-Loss-Grenze haben, bei der er auf die $5 SNGs zurückkehrt, zum Beispiel bei einer verbleibenden Bankroll von $250. Der Trugschluss der versunkenen Kosten kann aber dazu führen, dass wir genau das nicht tun und im schlimmsten Fall sogar auf die $20 SNGs wechseln, um die Verluste so schnell es geht wieder hereinzuholen.
Das Interessante am Trugschluss der versunkenen Kosten ist, dass es ein Produkt der Verlustaversion ist, die wir in vorherigen Artikeln behandelt haben, es ironischerweise aber natürlich die risikoreichere Aussicht darstellt, in etwas weiter zu investieren, das eigentlich nur zu weiteren Verlusten führen kann.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?