Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

GTO-Pokertheorie: Bushnells Gesetz

Heute werfen wir einen Blick auf eine Theorie, die vor allem beim Design von Videospielen relevant ist, euch aber auch beim Poker an die besten Tische führen kann.

pacman
Pacman war simpel, ziehte die Spieler aber trotzdem in den Bann

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Die Spieleindustrie ist mittlerweile ein weltweites Milliardengeschäft. Der Bereich Spieledesign ist dabei ein faszinierender Ansatzpunkt für Einblicke auf Theorien, die auch tiefgreifende Einflüsse auf andere Lebensbereiche haben, da sie mittlerweile von der gesamten Technologiebranche genutzt werden.

Bei Bushnells Gesetz handelt sich sich um eine Namensgebung zu Ehren des Atari-Gründers Nolan Bushnell, das seit jeher als erfolgreiches Konzept bei der Gestaltung von Videospielen genutzt wird. Es besagt:

Die besten Spiele sind leicht zu lernen, aber schwierig zu meistern. Sie sollten auf das untere Viertel wie auch auf das oberste Hunderstel belohnend wirken.

Das Gesetz wurde in einer Zeit formuliert, als alle Videospiele noch relativ simpel waren. Spiele wie Pacman oder Space Invaders konnten die Spieler aber dennoch derart in den Bann ziehen, dass man in den 80er-Jahren in Japan den Grund für eine Verknappung der Münzversorgung sogar in den Spielautomaten sah, die sich das ganze Kleingeld einverleibten.

Ein Spiel muss zudem immer schwieriger werden, damit das Gefühl einer Herausforderung erhalten bleibt, andernfalls würde man sich irgendwann nur noch langweilen. Die besten Spiele finden dabei stets die richtige Balance zwischen Herausforderung und Fortschritt und versetzen die Spieler in einen angenehmen Flowstatus.

Wenn man gedanklich die Liste seiner Lieblingsspiele durchgeht, sind die Chancen hoch, dass sie alle recht einfach zu erlernen waren, im Verlauf jedoch immer schwieriger wurden. Bei einem Spiel wie Street Fighter zum Beispiel kann man durchaus mit wildem Knöpfedrücken zu seinem ersten Sieg kommen. Je besser die Gegner werden, desto wichtiger wird es aber, die vielen möglichen Special Moves tatsächlich zu beherrschen und zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen.

In einer Minute erlernen, in einer ganzen Lebzeit versuchen zu meistern

John Hesp WSOP
Jeder kann beim Poker direkt zu Beginn gewinnen

Wenn euch das Konzept von Bushnells Gesetz bekannt vorkommt, liegt das vermutlich daran, dass es beim Poker eine eigene Version davon gibt.  Mit Blick auf das Kartenspiel gilt "It takes a minute to learn and a lifetime to master". Poker kann man im Grunde als perfektes Veranschaulichungsbeispiel für Bushnells Gesetz sehen. Es ist leicht zu erlernen (die Leute verstehen den Wert von Geld, die Handrankings und die Setzrunden verlaufen simpel), kann aber auch so komplex werden, dass Super High Roller 16 Stunden am Tag damit verbringen, Hände mit dem PioSolver zu analysieren.

Noch deutlicher wird die Rolle als Paradebeispiel für das Gesetz aber, wenn man den Faktor Varianz beim Poker einbezieht. Das Spiel ist nämlich nicht nur kinderleicht zu erlenen, man kann selbst als Anfänger überlegene Spieler zumindest kurzfristig schlagen. Und was zieht neue Spieler mehr in den Bann als ein früher Schluck glorreichen Ruhms?

Komplexität ist nicht King

power up poker
Viele neue Pokerformate sind zu komplex

Das erklärt auch, warum No-Limit Hold'em immer die Königsdisziplin beim Poker bleiben wird. Die Regeln sind selbst für Anfänger leicht zu verstehen und kein anderes Format ist so leicht zu erlernen. Immer wieder stolpert man über Spekulationen, ob nicht doch irgendwann PLO die Nummer eins wird, was die Pokervarianten betrifft. Dazu wird es aber nicht kommen, weil es vergleichsweise verwirrend wirken kann und die Leute schlichtweg keine Lust haben, durcheinander gebracht zu werden. Daher konnte sich No-Limit im Vergleich zu anderen Formaten auch bei TV-Übertragungen so deutlich durchsetzen. Auch die Zuschauer wollen vor allem erst einmal dem Spiel folgen und es verstehen können.

Aktuell werden wir von einer ganzen Reihe an neuen Pokerformaten überflutet und Bushnells Gesetz kann uns jetzt schon verraten, welches davon tatsächlich mal ein Erfolg werden kann. Spiele wie Split Hold'em, Power Up und Unfold werden vermutlich immer Nischenvarianten bleiben, weil sie mehr Komplexität in den Spielablauf bringen. Spin & Gos sind hingegen eine simplere Form von Poker, was auch mit ein Grund ist, warum sie so beliebt und von derart vielen Anbietern als Format übernommen wurden. Ich persönlich kann mir vorstellen, dass sich auch Short Deck Hold'em in diesem Jahr bei der breiten Masse durchsetzen kann, da es sich dabei (zumindest auf den ersten Blick) um eine einfachere Version eines bereits einfachen Spiels handelt.

Bushnells Gesetz ist also ein sehr wichtiges Konzept, das man vor allem bei der eigenen Gameselection berücksichtigen sollte. Das ideale Format, bei dem sich das Vertiefen darin tatsächlich lohnt, ist ein Spiel, das Anfänger direkt verstehen und genießen können, während es aber so komplex werden kann, dass man sich mit harter Arbeit eine Edge verschaffen kann. Und auch wenn es Spaß macht, sich hin und wieder in eine solche Partie zu stürzen, ist Pot-Limit Omaha Hi/Lo mit 200 Big Blinds kein solches Format.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?

Weitere Artikel der Reihe GTO-Pokertheorie