Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

GTO-Pokertheorie: Opportunitätskosten

Eine wichtige Frage, die sich bei allen Entschlüssen in Sachen Poker immer wieder stellt: Was genau lässt man sich mit seiner Entscheidung entgehen?

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Heute beschäftigen wir uns mit einem Konzept, das den meisten automatisch durch Poker ins Bewusstsein gerückt wurde, selbst wenn es einem nie tatsächlich erläutert wurde. Opportunitätskosten beziehen sich auf Vorteile, die einem entgehen, wenn man eine bestimmte Entscheidung einer anderen vorzieht. Wer zum Beispiel heute Abend ins Kino geht, um den neuesten Streifen mit Keanu Reeves zu sehen, der verpasst die Möglichkeit stattdessen zu pokern, zu lernen oder zu trainieren.

Bei derart trivialen Sachen sind Opportunitätskosten natürlich nicht wirklich relevant, essenziell wird ein Verständnis davon jedoch, sobald es um große Entscheidungen im Beruf und Leben an sich geht. Wenn man sich zum Beispiel direkt nach der Schule für einen gut bezahlten Ausbildungsplatz entscheidet, kann man die Möglichkeit verpassen, nach drei Jahren Studium einen noch besser bezahlten Job zu finden. Oder andersherum: Drei Jahre an der Kunsthochschule für einen Abschluss, mit dem man beruflich wenig anfangen kann, können drei Jahre ohne Erfahrung im Arbeitsleben und ein Ausbleiben der ersten Anzahlung für ein Haus bedeuten.

Zweifellos wird ein Bill Gates in der Lage sein, in seinem Garten den Rasen zu mähen. Als Multimilliardär würden die Stunden, die er dafür aufwenden müsste, allerdings sehr kostspielig für ihn werden, obwohl er niemanden bezahlen würde. Durch seine Umstände ist er schlichtweg in der Lage, mit seiner Zeit deutlich lohnenswerteren Aktivitäten nachzugehen. Den eigenen Rasen zu mähen würde immense Opportunitätskosten für ihn bedeuten. Wer allerdings ohnehin schon nicht gut bezahlt wird, für den macht es durchaus Sinn, sich um die eigene Grünpflege zu kümmern, um mehr vom eigenen Geld zu behalten. In diesem Zusammenhang spricht man in der Wirtschaft auch vom komparativen Kostenvorteil.

Alles dreht sich um die Hourly

elky playing poker
Live zu spielen bedeutet auch, dass man zehntausende Hände online verpasst

Pokerspieler haben instinktiv ein gutes Verständnis von Opportunitätskosten, da uns allen die Bedeutung der eigenen Hourly sehr bewusst ist. Die Gewinner an den Tischen sind sich darüber im Klaren, wie viel sie im Schnitt pro Stunde verdienen und können darauf Entscheidungen basieren. Wenn ein Grünpfleger $10 pro Stunde kostet und die Hourly von einem selbst bei $20 liegt, dann macht es natürlich mehr Sinn, jemanden für das Rasenmähen anzuheuern und eine Stunde Poker zu spielen, um ihn bezahlen zu können.

Daher spielen Opportunitätskosten auch eine große Rolle bei der Auswahl der Partien. Wer online eine Hourly von $30 beim No-Limit erreichen kann, beim Live-PLO aber nur mit $20 pro Stunde nach Hause geht, ist finanziell natürlich schlecht beraten, an den Omaha-Tischen Platz zu nehmen. Live-Poker kann grundsätzlich für Online-Spieler immer sehr hohe Opportunitätskosten bedeuten. Die Zeit, die man in An- und Abreise steckt, kann man nicht in den eigenen Online-Grind stecken. Zudem spielt man live immer nur einen Tisch anstatt zum Beispiel zehn online. Das sind mitunter die Gründe, warum einige hochbegabte Pokerspieler, Live-Poker für sich nicht in Erwägung ziehen.

Natürlich kann man nun einwerfen, dass Live-Partien grundsätzlich softer sind. Allerdings können sich auch unter diesem Gesichtspunkt Opportunitätskosten verstecken. In den softesten Partien zu spielen, mag für den Moment zwar die höchste Hourly bringen, wer sich jedoch nie neuen Herausforderungen beim Spielen stellt, läuft Gefahr in seiner Entwicklung zu stagnieren und nie eine noch höhere Hourly in tougheren Partien zu erreichen. Den Wert des Lernens zu beziffern ist sehr schwierig. Kurzfristig gesehen ist jede Stunde, die man lernt, eine Stunde, in der man kein Geld gewinnen kann. Langfristig gesehen kann man jedoch davon ausgehen, dass ein Mehr an Lernen letztendlich auch in einem Mehr an möglichen Gewinnen resultieren wird.

+EV für das Leben an sich

Andy Hills playing poker
Andy Hills holt sich einen EV für das Leben durch Reisen

Aber auch wenn es essenziell ist, dass man als Pokerspieler ein Verständnis von Opportunitätskosten hat, kann man es wie bei jedem Konzept auch damit übertreiben. Wenn man alles im Leben nur auf die Hourly ausrichtet, wird man langfristig nicht zufrieden. Im letzten Jahr haben wir mit Andy Hills über genau dieses Thema gesprochen. Er war lange Zeit ein erfolgreicher Online-Spieler, der an den virtuellen Tischen mehr Geld hätte verdienen können. Er nutzt jedoch die Möglichkeit, die Welt zu bereisen, die Live-Poker ihm bietet, weil er diesen Aspekt als +EV ansieht, was das Leben an sich betrifft.

Man erlebt es immer wieder: Die Spieler, die von Poker mehr als nur das Geld an sich herausziehen, sind auch diejenigen, die nicht Gefahr laufen, irgendwann völlig ausgebrannt zu sein. Strategisch gesehen ist es sehr kostspielig für Leute wie Lex Veldhuis und Parker Talbot, die eigenen Partien zu streamen, aber genau das bringt den beiden noch mehr als Geld selbst. So gesehen kann das ausschließliche Denken in Profiten für sich selbst einer Form von Opportunitätskosten entsprechen.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?

Weitere Artikel der Reihe GTO-Pokertheorie