GTO-Pokertheorie: Die Gell-Mann-Amnesie
Warum regen wir uns darüber auf, wie Poker häufig in den Mainstream-Medien präsentiert wird, während wir andere Nachrichten und Berichte aber nie in Frage stellen?

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Bei den meisten Konzepten, die wir in der Artikelreihe GTO-Pokertheorie präsentieren, sind wir überzeugt, dass sie entweder dabei helfen, dass man ein besserer Pokerspieler werden kann, oder weil wir glauben, dass Pokerspieler einen einzigartigen Blickwinkel auf das präsentierte Konzept haben. Beim heutigen Artikel soll aber eher der Spaß im Vordergrund stehen.
Die Gell-Mann-Amnesie wurde vom US-Drehbuchautor und Regisseur Michael Crichton ins Leben gerufen, um den Umstand zu beschreiben, dass wir Nachrichten in einem uns bekannten Themenfeld skeptisch sehen, während wir den Medien blind vertrauen, wenn es um Nachrichten aus einem uns fremden Bereich geht. Benannt ist das Konzept nach Murray Gell-Mann, der 1969 den Nobelpreis für Physik bekam, mit dem Crichton eben jene Kontroverse in der Nachrichtenwahrnehmung diskutierte:
"Man öffnet die Zeitung und liest einen Artikel zu einem Thema, bei dem man sich gut auskennt. In Murrays Fall die Physik, in meinem das Showbusiness. Beim Lesen stellt man fest, dass der Journalist keinerlei Ahnung von den tatsächlichen Fakten oder Fragestellungen hat. Häufig ist der Artikel dermaßen falsch, dass Sachverhalte völlig verkehrt präsentiert und Ursache und Wirkung vertauscht werden. Ich nenne das Storys der Kategorie "Nasse Straßen verursachen Regen". Die Zeitungen sind voll davon. Man registriert die unzähligen Fehler in einem Bericht mit völliger Fassungslosigkeit und kann eigentlich nur noch darüber lachen, nur um dann eine Seite weiter zu den nationalen und internationalen Angelegenheiten zu blättern und den Rest der Zeitung so zu lesen, als ob die Ausführungen zum Nahostkonflikt irgendwie akkurater ausfallen würden als der Unsinn, den man gerade gelesen hat. Man blättert um und vergisst, was man weiß."
Wer in der Presse schon einmal einen Artikel zu seinem Beruf, seiner Heimatstadt oder einem geliebten Hobby gelesen hat, wird mit Sicherheit Ähnliches wahrgenommen haben. Meine Mutter zum Beispiel hat ihr Geld als Rettungssanitäterin verdient und bis heute entfährt ihr ein "So machen wir das nicht!" in Richtung Fernseher, sobald ihr Job auf der Mattscheibe präsentiert wird. Trotz dessen glaubt sie jedoch fast alles andere, worüber sie in der Medienwelt stolpert.
"Aber wie viel hast du verloren?"

So langsam kann man sich als Leser wohl denken, warum der heutige Artikel eher locker gehalten wird. Als Pokerspieler mussten wir uns wohl schon allzu oft über ungenaue und teilweise sogar völlig absurde Darstellungen des Spiels in der Medienlandschaft ärgern.
Beispiele wie das übertriebene Angle Shooting in Casino Royale durch eigentlich unzulässige String Bets (so tun, als würde man nur callen, um dann doch noch zu raisen) kommen in den Sinn oder die fast schon zwanghaft wirkende Tatsache, dass die einzige in Sitcoms bekannte Pokervariante das mittlerweile fast schon antike Five Card Draw zu sein scheint.
Am ärgerlichsten ist es wohl aber, wenn einige der größten Gewinner der Pokerszene in den Medien wie degenerierte Gambler präsentiert werden, weil man sich für die nächste große Schlagzeile nur auf Verluste konzentriert. Nahezu bei jeder derartigen "Story" wird die klassische Frage nach dem größten Gewinn und dem größten Verlust aufkommen, während der Nettoprofit völlig außer Acht gelassen wird. Damit erscheinen das Spiel und die Resultate natürlich deutlich volatiler, als sie es tatsächlich sind.
Der kognitive Pfennigfuchser
Natürlich gibt es in der Pokerszene aufgrund der Nähe zu klassischem Glücksspiel tragische Geschichten, die man nicht ignorieren sollte. Jeder, der auch nur ein bisschen Ahnung von der Materie hat, weiß jedoch, dass kurzfristige Resultate, ob nun gut oder schlecht, nicht ansatzweise das Leben von ernsthaften Pokerspielern widerspiegeln.
Trotzdem sind wir alle anfällig dafür, den Schlagzeilen der Medien umgehend Glauben zu schenken, sobald es um ein Thema geht, von dem wir keine Ahnung haben. Das ist an sich aber kein durchweg schlechter Zustand. Der Mensch ist ein kognitiver Pfennigfuchser, der immer so wenig mentale Ressourcen wie möglich verbrauchen will. Die Heuristik wird schon die Lücken für uns füllen. Die meiste Zeit über kann man auf solche Weise wunderbar leben.
Die Gell-Mann-Amnesie sollte uns aber trotzdem hin und wieder innehalten lassen und ein Lächeln abringen, wie leicht zu manipulieren wir alle doch sind. Wer damit eine gesunde Skepsis gegenüber den Medien und den "Fakten" entwickelt, die ihm präsentiert werden, und zwar auf jeder Seite des kompletten politischen Spektrums, der kann sich etwas gegen die uns angeborene Manipulationsschwäche wehren.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?