GTO-Pokertheorie: Gleichgewicht des Schreckens
Heute widmen wir unsere Aufmerksamkeit einer der besorgniserregendsten Lektionen der Spieltheorie, die wie viele auch auf Poker übertragen werden kann.
Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Das heutige Thema bei unserer Artikelreihe zur GTO-Pokertheorie dreht sich um eine Militärdoktrin, die wie keine zweite die Weltgeschichte geprägt hat.
Wir leben leider in einer Zeit, in der es möglich ist, mit einem einzigen Knopfdruck das gesamte Leben auf unserem Planeten auszulöschen. Das Gleichgewicht des Schreckens (oder Mutually Assured Destruction, kurz MAD) beschreibt den Zustand, der militärisch vorliegt, wenn zwei Parteien mächtig genug werden, dass es für beide nicht mehr von Interesse ist, sich in einen vollumfänglichen Krieg miteinander zu begeben. Nuklearwaffen wurden genau aus diesem Grund zu einer Abschreckung.
Die USA und Russland verfügen über das mit riesigem Abstand größte Nuklearwaffen-Arsenal. Wenn eine der beiden Seite, eine Atomrakete in Richtung des anderen schicken würde, wäre man in der Lage, auf dieselbe Weise zu antworten und beide Seiten würden verlieren. Bisher hat diese Aussicht als Abschreckung Stand gehalten, man muss sich aber nur einmal näher mit der Kubakrise befassen, um zu sehen, wie besorgniserregend nah wir schon einmal einer Widerlegung dieser Theorie gekommen sind.
Das Gleichgewicht des Schreckens liegt vor, wenn beide Seiten im Falle eines Gefechts die Kapazitäten haben, um den anderen vollständig auszulöschen. Zudem ist vorausgesetzt, dass der andere jederzeit den nötigen Knopf drücken kann und, was am wichtigsten ist, dass beide Seiten rational agieren.
Ein Nash Equilibrium

Der Hauptgrund, warum man auch als Pokerspieler über das Gleichgewicht des Schreckens Bescheid wissen sollte, ist natürlich die Weltgeschichte. Poker ist letztendlich nur ein Spiel und wenn man bedenkt, worum es bei dem Thema tatsächlich geht, sollte man an allererster Stelle auch als Pokerspieler erst einmal so verantwortungsvoll wie möglich mit seiner politischen Stimme umgehen, zumindest solange man in einer Demokratie lebt.
Davon abgesehen kann das Gleichgewicht des Schreckens einem Pokerspieler aber auch geläufig vorkommen, weil es sich um ein Nash Equilibrium handelt. Das ist ein Zustand, in dem zwei Parteien die Strategie des anderen kennen, aber keinen Gewinn daraus schlagen können, die eigene Strategie zu verändern. Wer vertraut ist mit ICM und GTO, der wird wissen, welche Relevanz Nash dabei hat.
Man muss aber kein Nash-Experte sein, um zu verstehen, wo das Gleichgewicht des Schreckens eine gewichtige Rolle spielen kann. Gemeint sind in diesem Fall Satellites. Dabei gibt es bekanntlich keine Extrapunkte dafür, wenn man das Turnier mit den meisten Chips abschließt. Jeder, der das Geld erreicht, gewinnt einen Preis mit demselben Wert.
Das offensichtlichste Beispiel für das Gleichgewicht des Schreckens in Satellites wäre eine Situation nahe der Bubble, bei der zwei Chipleader in einem Spot mit hoher Varianz gegeneinander All-in gehen. Es gibt schlichtweg keinerlei Grund sich in solch ein Gefecht zu begeben, wenn man in der späten Phase eines Satellites ohnehin derart in Führung liegt. Aus diesem Grund sind Satellites auch die praktisch einzige Variante, bei der es regelmäßig Sinn machen kann, selbst Aces preflop abzulegen. Im konkreten Beispiel wird natürlich ein Chipleader überleben. Aber langfristig würden beide verlieren, wenn der Spot immer und immer wieder auftritt.
Rationalität beider Parteien notwendig
Aber nicht nur im Falle von Satellites und Chipleadern kann das Gleichgewicht des Schreckens beim Poker relevant werden. Es gibt auch bei gewöhnlichen Turnieren jede Menge Spots, bei denen ein Gefecht mit hoher Varianz keinen Sinn macht, wenn sich beide Parteien eigentlich in einer komfortablen Lage befinden. Niemand, der sich postflop eine Edge gibt, sollte zum Beispiel einen 50/50-Coinflip mit AK vs. QQ zu Beginn eines Deepstack-Turniers eingehen.
Genau wie bei der Militärdoktrin basiert beim Gleichgewicht des Schreckens aber alles auf der Annahme, dass man es mit rational agierenden Parteien zu tun hat, die wissen, was der andere tut. Ein ebenso großer Stack wird einen Big Stack keinen Respekt abringen, wenn derjenige am Pokertisch zu den Maniacs gehört oder gar nicht erst weiß, dass er aus logischen Gründen eigentlich Respekt davor haben sollte. Entsprechend sollte man auch nicht in Erwägung ziehen, jemandem seine politische Stimme zu geben, dem es an dieser Logik offensichtlich mangelt.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?