Aktualisiert am 26 Feb. 26 von

GTO-Pokertheorie: Paradigmenwechsel

Manchmal kommt es zu einer Revolution, die grundlegend ändert, wie wir über etwas denken oder etwas tun, egal ob im Bereich der Wissenschaft oder zum Beispiel beim Poker.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.

Der Philosoph und Forscher Thomas Kuhn hat einst zwei Arten von wissenschaftlichem Wandel identifiziert. Mal kommt es zu einer langsamen schrittweisen Entwicklung im Laufe der Zeit, mal zu echten Revolutionen, die praktisch umgehend ändern, wie wir denken – der sogenannte Paradigmenwechsel. Dabei handelt es sich um einen plötzlichen Wandel, der eine alte Denkweise in einem Bereich vollständig ändert.

Das wohl bekannteste Beispiel für einen Paradigmenwechsel ist die Verdrängung der Newtonschen Physik, bei der Raum und Zeit für alle Beobachter gleich sind, durch die Einsteinsche Physik, bei der Raum und Zeit relativ sind. Die Verwendung des Begriffs beschränkt sich mittlerweile aber nicht nur auf die Wissenschaft, auch in anderen Bereichen des alltäglichen Lebens kann man Paradigmenwechsel feststellen, die fundamental ändern, wie wir über etwas denken oder etwas tun. Eins von unzähligen Beispielen, die der technologische Fortschritt mit sich gebracht hat, ist zum Beispiel die Art und Weise wie heutzutage Aktien in Millisekunden an der Wall Street gehandelt werden im Vergleich zur Zeit, als es noch kein Internet gab.

Der Pokerboom

Auch im Bereich Poker kam es im Laufe der Zeit zu dem einen oder anderen Paradigmenwechsel, das mit Abstand bekannteste Ereignis war dabei der Online-Pokerboom im Jahr 2003. In der Folge änderte sich nicht nur die Art und Weise fundamental, wie Poker gespielt wird, sondern auch die Klientel, die man an den Tischen antreffen sollte.

Highstakes-Poker war zuvor ausschließlich die Domäne reicher Menschen oder zumindest von Personen, die in großen Städten lebten. Einer der Gründe, warum der Film Rounders auf so viel Anklang traf, war, dass eine Welt präsentiert wurde, die sich die meisten Menschen nicht einmal vorstellen konnten. Online-Poker hat all das geändert. Plötzlich konnte man von überall auf der Welt gegen jemanden auf der anderen Seite des Globus spielen und seinen Weg zur World Series of Poker finden.

Wer sehen möchte, wie genau der Wandel sich vollzogen hat, braucht nur einen Blick auf ein paar Folgen der WSOP 2004 zu werfen, dem ersten Jahr nach Chris Moneymakers Triumph, der das Feuer des Pokerbooms entfachte:

Online-Poker hat auch grundlegend die Art geändert, wie das Spiel gespielt wird. Es gab bereits theoretische Bücher zu Poker vor dem Boom, darunter Klassiker wie SuperSystem und Theory of Poker, aber nur wenige Menschen wussten davon. Entsprechend waren die besten Spieler nach wie vor Menschen, die den Gegner am Tisch am besten lesen konnten und gewieft im Bereich der Psychologie waren. Der weit verbreitete Zugang zur Pokertheorie, der online plötzlich gegeben war, hat Poker nachhaltig in ein deutlich mathematisch komplexeres Spiel verwandelt.

Die Ära der Solver

super high roller
Solver sorgen für einen Wandel im Bereich Highstakes-Poker

Man kann sogar argumentieren, dass bestimmte Bücher selbst einen Paradigmenwechsel herbeigeführt haben, während Poker auf dem Weg war, den gesamten Globus zu erobern. Harrington on Hold'em hat Spielern zum Beispiel einen Gameplan für unterschiedliche Stacksizes präsentiert, der zu dem Zeitpunkt noch keinesfalls weit verbreitet war. Heutzutage ist es absoluter Standard, dass jeder weiß, dass das Spiel mit einem Stack von 10 Big Blinds in einem Turnier einen besonderen strategischen Ansatz erfordert. Das war vor dem Boom überhaupt nicht der Fall.

Auf die aktuelle Ära bezogen, kann man auch einen Paradigmenwechsel durch den Aufstieg von Solvertools wie PioSolver erkennen. Es dürfte mittlerweile ziemlich schwierig sein, überhaupt auf den Highstakes Fuß zu fassen, ohne dass man über ein solides Wissen zu GTO-Strategien verfügt, die diese Tools den Spielern vermitteln. Fast jeder in den Super High Rollern dieser Tage nutzt Solver, um sein Spiel zu verbessern, die letztlich auch die strategischen Konzepte auf jeglichem Spielniveau beeinflussen.

Das wohl nützlichste Wissen beim Paradigmenwechsel ist, dass einem überhaupt bewusst wird, dass es zu einem kommen kann. In Bezug auf Poker will man nicht der Veteran alter Tage sein, der sich in den frühen Jahren des Booms über die jungen Online-Spieler und ihren strategischen Ansatz lustig gemacht hat, nur um im Laufe der Zeit vollends den Anschluss zu verpassen, was möglichen Erfolg im Spiel betrifft.

Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?

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