GTO-Pokertheorie: Diversifikation
Was vor allem bei Investitionen zum Einmaleins gehört, kann in vielen Bereichen des Lebens sinnvoll sein, natürlich auch in Bezug auf Poker.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Der heutige Artikel aus der Reihe GTO-Pokertheorie dreht sich um ein sehr bekanntes Konzept in der Wirtschaft und Finanzwelt, das praktisch schon zum gesunden Menschenverstand gehört. Trotz dessen sind leider viele talentierte Pokerspieler an einer Laufbahn an den Tischen gescheitert, weil sie sich nicht daran gehalten haben.
In der Finanzwelt beabsichtigt man mit Diversifikation, dass man sein Kapital auf eine Weise investiert, bei der das Risiko verringert wird. Statt lediglich Aktien eines einzigen Unternehmens zu halten, steckt man sein Geld in eine Reihe von Fonds, sodass man nicht sein ganzes Vermögen verliert, nur weil ein Unternehmen pleitegegangen ist. Das Vorgehen entspricht im Grunde einer Verringerung der Varianz. Verteilt man sein Geld auf mehrere der weltweit erfolgreichsten Unternehmen, ist man dem Risiko nicht ausgesetzt, dass ein Einzelfall alles zunichte macht.
Man muss kein Finanzexperte sein, um zu verstehen, warum das Konzept Sinn macht. Auf Diversifikation wird auch in bekannten Redewendungen wie "Nicht alles auf eine Karte setzen" abgestellt, was ebenfalls das Risiko betonen soll, dem man sich aussetzt, wenn man sein gesamtes Investitionspotenzial in eine Sache steckt. Auch im Berufsleben macht das Konzept mittlerweile Sinn. Früher war es eher die Regel, dass man seine gesamte Karriere in einem Betrieb verbracht hat. Mittlerweile ist deutlich mehr Wechselwilligkeit sinnvoll, was einen möglichen beruflichen Aufstieg, persönliche Sicherheit und ein besseres Gehalt betrifft.
Bankroll-Management

Der Bezug zu Poker ist natürlich offensichtlich. Man kann als Pokerspieler schnell in Probleme geraten, wenn man seine gesamte Bankroll bei einem einzigen Anbieter lässt. Egal für wie sicher man einen Pokerraum hält, der Black Friday hat uns alle gelehrt, dass das fahrlässig ist und es keine Entschuldigung dafür gibt, sein gesamtes Pokerkapital einem derartigen Risiko auszusetzen. Dasselbe gilt, wenn man seine gesamte Bankroll im Live-Casino mit sich herumträgt und sich dem Risiko aussetzt, alles zu verlieren, wenn man ausgeraubt wird. Beim Poker ist die Bankroll der Grundstein, um mehr Geld zu machen. Ihr Schutz durch Diversifikation hat also oberste Priorität.
Aber nicht nur in Sachen Bankroll-Management macht eine Streuung des Risikos Sinn. Auch bei der Wahl der Spielvariante kann eine gewisse Mischung von Vorteil sein. Etwas PLO statt immer nur No-Limit, hier und da ein Fullring-MTT statt immer nur 6-max-SNGs oder das eine oder andere Spin & Go statt einer Hand nach der anderen an den Zoom-Tischen. Man weiß nie, wann ein Format an Profitabilität einbüßen oder vielleicht sogar komplett aus der Lobby entfernt wird. Der Absturz wird deutlich abgefedert, wenn man bereits ein anderes Format in der Hinterhand hat.
Zusätzlich kann man natürlich auch sein Einkommen diversifizieren, indem man auch anderen Beschäftigungen nachgeht als nur Poker. Die glücklichsten Pokerspieler sind meist diejenigen, die auch in anderen Bereichen Erfolg haben, selbst wenn es einen Bezug zu Poker hat, zum Beispiel eine Laufbahn bei Twitch oder YouTube oder als Coach. Viele ehemals ambitionierte Spieler haben die Liebe am Spiel im Laufe der Zeit verloren und standen erst einmal vor einem Scherbenhaufen, was sie nun als nächstes in Angriff nehmen sollten, weil sie sich zuvor nur auf Poker konzentriert haben. Mit Alternativen abseits der Tische wird das Spielen an sich auch deutlich weniger Stress bedingen und stattdessen für mehr Unterhaltung sorgen.
Der deutlichste Zusammenhang zwischen Diversifikation und Poker besteht natürlich aber im Bankroll-Management in seiner einfachsten Form. Wer sich mit seiner gesamten Bankroll an einen Cashgame-Tisch setzt, kann das Ticket für die absolute Katastrophe schon einmal buchen.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?