GTO-Pokertheorie: Asymmetrisches Risiko
Das Glück kann man nicht kontrollieren. Man kann aber Risiken eingehen, bei denen das mögliche Plus deutlich höher ausfällt als das potenzielle Minus.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Wie im Artikel zu den vier Arten von Glück erläutert, kann man blindes Glück nicht kontrollieren, sich aber in gute oder schlechte Positionen manövrieren, um tatsächlich einmal Glück zu haben. Einer der Wege, um die eigenen Chancen zu erhöhen, aus einer Unternehmung mit unsicherem Ausgang tatsächlich Profit zu schlagen, ist das Eingehen von positiv asymmetrischen Risiken.
Ein symmetrisches Risiko liegt vor, wenn der mögliche Nutzen genauso hoch ausfallen kann wie der potenzielle Schaden. Eine Wette über den Ausgang eines Münzwurfs ist das einfachste Beispiel. Wenn man $10 darauf setzt, dass Kopf aufgedeckt wird, gewinnt man entweder $10 oder man verliert sie. Ein asymmetrisches Risiko liegt hingegen vor, wenn der potenzielle Gewinn deutlich höher ausfällt als der mögliche Verlust und umgekehrt.
Für einen Stundenlohn zu arbeiten, kommt einem symmetrischen Verhältnis von Risiko und Nutzen ebenfalls sehr nahe. Man verliert eine Stunde seiner Zeit, bekommt als Belohnung dafür aber eine bestimmte Menge an Geld, die man als dafür ausreichend empfindet. Coacht man zum Beispiel auf NL25 für $20 die Stunde, verliert man eine Stunde, die man selbst an den Tischen verbringen könnte, erhält dafür aber $20. Würde man aber stattdessen eine Stunde aufbringen, um ein Lehrvideo zu produzieren, das man für $20 verkaufen will, würde man ein asymmetrisches Risiko eingehen. Ein Nachteil wäre, dass man keinerlei Kunden finden könnte. Trotzdem investiert man nur eine Stunde und der mögliche Gewinn kann deutlich beträchtlicher ausfallen als beim Coaching, denn wenn zehn Leute das Video kaufen, hätte man beim selben Zeitaufwand das Zehnfache verdient.
Mehr Nutzen als Schaden

Beim Poker gibt es viele Entscheidungen, die asymmetrische Risiken beinhalten, vor allem im Bereich von Gameselection und Bankroll-Management.
Mit der gesamten Bankroll an einem einzigen Cashgame-Tisch Platz zu nehmen, bedeutet ein enormes negativ asymmetrisches Risiko. Obwohl mal ähnlich so viel gewinnen kann, wie man verlieren kann, wiegen die Konsequenzen vollständig broke zu gehen deutlich schwerer als der mögliche Gewinn, wenn man keine anderen Bankroll-Reserven hat.
Es gibt auch bestimmte Pokerformate, wo das mögliche Plus größer ausfällt als das potenzielle Minus, zum Beispiel Turniere. Wenn man sich an ein vernünftiges Bankroll-Management hält, sollte bei Turnierspielern der Tag mit dem höchsten Gewinn den Tag mit dem höchsten Verlust vollends in den Schatten stellen, selbst wenn man trotzdem insgesamt Losingplayer ist. Wie in einem anderen Artikel erklärt, ist auch der mögliche Nutzen bei Spin & Gos enorm, die Kehrseite jedoch mehr oder weniger beschränkt. Das Format, das Spins am ehesten ähnelt, sind wohl HU-SNGs, bei denen hingegen aber ein vergleichsweise symmetrisches Risiko vorliegt.
Die Partien mit dem größten Nutzen wählen

Wer auch bei Satellites auf die Einhaltung eines vernünftigen Bankroll-Managements achtet, kann auch in diesem Fall von einer Variante mit positiv asymmetrischem Risiko profitieren.
Spielt man ein $15-Satellite, das einen in die Sunday Million bringen kann, verliert man im schlimmsten Fall $15, hat aber die Aussicht im absoluten Optimalfall ein sechsstelliges Preisgeld zu gewinnen. Im Satellite selbst gibt es hingegen Spots, in denen ein All-in per Call mit einem negativ asymmetrischen Risiko einhergeht, wenn man eigentlich bereits einen Seat im Zielturnier sicher hat. Sämtliche Preise haben denselben Wert, bei positivem Verlauf des All-ins hat man also lediglich ein paar Chips mehr gewonnen, verliert man jedoch, scheidet man direkt aus und steht mit nichts da.
Das bedeutet nicht, dass Formate wie Cashgames die falsche Wahl sind, weil man nicht die Chance auf den Gewinn eines großen Jackpots hat. In guten Partien zu spielen, in denen man eine große Edge hat, egal welches Format, bedeutet immer ein positiv asymmetrisches Risiko im Vergleich zu Partien gegen andere toughe Grinder.
Das bei Weitem positivste asymmetrische Risiko, das man eingehen kann, ist aber das Lernen. Eine Stunde, die man ins Lesen oder in ein Coaching steckt, ist im schlimmsten Fall eine von unzähligen verlorenen Stunden des Lebens. Wenn man jedoch irgendetwas aus dieser einen Stunde mitnehmen kann, dann kann man es auch für den Rest seines Lebens nutzen. Das Plus kennt also keine Grenzen.
Welche Theorien außerhalb der Welt von Poker haben euch am meisten beim Verbessern eures Spiels oder in anderer Weise geholfen?