GTO-Pokertheorie: Die Feynman-Technik
Auch beim Poker kann sich als eine der besten Lernmethoden erweisen, wenn man versucht, sein eigens erlerntes Wissen jemand anderem mit auf den Weg zu geben.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Ich bin vor Kurzem auf ein Lernsystem gestoßen, das vom weltbekannten Physiker Richard Feynman ins Leben gerufen wurde, und habe realisiert, dass ich auf ähnliche Weise auch unwissentlich mein Spiel an den Pokertischen vorangebracht habe.
Die Feynman-Technik sagt im Kern aus, dass die beste Methode ist, um etwas zu lernen, wenn man versucht, es jemand anderem zu erklären. Hört sich erst einmal kontraintuitiv an, wie soll man jemandem auch etwas erklären, dass man selbst noch nicht gelernt hat?
Der Gedanke hinter dem System ist, dass allein der Versuch etwas Gelerntes zu erklären, dazu führen wird, dass man die größten Probleme hinsichtlich des eigenen Verständnis der Sache zutage fördert. Wer schon einmal unvorbereitet einen Vortrag oder einen Test bewältigen musste, wird es nachvollziehen können: Für gewöhnlich weiß man im Nachgang direkt und sehr genau, was man so alles nicht gewusst hat.
Die Feynman-Technik gestaltet sich vom groben Ablauf dabei wie folgt:
- Aufschreiben, was man versucht zu lernen
- Das Konzept in eigenen Worten schildern, als würde man versuchen, es jemand anderem zu erklären
- Die eigene Erläuterung analysieren und Bereiche identifizieren, in denen sich Verständnisprobleme aufgetan haben
- Diese Bereiche mit weiterem Lernaufwand abdecken, um das Verständnis der Sache weiter zu festigen
- Wiederholen
Lernen durch Erklären

Die meisten Coaches beim Poker sagen seit jeher, dass das Coachen anderer Spieler ihnen auch dabei hilft, das eigene Spiel zu verbessern, was allein schon veranschaulicht, dass die Feynman-Technik funktioniert. Ich persönlich habe aber noch ein direkteres Beispiel auf Lager, das zeigt, dass das System Früchte trägt.
Ich würde mich nach wie vor als vielleicht maximal durchschnittlichen Spieler bezeichnen, weiß jedoch, dass ich bei den Themen ICM und insbesondere Satellites durchaus im Bereich der Experten bewege. So habe ich bei Turnieren in der mittleren Phase die erheblichsten Probleme und Unsicherheiten, sobald ich aber die finale Turnierphase erreiche, stellt sich im Vergleich ein deutlich stärkeres Gefühl ein, dass ich weiß, was ich tue.
Warum ist das bei mir der Fall? Wer hier regelmäßig mitliest, konnte sich die letzten drei Jahre natürlich kaum meiner schamlosen Spammerei entziehen, nachdem ich zusammen mit Dara O'Kearney insgesamt drei Bücher zum ICM verfasst und ordentlich die Werbetrommel dafür gerührt habe. Unser Prozess sah dabei immer gleich aus: Dara teilte sein Wissen und stellte Detailanalysen auf die Beine, ich machte daraus im Anschluss ein Kapitel des Buchs, das er wiederum noch einmal abschließend verfeinerte. Dieses Vorgehen haben wir immer wieder aufs Neue wiederholt, bis wir das entsprechende Kapitel dann einem erfahrenen Spieler präsentiert haben, um uns weiteres Feedback einzuholen, bevor es in die Druckerei ging.
Im Kern stellt genau das die Feynman-Technik dar. Ich habe ein Thema zum Lernen gewählt (das ICM), es versucht in schriftlicher Form zu erklären und beim Austausch mit Dara und den Probeleser wurden Bereiche identifiziert, in denen mein Verständnis offensichtlich noch nicht ausgereift war. Nur wenn ich tatsächlich in der Lage war, ein Konzept dem gemeinen Leser stichhaltig und ohne Unsicherheit zu erklären, haben wir ein Buch tatsächlich veröffentlicht.
Nun muss natürlich bei Weitem nicht jeder direkt ein Buch schreiben, um die Feynman-Technik anzuwenden. Es reicht allein aus, wenn man zum Beispiel Hände in unserem Forum zur Diskussion stellt, da man dabei für gewöhnlich die eigenen Aktionen und Annahmen zu den Gegnern erläutert, was einem unmittelbar vor Augen führen sollte, spätestens beim weiteren Austausch mit Gleichgesinnten, wo das eigene Verständnis an seine Grenzen stößt.
Hat auch euch das Coachen anderer Spieler dabei geholfen, auch das eigenen Spiel zu verbessern? Wir freuen uns auf eure Kommentare!