GTO-Pokertheorie: Die Mehrheitsillusion
Sowohl im Leben als auch am Pokertisch: Liegen wir falsch, zu glauben, dass die bekannten und lautstarken Persönlichkeiten immer recht haben?

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, bei der wir einige der wichtigsten Themen abdecken, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
In unserer vernetzten Gesellschaft kann die Wahrnehmung oft durch ein faszinierendes, wenn auch etwas trügerisches soziales Phänomen verzerrt werden: Die Mehrheitsillusion. Bei dieser Illusion handelt es sich um eine Verzerrung der Wahrnehmung, die dazu führen kann, dass ein Verhalten oder eine Eigenschaft in einer bestimmten Umgebung häufiger vorkommt, als es in Wirklichkeit der Fall ist. Das liegt daran, dass die Personen, die diese Verhaltensmuster prägen, deutlich präsenter in der Öffentlichkeit sind als der Durchschnitt.
Die Mehrheitsillusion ist durch die sozialen Medien ein gängiges Phönomen in der heutigen Gesellschaft. Ein Moment, der mir persönlich besonders im Gedächtnis hängen geblieben ist, war die Wahl im Vereinigten Königreich 2015. Eine der ersten Wahlen, seit Twitter populär geworden ist. Als begeisterter Twitter-Nutzer sah es so aus, als würde die britische Labour-Partei einen erdrutschartigen Sieg erringen, aber tatsächlich wurden sie von den Konservativen deutlich geschlagen.
Erst im Nachhinein wurde allen klar, dass es nur darum ging, dass die lautstärksten und in den sozialen Medien versiertesten Nutzer die Labour-Partei wählten - diese spiegelten aber nicht die Mehrheit der Gesellschaft wider. Ich denke, dass der Brexit und der Sieg von Trump bei den Wahlen 2016 in den USA vielen Menschen die Mehrheitsillusion vor Augen geführt haben.
Die schweigende Mehrheit

Die Mehrheitsillusion ist beim Poker in vielerlei Hinsicht weit verbreitet. Ein klassisches Beispiel sind die Global Poker Awards: Eine Veranstaltung, die die gesamte Pokerwelt zu repräsentieren scheint. Diejenigen, die nominiert werden oder meinen, dass sie nominiert werden sollten, nehmen die Preisverleihung sehr ernst. Aber in den meisten Jahren ist es schwierig, einen Gewinner außerhalb Nordamerikas zu finden. Zudem bleiben viele Gruppen von Anwärtern (vor allem Entwickler von Strategie-Inhalten und Online-Spieler) völlig außen vor.
Ein weiteres Beispiel für die Mehrheitsillusion in der Pokerwelt ist der aktuelle Trend zu Twitter Spaces. Weil eine Handvoll Spieler aus Las Vegas ständig Twitter Spaces veranstalten, wird angenommen, dass dies die Zukunft der Pokermedien ist. Die Realität ist, dass selten mehr als ein paar Hundert Zuhörer gleichzeitig anwesend sind. Twitter Spaces werden in Bezug auf die Anzahl der Nutzer von YouTube, Podcasts, Twitch, Facebook, Foren, Discord und so ziemlich allen anderen Medien übertroffen. Die Leute, die viel auf Twitter unterwegs sind, bevorzugen aber Twitter Spaces.
Das größte Beispiel für die Täuschung der Mehrheit ist jedoch die Art und Weise, in der professionelle Spieler das Spiel beeinflussen. Professionelle Pokerspieler machen nur einen sehr kleinen Prozentsatz der Pokerspieler aus, aber da sie populär sind und den meisten Rake generieren, haben sie eine viel lautere Stimme als die Mehrheit der Leute, die das Lebenselixier des Pokers sind.
In einer Welt, die zunehmend von Algorithmen und medialem Echo geprägt wird, ist die Illusion der Mehrheit eine Mahnung an die trügerische Macht der kollektiven Wahrnehmung.
Welche Theorien, die nicht aus der Pokerwelt stammen, haben eurem Spiel geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!