GTO-Pokertheorie: Der Geist des Pfadfinders
Entdeckt euren inneren 'Pfadfinder', der wissbegierig nach neuen Herausforderungen sucht, und legt den 'Soldaten' ab, der in festgefahrenen Überzeugungen verharrt.
Eines der größten Geschenke in meiner Karriere als Pokerspieler ist, dass Poker immer ein großartiger Ausgangspunkt ist, um Dinge aus anderen Bereichen wie Wirtschaft, künstliche Intelligenz, Psychologie und Spieltheorie zu lernen. In dieser Artikelserie stelle ich einige der interessantesten Dinge vor, die ich abseits des Pokertisches gelernt habe und die auf das Spiel, das wir kennen und lieben, anwendbar sind.
Julia Galef führt in ihrem Buch erstmals die Begriffe 'Pfadfinder' und 'Soldat' ein, um zwei konträre Denkmuster von Menschen zu beschreiben. Ein 'Soldat' sei jemand, der bestehende Überzeugungen verteidigt und daher abweichende Informationen ablehnt. Er betrachtet Personen, die gegensätzliche Standpunkte vertreten, als Feinde und tendiert dazu, Informationen auf eine Weise zu interpretieren, die seine bestehenden Überzeugungen bestätigt. Ein 'Pfadfinder' hingegen sei jemand, der wissbegierig neue Dinge lernt und Freude daran hat, Probleme zu lösen. Wenn einem Pfadfinder widersprüchliche Informationen präsentiert werden, möchte er instinktiv mehr darüber erfahren, anstatt sie einfach abzulehnen.
Das Soldaten-Denkmuster ist in den sozialen Medien, insbesondere in politischen Diskussionen, allgegenwärtig, findet jedoch auf ähnliche Weise auch beim Poker statt. Nach dem schmerzhaften Verlust einer Hand neigen wir dazu, unsere Spielweise zu glorifizieren und die Fehler beim Gegner zu suchen.
Kaum jemandem gelingt es, sich von diesem Denkmuster zu befreien. Daher sollten wir uns bemühen, eher wie ein Pfadfinder zu denken.
Voreingenommenes Denken vermeiden
In meiner Karriere hatte ich das Privileg, zahlreiche Interviews mit einigen der besten Pokerspieler unserer Zeit zu führen. Dabei ist mir aufgefallen, dass die überwiegende Mehrheit von ihnen die Denkweise eines Pfadfinders aufweist. Jemand wie Phil Hellmuth ist in dieser Hinsicht eher die Ausnahme. Zwar reagieren auch die Besten mit Frust, wenn es an den Tischen mal nicht so rund läuft, versuchen dann aber aufgeschlossen, die möglichen Ursachen des Verlustes zu finden.
Als Paradebeispiel für das Pfadfinder-Mindset ist mit Sicherheit Daniel Negreanu zu nennen. Obwohl er in anderen Lebensbereichen durchaus Züge von voreingenommenem Denken aufweist (was jeder erfährt, der versucht, auf Twitter mit ihm zu diskutieren), gelingt es ihm, sich von dieser Befangenheit zu lösen, sobald es um Pokerstrategie geht. Die Tatsache, dass es derzeit Spieler mit tieferem Verständnis moderner Pokerstrategie gibt, motiviert ihn nur, sein Verständnis von GTO zu vertiefen. Aus genau diesem Grund vermute ich, dass er noch viele erfolgreiche Jahre an den Pokertischen vor sich hat.
Ich wollte mich eigentlich hüten, mein eigenes Spiel zu loben, doch behaupte ich kühn, dass meine Einstellung in Bezug auf Poker eher der eines Pfadfinders gleicht. Die Fähigkeit, meine eigenen Schwächen zu erkennen, hat mir bei der Themenfindung für neue Artikel stets gute Dienste geleistet und kommt dadurch auch den Lesern zugute. Erst kürzlich habe ich mit meinen Kollegen vom Chip Race Podcast einen Final Table analysiert, bei dem ich bewusst nur Hände ausgewählt habe, die ich fragwürdig gespielt habe. Auch wenn ich stellenweise Hohn und Spott über mich ergehen lassen musste, ist diese Lernmethode zweifellos effektiver, als meine gut gespielten Hände mit Lobesliedern zu besingen.
Pfadfinder bewahren die Liebe für Poker

In einer Ära der Solver gestaltet es sich schwierig, nicht das Mindset eines Pfadfinders an den Tag zu legen. Selbst die erfahrensten Spieler kommen bisweilen ins Grübeln und hinterfragen ihre Spielweise, die ihnen bislang stets gute Dienste erwiesen hat.
Vermutlich macht es wenig Sinn, sich mit einem Solver zu streiten. Immerhin tragen sie bereits das Wort 'lösen' in ihrem Namen und agieren im Grunde wie Supercomputer, die Tausende von Simulationen in atemberaubender Geschwindigkeit durchführen können.
Abschließend sei gesagt, dass das Mindset eines Pfadfinders höchstwahrscheinlich dazu beiträgt, das eigene Spiel mit neuen Impulsen zu bereichern. Ständig Widerstand zu leisten und sich gegen unliebsame Informationen zu stemmen, kann auf Dauer anstrengend und frustrierend sein. Wer beim Poker neue Erkenntnisse als Last wahrnimmt, könnte mit der Zeit womöglich die Freude am Spiel verlieren.
Welche Theorien, die nicht aus der Pokerwelt stammen, haben eurem Spiel geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, in der ich einige der wichtigsten Themen abdecke, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Das Hick'sche Gesetz ist ein psychologischer Grundsatz, der den Zusammenhang zwischen der Anzahl der zur Verfügung stehenden Wahlmöglichkeiten und der Zeit erklärt, die für eine Entscheidung benötigt wird. Die Maxime wurde erstmals 1952 vom britischen Psychologen William Edmund Hick aufgestellt.
Nach dem Hick'schen Gesetz gilt: Je mehr Optionen zur Auswahl stehen, desto länger dauert es, bis eine Entscheidung getroffen ist. Das liegt daran, dass mit der Anzahl der Alternativen auch die Zeit steigt, die das Gehirn braucht, um die Informationen zu verarbeiten, um die beste Auswahlmöglichkeit zu wählen.
Ein gutes Beispiel für die Anwendung des Hick'schen Gesetzes ist die Gestaltung der Speisekarte. Ein Restaurant mit einem umfangreichen Menü, das zahlreiche Optionen für jede Kategorie bietet, kann die Gäste überfordern und zu längeren Entscheidungszeiten führen. Im Gegensatz dazu kann ein Restaurant mit einer kleineren, gezielten Speisekarte die Entscheidungsfindung beschleunigen und erleichtern. Schon Gordon Ramsey empfahl in seiner TV-Serie "Kitchen Nightmares" den teilnehmenden Restaurants fast immer als ersten Schritt die Speisekarte zu verkleinern.
Diejenigen, die sich an die Zeit erinnern, in der man im Fernseher nur eine Handvoll Kanäle empfangen konnte, kennen das Hick'sche Gesetz. Als ich selbst noch ein Kind war, hatten wir in England nur vier Kanäle, aber wir haben immer etwas zum Anschauen gefunden. Mit dem Kabelfernsehen und den zahlreichen Streaming-Diensten gibt es ein nahezu unendliches Angebot, aber es ist deutlich schwerer, sich für etwas zu entscheiden.
Die Dinge einfach halten
Ein weiteres Beispiel für das Hick'sche Gesetz mit Bezug zu Poker ist Einstellen des SNG-Angebots einiger bekannter Räume. Wenn ein Pokeranbieter zu viele Formate und Limits anbietet, kann das dazu führen, dass am Ende keins der Formate dauerhaft genutzt wird. Das BLAST-Angebot bei 888poker hat in der Folge aber einen höheren Traffic erreicht, nachdem SNGs vom Anbieter eingestellt wurden.
Gleiches gilt für "blinde Lobbys". Früher konnte man mithilfe der Lobby jeden Tisch und Spieler beobachten, aber jetzt gibt es nur noch eine Schaltfläche, um dem Format mit der jeweiligen Einsatzhöhe beizutreten. Hauptsächlich wollen die Anbieter damit "Bumhunten" unterbinden, aber es ist auch ein gutes Beispiel für das Hick'sche Gesetz. Man muss nicht mehr unnötig die Lobbys durchsuchen, um ein Format auszuwählen, sondern man kann einfach damit beginnen, was man in der Session zuvor gespielt hat.

Der Aufstieg der Solver ist ein weiteres Beispiel für das Hick'sche Gesetz. Eine der größten Debatten dabei ist die Frage, wie viele Betsizes ein Solver anzeigen sollte. Einige argumentieren, dass alle möglichen Optionen angezeigt werden sollten, da es im Bereich No-Limit nahezu keine Einschränkungen in dieser Hinsicht gibt. Andere sind der Meinung, dass man die Dinge einfach halten sollte und kleine, mittlere und große Betsizes völlig ausreichen. In den meisten Fällen kommt der Solver zu denselben Schlussfolgerungen, aber es ist deutlich einfacher, diese dann umzusetzen.
Generell ist das Hick'sche Gesetz eine gute Erinnerung daran, die Entscheidungsfindung so einfach wie möglich zu halten, denn immer weitere Alternativen in Erwägung zu ziehen, verbraucht eine Menge geistiger Ressourcen.
Welche Theorien, die nicht aus der Pokerwelt stammen, haben eurem Spiel geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!