Poker-Grundlagen: Final-Table-Deals nach Edge
ICM-Deal und Chip-Chop-Methode basieren auf mathematischen Berechnungsverfahren. Doch wie lassen sich Skillunterschiede der Spieler bei Deals im Turnierfinale einbeziehen?
In vorherigen Artikeln sind wir bereits auf die gängigen Methoden zur Berechnung von Deals an Finaltischen eingegangen, allen voran der ICM-Deal und die Chip-Chop-Methode. Heute werfen wir einen Blick auf die tatsächlich gängigste Form für Deals am Final Table, bei der Skillunterschiede zwischen den Spielern berücksichtigt werden.
Sowohl der ICM-Deal als auch die Chip-Chop-Methode setzten gleiche Fähigkeiten aller Spieler voraus. Die errechnete Höhe des Preisgeldes jedes Spielers hängt dabei einzig und alleine von dessen Stackgröße ab. Falls aber ein Spieler überzeugende Argumente vorbringen kann, dass er einen spielerischen Vorteil gegenüber den anderen hat, könnte er auch versuchen, einen besseren Deal für sich auszuhandeln als den reinen ICM-Wert.
Rufen wir uns das Beispiel aus den vorherigen Artikeln in Erinnerung. Folgende Grafik zeigt neben der regulären Auszahlungsstruktur den ICM-Wert und den Chip-Chop-Wert:
| Spieler | Chips | Möglicher Preis | ICM-Wert | Chip-Chop-Wert |
|---|---|---|---|---|
| Amy | 100.000 | $200 | $140,84 | $154,25 |
| Paul | 70.000 | $120 | $123,80 | $123 |
| Sophie | 50.000 | $80 | $108,96 | $102 |
| Tim | 20.000 | $50 | $76,40 | $70,75 |
Die Wahrscheinlichkeiten für die Endplatzierung jedes Spielers bei gleichwertigem Skillniveau:
| 1. Platz | 2. Platz | 3. Platz | 4. Platz | |
|---|---|---|---|---|
| Amy | 41,7% | 31,9% | 20% | 6,4% |
| Paul | 29,2% | 31,2% | 27,5% | 12,2% |
| Sophie | 20,8% | 25,4% | 33,2% | 20,6% |
| Tim | 8,3% | 11,6% | 19,3% | 60,8% |
Nehmen wir nun an, Amy hätte durch ihr exzellentes Spiel einen Vorteil von 15% gegenüber dem verbliebenen Feld, wodurch sie die restlichen Spieler überzeugen kann, dass ihr ein lukrativerer Deal zusteht. Beim Spiel mit hohen Blinds während der Endphase eines Turniers sind die Möglichkeiten von Turnierexperten begrenzt, den eigenen Vorteil tatsächlich auszuspielen. Die sogenannte "Edge" mit 15% zu beziffern, scheint daher angemessen.
Da alle Spieler den Mincash von $50 sicher haben, ziehen wir 4x $50 vom Preispool ab, sodass $250 im Preispool verbleiben. Als Basis der Berechnung bleibt der Final-Table-Deal nach ICM bestehen. Die Spieler einigen sich nun jedoch Amys überragenden Skill mit 15% extra zu honorieren und treten ein Teil des eigenen ICM-Wertes an sie ab.
Amy hätte sich so einen Gesamtpreis von $154,66 ausgehandelt. Zusätzlich zum $50-Mincash würde man dann die verbliebenen $145,34 unter den restlichen Spielern aufteilen, was sich wie folgt darstellt:
| Spieler | Chips | Möglicher Preis (nach Mincash) | Verbliebener ICM-Wert | Deal inkl. Mincash |
|---|---|---|---|---|
| Amy | 100.000 | $150 | $90,84 (+$50 Mincash) | $154,66 |
| Paul | 70.000 | $70 | $73,80 (+$50 Mincash) | $117,39 |
| Sophie | 50.000 | $30 | $58,96 (+$50 Mincash) | $103,74 |
| Tim | 20.000 | 0 | $26,40 (+$50 Mincash) | $74,21 |
In der Praxis ist die genaue Edge einzelner Spieler schwierig zu beziffern, sodass der favorisierte Spieler üblicherweise einen Betrag vorschlägt und die verbliebenen Spieler entscheiden, ob sie die Forderung akzeptieren. Die nachfolgende Tabelle zeigt, wie ein solcher Deal während eines laufenden Turniers tatsächlich aussehen kann:
| Spieler | Chips | Deal |
|---|---|---|
| Amy | 100.000 | $155 |
| Paul | 70.000 | $115 |
| Sophie | 50.000 | $105 |
| Tim | 20.000 | $75 |
Bei Deals an Finaltischen kommen also nicht nur mathematische Berechnungsmethoden, sondern auch Verhandlungsgeschick zum Einsatz. Am Ende müssen alle Spieler mit dem Deal zufrieden sein, denn eine bestimmte Summe könnte für den einen lebensverändernd sein, für den anderen aber nur einen guten Tag im Büro darstellen.