GTO-Pokertheorie: Das Ellsberg-Paradoxon
Menschen neigen nicht nur im wahren Leben, sondern auch an den Pokertischen dazu, bekannte Risiken unbekannten vorzuziehen – selbst wenn es den eigenen Interessen widerspricht.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, in der ich einige der wichtigsten Themen abdecke, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Das Ellsberg-Paradoxon ist ein Konzept aus der Entscheidungstheorie und basiert auf einem Gedankenexperiment des renommierten Ökonomen Daniel Ellsberg aus den 1950er Jahren. Das Paradoxon beschreibt, dass Menschen oft Schwierigkeiten haben, Entscheidungen in ungewissen Situationen zu treffen. Dabei neigen sie dazu, bekannte Risiken unbekannten Risiken vorzuziehen, selbst wenn letztere ebenso wahrscheinlich sind. Dieses Verhalten kann zu suboptimalen Entscheidungen führen und schwerwiegende Auswirkungen im realen Leben haben.
Betrachten wir zur Veranschaulichung folgendes Gedankenexperiment: Stellt euch vor, euch liegen zwei Umschläge vor, einer in Rot und einer in Blau. Der rote Umschlag enthält 100 Pennies, während im blauen Umschlag entweder 0 oder 200 Pennies verborgen sind. Nun soll ein Umschlag zufällig ausgewählt werden, um anschließend die Anzahl der darin verborgenen Pennies zu schätzen.
In dieser Situation würden die meisten Menschen wahrscheinlich vorzugsweise den roten Umschlag wählen, da dieser eine bekannte Anzahl von Pennies enthält und somit die vermeintlich sicherere Wahl ist. Allerdings widerspricht diese Entscheidung dem Axiom der Rationalität, nach dem alle Optionen als gleich wahrscheinlich betrachtet werden sollten. In diesem Fall sollte es dem Probanden jedoch gleichgültig sein, welchen Umschlag er wählt, da keine Informationen darauf hinweisen, dass einer der Umschläge eine höhere Anzahl von Pennies enthält.
Doch auch im wahren Leben gibt es zuhauf Beispiele für dieses Paradoxon. So ziehen viele Menschen einen fest verzinsten Hypothekenkredit vor, anstatt sich für einen Kredit mit variablem Zinssatz zu entscheiden. Ein fest verzinster Kredit zahlt sich bei steigenden Hypothekenzinsen aus, war aber in der Vergangenheit nicht immer die bessere Wahl. Es scheint, dass viele bereit sind, einen Preis für die Sicherheit eines fest verzinsten Hypothekenkredits zu bezahlen.
Deal or No Deal?

Beim Poker lässt sich das Ellsberg-Paradoxon insbesondere bei Final-Table-Deals beobachten. Die meisten Pokerturniere werden mit einem ICM-Deal besiegelt, unter der Annahme, dass alle Spieler die gleichen Fähigkeiten besitzen. Nachdem die verbliebenen Spieler sich auf einen Deal geeinigt haben, gleicht ihr Preis dem Erwartungswert ihres Stacks. Für hypothetisch gleich gute Spieler macht es auf lange Sicht mathematisch keinen Unterschied, ob sie sich auf einen Deal einigen oder das Turnier zu Ende spielen.
Es gibt jedoch viele gute Gründe, sich auf einen Deal einzulassen, allen voran der zukünftige Nutzen des Geldes. Die Möglichkeit, die Bankroll augenblicklich sicher auszubauen, könnte langfristig mehr wert sein, als der Versuch den Turniersieg zu erringen. Doch hier zeigt sich das Ellsberg-Paradoxon deutlich, denn viele ziehen es intuitiv vor, sich einen garantierten Preis zu sichern, anstatt sich der Ungewissheit auszusetzen, weiterzuspielen.
Während meiner Arbeit mit dem Mentalcoach Jared Tendler wurde deutlich, dass ich zu risikoscheu agierte. Ich foldete zu häufig und spielte viele Hände nicht aggressiv genug. Daraufhin gab mir Tendler einen Rat, der mir immer im Gedächtnis blieb: "Du hast nicht das Risiko des Nichthandelns kalkuliert."
Das Risiko der vermeintlichen Sicherheit

Er hatte absolut recht. Durch meine passive Spielweise entstanden enorme Opportunitätskosten, da ich zu viele Chips auf dem Tisch liegen ließ. Meine Risikoaversion war ein deutliches Beispiel für das Ellsberg-Paradoxon. Ich zog das bekannte Risiko des passiven Spiels vor, anstatt mein Geld in ungewisse Situationen zu investieren.
Das Ellsberg-Paradoxon zeigt sich auch, wenn Spieler Einsätze callen, obwohl die Chancen recht hoch sind, dass es sich nicht um einen Bluff handelt. Einige scheinen die Ungewissheit nicht ertragen zu können, ob sie möglicherweise die beste Hand gefoldet haben und entscheiden sich für einen schlechten Call, nur um sich Gewissheit zu verschaffen.
Poker ist ein Spiel mit unvollständigen Informationen, und das Ellsberg-Paradoxon sollte uns daran erinnern, dass wir manchmal bereit sein müssen, Risiken einzugehen, auch wenn der Ausgang unbekannt ist.
Welche Theorien, die nicht aus der Pokerwelt stammen, haben eurem Spiel geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!