GTO-Pokertheorie: Absoluter und relativer Erfolg
Der große Durchbruch bedarf stets einer Prise Glück, während die alltäglichen Erfolge auf harter Arbeit basieren – sowohl im wahren Leben als auch beim Poker.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, in der ich einige der wichtigsten Themen abdecke, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Zweifellos spielt das Glück eine bedeutende Rolle im Leben und kann unser Schicksal maßgeblich mitbestimmen. Selbst ein Genie könnte, wenn es in Armut geboren wird, nur über begrenzte Möglichkeiten verfügen, sein Potenzial zu entfalten. Andererseits hat eine Person aus einer wohlhabenden Familie, trotz mittelmäßigen Intellekts, beste Voraussetzungen, ihr Leben frei und erfolgreich zu gestalten. Die verschiedenen Lebensumstände dürfen jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass jede Erfolgsgeschichte auf Fleiß und Entschlossenheit zurückzuführen ist. Wie bringt man diese scheinbar widersprüchlichen Erkenntnisse nun in Einklang?
In diesem Zusammenhang schlägt der Autor James Clear eine Differenzierung zwischen absolutem und relativem Erfolg vor. Absoluter Erfolg wird im Vergleich zur gesamten Menschheit betrachtet, während sich relativer Erfolg an einer Vergleichsgruppe bemisst. Ein Hochschulabsolvent aus einer bildungsfernen Familie wäre ein Paradebeispiel für relativen Erfolg. Multimilliardär Elon Musk hingegen ist die personifizierte Verkörperung von absolutem Erfolg.
Clear argumentiert, dass außergewöhnliche Fälle von absolutem Erfolg im Gegensatz zu relativem Erfolg stets vom Glück bestimmt werden. Dazu zitiert er Nassim Taleb, der darauf hinweist: "Alltäglicher Erfolg lässt sich durch Kompetenz und Fleiß erklären, während der ganz große Durchbruch immer ein Quäntchen Glück erfordert."
Top-Unternehmer wie Elon Musk sind jedoch Ausnahmen, bei denen herausragende Talente und das nötige Glück zusammenkommen. Der Leiter einer örtlichen Kette von Schuhgeschäften hat seinen Erfolg vermutlich eher seiner harten Arbeit und seinem Durchhaltevermögen zu verdanken.
Vergleiche dich mit Spielern, die im selben Boot sitzen

Obwohl ich selbst zahlreiche Pokerbücher verfasst habe, wäre es töricht, mich mit dem absoluten Erfolg eines Stephen King zu vergleichen. Ich bin mir jedoch bewusst, dass meine Bücher vergleichbare Verkaufszahlen erzielt haben wie die Werke anderer Pokerautoren, was für mich persönlich relativen Erfolg darstellt.
Pokerturniere spiegeln diese grundlegende Unterscheidung besonders deutlich wider. Niemand sollte sich mit Jamie Gold vergleichen, der das größte Preisgeld in der Pokergeschichte eingestrichen hat. Bei dieser außergewöhnlichen Erfolgsgeschichte spielte Glück zweifellos eine entscheidende Rolle.
Eine Pokerkarriere ist nicht daran zu bemessen, wie man beim WSOP Main Event abschneidet. Die Performance in den Partien, die man täglich spielt, spiegelt die eigenen Fertigkeiten deutlich aussagekräftiger wider. Wer über einen langen Zeitraum nachhaltig $22-Turniere schlägt, kann am Ende des Jahres stolz auf seinen relativen Erfolg zurückblicken. Dabei misst man sich über eine große Samplesize hinweg mit anderen Regulars und nicht mit dem absoluten Erfolg eines Main-Event-Gewinners.
Harte Arbeit zählt mehr denn je

Die Bedeutung umfangreicher Samplesizes und die starke Aussagekraft eines Jahresgraphen sollte den meisten Pokerspielern ebenso bekannt sein wie der Einfluss der Varianz.
David Lappin hat es treffend auf den Punkt gebracht und vorgeschlagen, die drei größten Gewinne aus der Hendon-Mob-Statistik eines Live-Pokerspielers zu streichen, um ein aussagekräftigeres Bild einer Pokerkarriere zu erhalten. Ohne den Sieg des Main Events würde die Statistik vermutlich ernüchternde Ergebnisse bei Jamie Gold zutage fördern.
Es wäre jedoch ein Fehler, das Konzept des absoluten Erfolgs als Ausrede anzuführen, auf eigene Anstrengungen zu verzichten. Meiner Meinung nach zählt harte Arbeit mehr denn je. Allerdings sollte man bei der Beurteilung darauf achten, sich mit Gleichgesinnten zu vergleichen und nicht mit den vom Glück gesegneten Ausnahmetalenten, die es an die Weltspitze geschafft haben.
Welche Theorien, die nicht aus der Pokerwelt stammen, haben eurem Spiel geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!