GTO-Pokertheorie: Gezieltes Training
Effektives Training muss zielgerichtet und anspruchsvoll sein, um Früchte zu tragen. Das Verfolgen eines Streams bei einer Tasse Kaffee kann nie der Königsweg für die Weiterentwicklung sein.

Wer sich für Poker interessiert, bekommt zwangsläufig auch Einblicke in andere Wissens- und Themenfelder wie Wirtschaft, KI, Psychologie und Spieltheorie. Daher gibt es eine neue Artikelreihe, in der ich einige der wichtigsten Themen abdecke, die auch Anwendung beim Spiel finden, das wir alle kennen und lieben.
Das Konzept des zielgerichteten Trainings wurde erstmals vom Psychologen Anders Ericsson beschrieben. Diese spezifische Form des Trainings zielt darauf ab, die Leistung für eine bestimmte Aufgabe zu optimieren. Bei dieser Methode werden zunächst klare Ziele definiert, um anschließend mithilfe von kontinuierlichem Feedback die Aufmerksamkeit gezielt auf die Bereiche zu lenken, bei denen Verbesserungen notwendig sind.
Ericsson veröffentlichte im Jahr 1993 einen wissenschaftlichen Artikel zu diesem Thema mit dem Titel "Die Rolle des gezielten Trainings im Zusammenhang mit Spitzenleistungen". In dieser Studie standen die Trainingsmethoden von Experten und Nicht-Experten unterschiedlicher Fachgebiete im Fokus. Dabei wurde deutlich, dass Experten in Bereichen wie Musik, Schach und Sport im Gegensatz zur Kontrollgruppe ihre Expertise durch Tausende Stunden gezielten Trainings erworben hatten.
Gezieltes Training unterscheidet sich grundlegend von herkömmlichem Training oder der routinemäßigen Wiederholung von Übungen. Der Fokus liegt vielmehr darauf, sich auf klare Ziele zu konzentrieren, aktiv nach konstruktivem Feedback zu suchen und notwendige Anpassungen vorzunehmen, um die eigene Leistung zu optimieren. Es handelt sich hierbei um einen aktiven Prozess, der kontinuierliche Anstrengung und Hingabe über einen längeren Zeitraum hinweg erfordert.
Zu den Elementen des gezielten Trainings gehören:
- Klar definierte, spezifische Trainingsziele
- Die Ziele während des Trainings fokussieren
- Sofortiges Feedback einholen
- Über die eigene Komfortzone hinausgehen
Während meiner Recherche zu diesem Thema sind mir zwei eindrucksvolle Beispiele besonders im Gedächtnis geblieben. Zum einen André Agassi, der als Kind einen Tennisballwerfer im Garten hatte, was es ihm ermöglichte, sein überragendes Rückschlagspiel zu entwickeln. Zum anderen David Beckham, der seine Kindheit anscheinend damit verbrachte, Eckbälle auf dem Platz neben seinem Haus zu üben. Wer ihn je spielen sah, weiß um seine außergewöhnlichen Fähigkeiten bei Ecken und Flanken. Beide Sportler widmeten Tausende von Stunden dem gezielten Training einer spezifischen Technik, wodurch es ihnen gelang, Weltklasseniveau zu erreichen.
Solver weisen uns den Weg
Es ist kaum zu übersehen, wie sich gezieltes Training auf Poker übertragen lässt, denn die Hilfsmittel, mit denen wir uns heutzutage dem Spiel nähern, beinhalten von Grund auf äußerst gezielte Lernmethoden.
Dank moderner Solver-Technologien besteht nun die Möglichkeit, Spielsituationen mit bisher unerreichter Präzision zu trainieren und dabei feinste Nuancen herauszuarbeiten.

Mithilfe von PokerTracker lassen sich spezifische Spots zur eingehenden Analyse herausfiltern. Man kann beispielsweise sämtliche Hände analysieren, bei denen man auf dem Turn mit einem Check/Raise konfrontiert wurde, um diese Situation gezielt zu trainieren. Diese Methode erleichtert es, komplexe Spielsituationen zu kategorisieren und im Detail zu verstehen.
Auch Tools wie Pairrd, PokerSnowie und ICMIZER eignen sich hervorragend dazu, gezielt an bestimmten Spielsituationen zu feilen. Wer beispielsweise All-in-Situationen mit 15 Big Blinds trainieren möchte, erhält vom Solver sofortiges Feedback und kann ähnliche Situationen in beliebiger Vielfalt simulieren und trainieren.
Passive Lernmethoden meiden
Ein Weg, die eigene Komfortzone zu verlassen, könnte der schiere Zeitaufwand sein, den man dem Lernen widmet. David Peter hat mir in diesem Zusammenhang berichtet, dass er sich täglich 16 Stunden lang mit PIO-Simulationen beschäftigt, wenn er nicht gerade spielt. Meiner Meinung nach ein Paradebeispiel für gezieltes Training außerhalb der Komfortzone.
Situationen zu analysieren, bei denen man regelmäßig den Kürzeren zieht, kann zwar schmerzhaft sein, fördert den Lernprozess jedoch erheblich. Zudem ist es durchaus wahrscheinlich, dass dabei Schwachstellen des eigenen Spiels ans Licht kommen, die der Gegner erkannt hat und geschickt ausnutzen konnte.

Vor der Einführung der Solver gab es beim Poker nur die Möglichkeit, sich aktiv durch Spielen zu verbessern. Heutzutage können moderne Technologien tausende Stunden Praxis ersetzen, ohne dass man dabei auch nur einen Cent riskieren muss.
Das Gegenteil von gezieltem Pokertraining ist das Anschauen eines Trainingsvideos oder eines Twitch-Streams. Diese passiven Aktivitäten sind prädestiniert dazu, abzuschweifen und sich einzureden, etwas Produktives getan zu haben. Das bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie als Lernmethoden nutzlos sind, aber es ist ratsam, dabei klare Lernziele zu verfolgen und sich aufmerksam Notizen zu den Inhalten zu machen.
Welche Theorien, die nicht aus der Pokerwelt stammen, haben eurem Spiel geholfen? Wir freuen uns auf eure Kommentare!